Jahrgang 
15-26 (1862)
Seite
250
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Uovellen

aber ſie kam nicht. Es war das Jahr 1848; ich brauche darüber nichts Weiteres zu ſagen.

Es war am Mittag des 21. März. Gumal hatte den ganzen Tag über von Selbſtmord und dergleichen

ſchrecklichen Dingen geſprochen; ich hatte dazu gegähnt

und ihm gerathen, ſich lieber nicht todtzuſchießen, da man uns von anderer Seite her daſſelbe Vergnügen bald ma⸗ chen könne.

Wir rauchten wieder. Meine Leſer brauchen darüber nicht ungeduldig zu werden, denn es iſt jetzt das dritte und letzte Mal; dem unglücklichen Gumal nahte die Löſung ſeines Geſchickes mit Rieſeuſchritten, obgleich wir es noch nicht ahnten.

Da dringt durch weite Ferne gedämpfter Trommel⸗ wirbel an unſer Ohr, langgezogener Hörnerklang miſcht ſich darein, ich werfe die Cigarre fort und rufe hoch⸗ auflauſchend:Generalmarſch!

In demſelben Augenblicke ſtürzt Friedrich, dieſes Mal im Waffenrocke, mit einem Stiefel und einem Pantoffel an den Füßen, herein und beſtätigt mein Wort durch den Ausruf:Es wird Alarm geblaſen, Herr Lieutenant; ſie ſagen unten, der Teufel wäre auch bei uns in der Stadt los!

Es war keine Zeit zu langem Fragen. Der General⸗ marſch wirkt auf jeden Soldaten elektriſch, ſelbſt wenn er ihn nur zu einer militai chen Uebung ruft, wie viel mehr, wenn es in blutiger Zeit blutigen Ernſt gilt! Der erſte Ton des Signalhorns oder der Trommel ruft dann dieſen Ernſt recht lebendig wach, der Soldat iſt damit in ſei⸗ nen wahren Beruf verſetzt, es kann für ihn nichts Erhe⸗ benderes geben, und mit dieſen Tönen baut ſich eine Schranke hinter ſeiner Vergangenheit auf, er lebt jetzt nur noch für den Augenblick.

Ich drückte Gumal, der wie ein Beſeſſener aufſprang und deſſen Augen in ihrem reinſten Blau leuchteten, flüch⸗ tig die Hand und eilte nach meiner Wohnung, um Helm,

BZeitung.

[VIII. Jahrg. Schärpe und Torniſter anzulegen. wartete mich dort ſchon.

Aus einem fernen Stadttheile tönten einzelne Flinten⸗ ſchüſſe herüber; es war dort noch kein Kampf, aber man baute Barrikaden und beluſtigte ſich mit Freudenſchüſſen.

Auf dem Sammelplatze des Bataillons traf ich wieder mit Gumal zuſammen, er ſchien ein ganz anderer Menſch geworden zu ſein.

Ich werde heute fallen, ſagte er ſehr ernſt zu mir, denn ich hoffe, daß es ordentlicher Ernſt werden wird. Wünſchen Sie mir das auch, bei den verfl fünfhundert Thalern bleibt mir doch nichts Beſſeres übrig.

Thun Sie mir den einzigen Gefallen und ſprechen Sie mir in dieſem Augenblicke nicht von Geld, bat ich, das wird ſich Alles ſchon nachher finden.

Der achte Zug marſchirt nach dem markte und be⸗ ſetzt die Häuſer an der Mündung der ſtraße! rief der herangaloppirende Adjutant;der ſiebente folgt als Re⸗ ſerve und bleibt am Ausgange der Straße.

Meine Leſer werden ſich erinnern, daß Gumal den achten Zug führte, ich den ſiebenten, zu den bezeichneten Häuſern gehörte das des Banquiers Goldſtein.

Ich gratulire, Gumal, rief ich ihm luſtig hin⸗ über.

Er hörte mich nicht mehr; er war mit ſeinem Zuge ſchon im Laufſchritt der franzöſiſchen Chasseurs de Vin- cennes.

Verſetzen wir uns nun einmal in das Haus Papa Goldſteins.

