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Dritte Folge.
Novellen-
Auf Freiersfüßen.
Aus dem Militairleben
von
Stanislaus Graf Grabowski.
„Ich hatt' einen Cameraden,
Einen beſſern find'ſt Du nit. Die Trommel ſchlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.“
Weun die Trommel auch nicht gerade zum Streite ſchlug, denn wir hatten damals ungefähr ſeit zweiunddrei⸗ ßig Jahren Frieden, und wenn wir beide auch nicht Schul⸗ ter an Schulter marſchirten, denn er pflegte den achten und ich den ſiebenten Zug zu führen, ſo paßt doch das Uebrige aus der erſten Strophe von Uhland's ſchönem Sol⸗ datenliede ganz gut zu dem Helden, den ich hier vorzufüh⸗ ren gedenke.
Ich will ihn Gumal nennen, obgleich das nur ſein Vorname war, den Vater und Mutter in irgend einem in⸗ diſchen oder nordamerikaniſchen Indiauerromane aufge⸗ gabelt haben mochten, meinetwegen auch Herrn von Gu⸗ mal, denn er war berechtigt, das zu Zeiten inhaltsſchwere Wörtchen„von“ ſeinem wirklichen Familiennamen vorzu⸗ ſetzen. Uebrigens war er einer unſerer älteren Seconde⸗ lieutenants, achtundzwanzig Jahre alt, hatte einen hohen, ſchlanken Wuchs, im Parade⸗ oder Ballanzuge eine Taille zum Zerbrechen, ſchöne weiße Häude, deren Finger er über⸗ reich mit Ringen zu zieren pflegte,— darüber ſpäter Nä⸗ heres— blondes Haar und einen ſorglich gepflegten Schnurrbart, der in das Röthliche ſpielte, endlich zwei ſee⸗ lenvolle blaue Augen, wenn ſie die Sorge nicht verdüſterte, was oft der Fall war.
Gumal oder Herr von Gumal war demnach ein leid⸗ lich hübſcher und auch leidlich verſtändiger junger Mann, — ich will mit dem letzteren Ausdrucke nur ſagen, daß er keine große Gelehrſamkeit beſaß und von Jugend an einen gewiſſen Abſcheu gegen ſie hatte,— er machte ſeinem Stande in jeder Beziehung Ehre und war ein vortrefflicher Camerad, der weder bei einer Bowle ausblieb, noch in in⸗ timerer Berührung mit ſeinen Standesgenoſſen warmer, freundſchaftlicher Theilnahme für ſie entbehrte.
Wir waren beſonders dadurch vertraut geworden, daß wir ſchon ſeit anderthalb Jahren bei einer und derſelben Compagnie ſtanden, ich als jüngſter Officier; wir erleich⸗
terten uns gegenſeitig den Dienſt, indem wir ihn uns ein⸗
ander abnahmen, wenn er dem Einen bei ſeinen Privat⸗
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Zeitung.
liebhabereien in die Quere kam; wir verplanderten manchen Abend bei einander und vertrauten uns unſere kleinen Geheimniſſe an; hatte der Eine überflüſſiges Geld, ſo hatte es auch der Andere, aber das kam, die Wahrheit zu geſtehen, nicht oft vor. Hin und wieder ließ ſich Heine's Wort, bezüglich der beiden treubefreundeten Polen bei ihren ge⸗ meinſchaftlichen Vergnügungen, auf uns anwenden:
„Und da Keiner wollte leiden,
Daß der Andre für ihn zable,
Zahlte keiner von den Beiden.“
Ich möchte, ſo wenig Anſpruch ich ſtets auf die Befä⸗ higung zum Lehrer der praktiſchen Moral gemacht habe, Jeden warnen, ſeine Bedürfniſſe nicht baar zu bezahlen; es lebt ſich ſo ſüß in dem Bewußtſein fort:„du haſt Cre⸗ dit,“— aber eines ſchönen Tages kommen doch die blauen Briefe in die Kreuz und Quere liniirt, drei oder vier Wo⸗ chen ſpäter, wenn man in edler Entrüſtung ſie nicht einer Antwort gewürdigt hat, an das Regimentscommando, und— das Erwachen iſt dann ſchrecklich. Das war eben der Wurm, der an Gumal's Herzen nagte,—
„Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht, Der Uebel größtes aber ſind die Schulden.“
Darum ſagte ich vorher, ſein blaues Auge ſei oft durch
Sorgen pechſchwarz geworden. Wenn ich zu ihm kam, lag er oft auf dem Sopha und rauchte, ein übles Zeichen bei ihm, denn er liebte es als leidlich verſtändiger Menſch nicht, mouatlich die Hälfte von einem Gehalte von 19 Thlr. 22 Sgr. 6 Pf. in die blaue Luft zu verpaffen.
„Sie haben irgendwo Schmerzen?“ fragte ich dann ziemlich regelmäßig.
„Ja, theuerſter Freund und Camerad, mir thut das Herz und auch meein Kopf ſehr wehe.“
„Sie ſind doch nicht etwa verliebt?“
„Ach nein,“ erwiderte er verächtlich,„ich würde mich höchſtens in den verlieben können, der ſich eutſchlöſſe, mir fünfhundert Thaler auf zwei Jahre zu fünf Procent zu borgen.“
„In zwei Jahren werden Sie ohne Zweifel Premier⸗ lieutenant ſein,— fünfhundert Thaler zu fünf Procent machen bis dahin fünfzig Thaler; bedenken Sie, daß Sie als Premier monatlich nur fünf Thaler Gehalt mehr haben.“
„Welche kleinliche Berechnung!“ ſeufzte er, ſich in eine mächtige, verzweifelnd herausgeſtoßene Rauchwolke hüllend, „das hätte ich von Ihnen nicht erwartet!— Sie wiſſen wohl keine Quellen mehr?“
„Wahrhaftig nicht, ſonſt würde ich ſie ſelbſt benutzen. Ich habe auf drei Monate prolongiren müſſen.“
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