Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
188
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gen, und als ſie ſich wieder nothdürftig geſtärkt fühlte, ſtieg ſie zur alten Burg hinauf, kniete auf ver Stelle, wo der arme Michael ſein Leben geendet, nieder und betete dort für ſeine Seele und für Vergebung ihrer Schuld. Seit⸗ dem hat ſie dieſen Gang täglich um die Stunde vor Son⸗ nenuntergang unternommen, und weder das ſchlechteſte Wetter noch die Winterkälte kann ſie davon abhalten, auch leidet ſie durchaus keine Begleitung, ſelbſt nicht die mei nige. Der alte Wrtba verſprach dem Arzte, was er nur irgend verlange, weun er ſeiner Tochter die Sprache wie⸗ derzugeben vermöge, dieſer aber erklärte mit größtem Be⸗ dauern, daß alle ärztliche Knnſt dies nicht im Stande ſei und daß nur ein gleich heftiger Schreck dies vielleicht einſt bewirken könne. Als damals gleich nach dem Unglück dem Richter die Leiche ſeines Sohnes ins Haus gebracht wurde, artete deſſen Schmerz in wüthendes Toben gegen Janka und ihre Eltern, ja gegen Gott aus, und er ſchwor den Erſteren ewigen Haß und Feindſchaft, worin er auch bis dieſen Augenblick beharrt, und nur der Gedanke, daß die Gerechtigkeit Gottes Janka der Sprache beraubt habe, hat ihn mit Gott wieder ausgeſöhnt. Janka aber geſun⸗ dete und erſtarkte wieder vollſtändig, und zu Aller Verwun⸗ derung kehrte auch bald ein gewiſſer Grad von Heiterkeit in ihr Gemüth zurück, was ich, da ich ihr Inneres ſo ge⸗ nau kannte, mir ſehr leicht erklären kounte. Ihr feſter Glaube au ein weiſes Walten der Vorſehung, die ſie nur zum Werkzeuge ihrer unerforſchlichen Pläne erkoren, und die Ueberzeugung, daß Gott ſie nach kurzer Zeit mit ihrem geliebten Michael in den Gefilden der Seligen zu unvergänglichen Freuden wieder vereinigen werde, ver⸗ ſcheuchte ihren Gram und kräftigte den Frieden in ihrer Bruſt. Nach wie vor treibt ſie mit dem ſonſtigen Eifer ihre Geſchäfte, ja die Mutter hat ihr nach und nach die Führung der ganzen Wirthſchaft überlaſſen, da jene bei ihrem phlegmatiſchen behaglichen Gemüth das Unglück ihrer Tochter gar nicht ſo hart fühlt und meint, daß ver⸗

Uovellen-Zeitung.

mehrte Arbeit für die Tochter ein Erſatz für das Entbeh⸗

ren der Sprache ſei. Janka weiß ſich allen Dienſtleuten

ohue viel Geſticulationen verſtändlich zu machen und för⸗

dert ſo ſtill und geräuſchlos ebenſoviel als die ſonſt brave

Mutter mit vielem Geräuſch.

Jetzt, lieber Herr, wiſſen Sie das unglückliche Schick⸗ ſal Janka's und werden der Armen ihr Mitleid gewiß nicht verſagen. Aber ich bitte Sie nun auch dringend, mich jetzt zu entlaſſen, denn meine Frau wird ſich ängſti⸗ gen, daß ich ſo lange ausbleibe, was ſie von mir nicht ge⸗ wöhnt iſt. 3

Mit wenigen Worten dankte ich ihm für ſeine Mit⸗ theilung, öffnete die Thür und wünſchte ihm eine gute Nacht, froh daß er ging, denn es drängte mich allein zu ſein, um die widerſprechenden Gefühle in meiner Bruſt ohne Zeugen austoben und ſich beruhigen zu laſſen.

.(Fortſetzung folgt.)

Sonette von Robert Hamerling.