Wenn ein Menſch unter Allen ſämmtlichen Revoluti⸗ onen und Volks⸗Emeuten abhold iſt, ſo iſt es gewiß der Banquier, der doch einen gewiſſen Vorrath an baarem Gelde in ſeinem Comptoir haben muß, eine verlockende Waare für den beute⸗ und raubluſtigen Pöbel. Ich will damit keineswegs ſagen, daß der März 1848 einen ſol⸗ chen Pöbel zu Tage gefördert hätte; wie dem aber auch an

Mein Friedrich er⸗

Unter⸗Präfecten einer Aufmerkſamkeit verdanke, die ſelbſt dem Liſtigſten unter den eine Anſtellung ſuchenden Yankees Ehre machen würde. Herr F., einer der wichtigſten Miniſter der jetzigen Dynaſtie in Frankreich, beſitzt ein ſehr hübſches Landhaus bei der Stadt T., wo er gelegentlich einige Wochen ſich aufhält, um ſich von der auf ihm liegenden Geſchäftslaſt zu erholen. Von dieſem Landhauſe aus hat man eine reizende Ausſicht nach den Pyrenäen in ihrer ſüdlichen Lage, doch unglücklicher Weiſe war dieſe Ausſicht aus einem der Fenſter des ſchönſten Salons durch eine lange Reihe hoher Pappeln, die die Grenze des Eigenthums der Tochter des Herrn D. bildet, verſteckt. Kurz nach ſeiner Vermählung wurde Herr de P. gewahr, welche Quelle großen Verdruſſes dieſe Baum⸗ reihe fur den mächtigen Miniſter war. Wir wiſſen nicht, was er ſagte oder dachte, doch eine Thatſache iſt gewiß. Als Herr F. kurz nachher eines Morgens aus jenem Fenſter ſeines Salons ſah, konnte er das ganze Gebirge überblicken nicht ein Baum, nicht ein Zweig, nicht ein Blatt ſtellte ſich der Ausſicht mehr entgegen. Die lange Baumreihe war in einer einzigen Nacht gefällt worden. Konnte die Gefälligkeit weiter getrieben werden? War ſie nicht eines Höflings des großen Monarchen würdig? Natürlich wurde von keiner Seite ein Wort darüber geſprochen, doch nach einer ſo kurzen Zeit, alsdie ſchuldige Achtung für die Meinungen der Menſchheit es erlaubte, Apfing Herr de P. ſeine Ernennung als Unter⸗Präfect in A, und wenn die Herren Slidell und Maſon Europa erreichen und der Erſtere, nachdem er am Hofe der Tuile⸗ rien empfangen worden ſein wird, das kaiſerliche Gefolge in der gewöhnlichen Sommer⸗Excurſion nach den Pyrenäen begleiten oder demſelben dahin folgen wird, ſo wird er es wahrſcheinlich für eine ſeiner angenehmſten Pflichten halten, der Frau de P. in ihrer

reizenden Zurückgezogenheit ſeine Aufwartung zu machen und ihng

in den ſchmeichelhafteſten Worten nicht bloß ſeine eigne ausgezeich⸗ netſte Hochachtung, ſondern auch die der ganzen ſüdlichen Con⸗ föderation zu verſichern. Man betrachte dann in dem großen Salon der Unter⸗Präfectur in A., und vielleicht in der Gegenwart der kaiſerlichen Majeſtät, den Sohn eines Talghändlersnin New⸗ york den Geſanden der Sclavenhalter und die Tochter einer Farbigen aus Louiſiana die Gattin des kaiſerlichen Unter⸗ Präfecten und man ſage, wer der Barbar iſt, der kleine fran⸗ zöſiſche Handelsmann oder der große Yankee⸗Sclavenhalter? C.

Literatur.

Ein Mundvoll Brod von Jean Macs. bei Guſtav Lücke. 1862. Oftmals trifft man in unſern heutigen Schriften über Na⸗ turkunde einen ungemein geſuchten, koketten Ton, ein gewaltſames Plauſiblemachen des Gegenſtandes für Jung und Alt.) Die Schriftſteller ſteigen zum ſchlechteſten Modegeſchmack des Pu⸗ blicums herab, ein Weg, der für ſie oft nicht weit iſt, und ſtimmen einen beliebten albernen Ton an, um ihren Zuhörern mundgerecht zu werden. Dieſer Ton iſt niedlich, er iſt der ange⸗ nehme petit maitre des Salons, elegant, ſinnig und gemüthlich in ſeiner vollendeten Abgeſchmacktheit. Er vergleicht die Natur⸗ verhältniſſe immer mit zufälligen Gebräuchen und Zuſtänden im Menſchenleben, und es ſind noch ſeine beſten abgedroſchenen Ver⸗ gleiche, wenn er den Sperling den Proletarier unter den Vögeln nennt und von der Monarchie der Bienen redet, noch alles da

Winterthur