Dritte Lolge.
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Novellen-Zeitung.
Die Stumme von Kloppay.
Nach der Schlacht bei Kulm bezogen die verbündeten Armeen in dem weiten, ſchönen Teplitzer Thale und auf den Nollendorfer Höhen Bivouaks, in deuen ſie längere Zeit ſtehen blieben. Das Cavallerieregiment, bei welchem ich als freiwilliger Jäger diente, fand ſeinen Platz auf einem terraſſenförmigen Bergplateau, das ſich au den Te⸗ plitzer Schloßberg anlehnte. Die Ueberſicht über das ganze Thal und über die darin lagernden Truppen gewährte einen reizenden und impoſanten Anblick, beſonders des Abends, wenn die Dunkelheit ſich immer dichter auf die Gegend breitete, und die Lagerfeuer allmählich in dem ganzen weiten Thale un auf den daſſelbe einſchließenden Höhen ſichtbar wurden.—
Der Kampf war beendet, und die gerechte Sache hatte geſiegt. Eben rollte der Donner des Retraiteſchuſſes das Thal entlang, dumpf durch das Echo der Berge beantwor⸗ tet, eben verkündete das Schmettern der Trompeten und der Wirbel der Trommeln das beſchloſſene Tagewerk, als bald die feierliche Stille des Gebetes eintrat. Jeder hatte die kalte unbarmherzige Hand des Todes geſehen, jeder konnte als Leiche auf dem Schlachtfeld liegen, und alle die durch Gottes ſchirmende Hand von den feindlichen Kugeln be⸗ wahrt blieben, ſchickten die wärmſten Dankgebete gen Himmel.—
Der feierliche Moment der frommen Handlung iſt vorüber, der hungrige Magen fordert ſeine Rechte, und Jeder ſucht in ſeiner Satteltaſche nach Lebensmitteln, um dieſelben nach gethaner Arbeit zu verzehren. Gllücklich
der, welcher wirklich noch etwas für den Hunger hatte, denn mit den Lebensmitteln war es augenblicklich ſehr
ſchlecht beſtellt. Die ausgeſchriebenen Verpflegungsgegen⸗ ſtände wurden von deu böhmiſchen Behörden theils mangel⸗ haft, theils nicht zur rechten Zeit, oder auch wohl gar nicht herbeigeſchafft, obgleich Alles contractlich abgemacht war. Dies war nicht zu verwundern, wenn anders etwas Ver⸗ hürgtes an einer Anekdote war, die damals allgemein er⸗ zählt wurde. Eine Deputation aus dem Saatzer Kreiſe ſollte nach Teplitz gekommen ſein und dem Kaiſer Franz
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vorgeſtellt haben, daß die ausgeſchriebenen Lieferungen
faſt nicht zu erſchwingen ſeien und ihnen ſelber für ſpätere Zeiten Mangel drohe. Der gute Kaiſer ſoll ihnen darauf treuherzig geantwortet haben:„Warum gebt erſch denn?“ b Die Deputirten ließen ſich dies nicht zweimal ſagen, die Antwort des Kaiſers auch nicht weiter auseinander ſetzen, vielleicht aus Beſorgniß, der Commentar könne un⸗ günſtiger für ſie lauten als der Beſcheid; ſie eilten nach
Hauſe und gaben Nichts, wenigſtens nicht ohne Zwang und Verzögerung; dadurch wurde der Mangel an Nah⸗ rung für uns höchſt empfindlich, und zu bedauern waren die, welche nicht int Stande waren, ſich dann und wann von der Marketenderin eine ſpärliche und zugleich ſchlechte Portion Eßwaare gegen ſchweres Geld einzutauſchen. Die armen Pferde kamen jedoch noch ſchlechter fort, denn Futter für dieſe war vicht zu kaufen, ſelbſt wenn man Geld dazu gehabt hätte. Um nun die armen Thiere nicht ganz zu Grunde gehen zu laſſen(denn trotz ihrer Pferdenatur iſt dies ſehr leicht möglich, und dieſelben leiden weit mehr als die Menſchen, die doch wohlfeiler ſind), ſollten auf höheren Befehl Fouragircolonnen ins Land geſchickt werden, um Alles zu nehmen, aber gewiſſenhaft darüber zu quittiren. Dies geſchah denn auch, und die Gegend um Teplitz war bald wie ausgeplündert. Natürlich beſchränkten ſich die abgeſandten Fouragircolonnen nur auf den Transport von Fourage, denn es war ſtreng unterſagt, die Pferde noch mit Lebensmitteln für Menſchen zu belaſten. Gewöhnlich wurden zu einem derartigen Commando alle die Pferde beſtimmt, deren Beſchlag defect geworden war, und die Er⸗ neuerung deſſelben wurde ebenfalls als Requiſitionsgegen⸗ ſtand betrachtet.
Eines Tages wurde mir die Sicherung einer ſolchen Expedition anvertraut, die aus einigen ſechzig Pferden be⸗ ſtand. Adolph, einer meiner Freunde, war beſonders bei ſolchen Zwecken brauchbar, und ich deſignirte daher den⸗ ſelben zu meinem Adjutanten. Die näheren Umgebungen waren ſchon ausgebeutet, denn in mehreren Ortſchaften hatten wir ſchon vergeblich geſucht. Um durch öfteres zweckloſes Forſchen nicht zu viel Zeit zu verlieren, beſchloß ich, ohne Aufenthalt ein Stück tiefer ins Land zu dringen, als vielleicht unumgänglich nothwendig geweſen ſein dürfte, und ich kam ſo nach einem mehr als zweiſtündigen Marſch in die Gegend des Städtchens Libochowitz. Ein kleines, aber freundliches Dörfchen vor der Stadt zog meine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich, denn es lag herrlich an dem Fuße eines ſteilen Abhauges, den eine Ruine maleriſch krönte, und ich beſchloß ſofort, daſſelbe durch unſere Theilnahme an ſeinem Wohlſtande zu beglücken.
Wir rückten ernſt, geſchloſſen und möglichſt impoſant ein und hielten vor dem anſehnlichſten Gehöft. Hier fehlte es nicht an Neugierigen, beſonders nicht an jugendlichen, wohl aber an ſolchen, die unſere Fragen zu verſtehen und zu be⸗ antworten vermochten. Nach vielen vergeblichen Be⸗ mühungen und manchen in den Wind geſprochenen Wor⸗ ten wurde endlich ein Mann mittlern Alters herbeige bracht, mit einem einfachen, ſehr abgetragenen Rock beklei⸗ det, auf deſſen Stirn der Stempel der lehrſant
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