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Heut' lallen an der Mutterbruſt, der weichen, Zu Roſſe morgen zieh'n in ſtolzem Trabe, Und übermorgen dann als müder Kuabe

Mit grauen Haaren an der Krücke ſchleichen;

Das Glück erſpäh'n und nimmer es erreichen;

Sich hundertmal als einzig ſüße Labe

Den Tod erfleh'n und ſchaudern vor dem Grabe; Das Sein verwünſchen, vor dem Nichts erbleichen;

gewonnen worden ſein. Wie ſich leicht denken läßt, findet ſich bei ſo großem Gewinne auch die Leidenſchaft des Spiels ein, die in Cariboo eben ſo leidenſchaftlich wie in Californien und Auſtralien befriedigt wird. Dagegen verdient es Erwähnung, daß man aus dieſem neuen Goldlande durchaus nichts von Verbrechen vernimmt, wie ſie ſo häufig aus Californien und Auſtralien berichtet worden ſind. Alle Streitigkeiten über die Rechte der Goldgräber, ſo wie über die Grenzen der Claims wurden von den engliſchen Behör⸗ den geſetzlich geſchlichtet.

Schließlich wollen wir noch erwähnen, daß Alle, welche 1861 ſich in Cariboo mit Goldſuchen beſchäftigt haben, befriedigt ſind, und zwar die Glücklichen durch die bereits erlangten Erfolge, die minder Glücklichen wegen der Ausſicht, daß ſie im Laufe dieſes Jahres eine reiche Ausbeute machen werden.

Daß außer den eigentlichen Goldſuchern in Cariboo auch Wirthe, Handelsleute ꝛc. ſehr gute Geſchäfte machen und ſich theilweiſe noch ſchneller bereichern als jene ſelbſt, bedarf kaum der

Erwähnung, und von dem in dieſer Art erlangten Reichthume 1 9

werden manche Beiſpiele von dem Times⸗Correſpondenten ange⸗ führt, auf deren Aufzählung wir uns hier nicht einlaſſen wonen

Zur Literaturgeſchichte. Arſprung des Märchens Aſchenbrödel.

Es gibt nichts Unverwüſtlicheres und weiter Verbreitetes als die Märchen. Mit welchem Vergnügen lauſchen die Kinder nicht, wenn ihnen die Mutter oder das Kindermädchen die Geſchichte

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des kleinen Däumling, des geſtiefelten Kater, Rothkäppchens, des Blaubarts, des Eſelfells oder der Aſchenbrödel erzählt, die doch ſchon ſeit Jahrhunderten die Kinder erfreut und beluſtigt haben und nicht bloß in Deutſchland, ſondern eben ſo gut in Italien und Frankreich. In Italien ließ Giovanni Battiſta Ba⸗ ſile im Jahre 1674 ſeine Pentamerone erſcheinen, der alle dieſe Märchen im neapolitaniſchen Patois erzählt. Zehn Jahr ſpäter erſchienen in Frankreich Les Contes de Perrault, und wie ſehr beliebt dieſe Märchen dort noch immer ſind, zeigt ſich am beſten aus der jetzt in Paris erſcheinenden Prachtausgabe, auf deren Erſcheinen wir kürzlich in der Novellen⸗Zeitung aufmerkſam ge⸗ macht haben.

Es wäre ſicher recht intereſſant, wenn ſich nachweiſen ließe, von welchem Volke und aus welcher Zeit dieſe Märchen ſtammen und wie ſie ſich nach und nach weiter verbreiteten. Daß ſie wenig⸗ ſtens theilweiſe ſehr alten und orientaliſchen Urſprungs ſind, zeigt ſich in einer Erzählung des Strabon aus Amaſia, der zur Zeit von Chriſti Geburt lebte, die er aus den Hieroglyphen eines Obe⸗ lisken entziffert haben will und die ganz den Anſchein hat, als bilde ſie die erſte Grundlage der Aſchenbrödel. Die Heldin des Märchens heißt Rhodope; der König, der ſich, ohne ſie zu kennen, wegen ihres niedlichen Fußes in ſie verliebt, führt den Namen Flametichus. Rhodope begibt ſich an das Ufer des Nils, ſetzt dort ihre Pantoffeln, Tabteb genannt, die von purpurroth ge⸗ färbten Faſern der Palmezgearbeitet und uit wohlriechendem Gummi parfümirt ſind, in den Sand, dagegen die Füße in den

Nil. Kurz nachher ſtürzt ſich ein in der Luft ſchwebender Adler herab, ergreift einen der Tabteb mit ſeinem Schnabel, erhebt ſich mit demſelben in die Luft und fliegt davon. Der Zufall

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