Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
142
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Säulen getragener zierlicher Thurm. Das Innere ent⸗ ſpricht ihrem Aeußeren; die Kunſt gibt auch ihm ihre Weihe. Den Altar von Gypsmarmor ſchmückt ein koſtba⸗ res eiſernes Crucifix und ein Gemälde, das von Oeſer an⸗ gefangen(es war ſein letztes Werk), von Wenzel fortge⸗ ſetzt und von Schuorr vollendet ward; Taufſtein, Orgel u. ſ. w., Alles iſt muſterhaft. So iſt hier überall die Kunſt mit der Natur Hand in Hand gegangen, und wir haben jenen befriedigenden Eindruck, den wir immer da empfinden, wo wir Beide zugleich in ihren Werken feiern dürfen, wo nicht die Eine nur herrſcht zum Nachtheil der Andern. Auf derſelben Höhe wie das Schloß liegt auch die Gärtnerei, zu der nicht nur große Gewächshäuſer mit ſeltenen Pflanzen gehören, ſondern deren Terraſſe zugleich ein Vergnügungsort für die Umgegend iſt, ſo daß man hier nicht allein Erquickungen aller Art findet, ſondern zuweilen auch Concerte gehalten werden und dem Reiſenden ſich ein gutes Nachtquartier bietet.

Wir hätten es gern ſchon benutzt, denn es muß herr⸗ lich ſein von hier aus über den Wäldern und Bergen, zwiſchen Blumen und Kunſtwerken die Sonne aufgehen zu ſehen aber ein Verſprechen trieb uns fort, auf einen ähnlichen ſchönen Wald⸗ und Wieſenweg, wie wir gekom⸗ men, nach Penig. Ein freundliches, aber etwas zurückge⸗ bliebenes Städtchen, dem man es anſieht, daß es von keinem Schienenweg, keiner Hauptſtraße berührt, ein ſtil⸗ les ſchläfriges Daſein friſtet. Von einer weiten Wander⸗ ſchaft ermüdet auszuſchlafen, zu einer neuen ſich zu ſtärken, war aber dieſe Stille ein paſſendes Moment.

Am andern Morgen es war ein Sountag mit friedlicher Sabbathruhe, der das Läuten der Kirchenglocken die chriſtliche Weihe gab brachen wir zeitig auf und be⸗ fragten uns über den Weg nach Rochsburg.

Sie können über Amerika gehen, oder es auch jenſeit liegen laſſen war die Antwort und einige Rechts und Links als weitere Wegbeſchreibungen geſellien ſich hinzu und wen wir auch ſonſt fragten, immer blieb dies verhängnißvolle Wort:nach Amterika. Eine Fabrik war es, die man ſo nannte. Die Entſtehung dieſes Na⸗ meus ließ mehrere Deutungen zu. Mitten im Walde, am Fluſſe und vollkommen einſam gelegen gleich einer ameri⸗ kaniſchen Anſiedelung, gewährte dies aus vielen einzelnen Häuſern beſtehende Etabliſſeinent einen überraſchenden An⸗ blick. Unmittelbar von der Mulde ſtieg ein reizend ange⸗ legter Garten empor, der, mit den ſchönſten Blumen der Jahreszeit geſchmückt, eine zauberhafte Fülle von Duft und Glanz um ſich verbreitete. Das geſchmackvolle, zierliche, in einem der landſchaftlichen Umgebung entſprechenden Styl erbaute Wohnhaus ſtach nicht allzuſehr ab von den vielen großen und kleinen andern Gebäuden, die den indu⸗ ſtriellen Zwecken dienten. Eines befand ſich darunter, das einem langen Gartenſalon glich, mit bunten Glasfenſtern und von wildem Wein überrankt es trug in goldenen Lettern die Inſchrift:Warteſaal für die Arbeiter. Dieſe Rückſicht allein ſchon, ein freundliches Gebäude zu er⸗ richten, in dem die Arbeiter ſich bei ihrer Ankunft verſam⸗ meln, die entfernter wohneuden während des Mittags ihre Mahlzeit verzehren können, ließ uns auf die Huma⸗ nität des Beſitzers ſchließen. Das Etabliſſement iſt eine der größten Baumwollſpinnereien, aber es iſt außerdem

Uovellen-Zeitung.

noch faſt jeder Handwerkszweig dabei durch viele Arbeits⸗ ſtätten und Arbeiter vertreten, ſo daß man hier wieder in amerikaniſcher Manier ſich bei allen auf die Arbeits⸗ kräfte der Colonie beſchränken kann.

Immer romantiſcher wird der Weg durch das Mul⸗ denthal, der zum Rochsburger Forſte gehört, immer höher wachſen die Felſen auf, immer dichter wird die Waldung, die ſie bedeckt. Das Schloß Rochsburg, zu dem er führt, i*ſt eines der älteſten Sachſens, wo nicht das älteſte, denn es zählt nicht nur nach Jahrhunderten, ſondern weiſt auf ein Jahrtauſend zurück. Aehnlich wie Wolkenburg, aber noch höher und alterthümlicher erhebt ſich dieſe Veſte, eine der wohlerhalteuſten und größten deutſchen Ritterburgen. Eine Zugbrücke führt über einen in den rothen Felſen ge⸗ ſprengten Graben in den Vorhof der Burg. Durch ein größtentheils in den Felſen ſelbſt gehauenes Thor gelangen wir in den Zwinger, den hohe Mauern mit Schießſcharten umgeben, und durch ein zweites Thor in den eigentlichen Schloßhof und das als Quadrat erbaute Schloß. Im innern Hof iſt ein Brunnen von 160 Ellen Tiefe, der die Schloßbewohner mit eiskaltem Quellwaſſer verſorgt. Eine breite Treppe führt uns hinein; aller Stein iſt hier roth, und auch dieſe Stufen ſind von dem Felſen genommen, welcher die Burg trägt. Ein Ahnenſaal macht uns in manchen intereſſanten Portraits mit den Beſitzern und einſtigen Bewohnern des Schloſſes bekannt und zeigt noch außerdem ritterliche Alterthümer. Die kleine Schloßkirche iſt das älteſte Gebäude des Schloſſes, das vom Feuer, welches einſt jenes zerſtörte, unberührt blieb; eben ſo der Verließthurm, deſſen Mauer ziemlich ſechs Ellen dick und jetzt von einem Eingang durchbrochen iſt, den ſie früher nicht hatte. Einundfunfzig Ellen hoch erhebt ſich dieſer runde Thurm; von unten in ihn eingetreten blickten wir zu der ſchauerlichen Höhe empor, von der ſonſt nur durch die

obere Fallthür das einzige Tageslicht kam. Durch dieſe Fallthür wurden die unglücklichen Opfer ritterlicher Grau⸗ ſamkeit funfzig Ellen tief an Stricken hinabgelaſſen in dieſe ſchauerliche Einſamkeit, in die kein Laut hinein- noch her⸗ ausdrang, kein Strahl des Lichtes, außer beim Oeffnen jener Fallthür, wenn man die nothdürftige Nahrung an Stricken herabließ oder einen neuen Unglücksgefährten. Voll Schauder über dieſen Blick in die Sitten einer Ver⸗ gangenheit, die nicht nur von träumeriſchen Romantikern, ſondern auch von prüfenden Staatslenkern gefeiert wird, eilten wir aus der ſtolzen kalten Ritterburg wieder hinaus in die blühende, freie Natur und luſtwandelten in den Park, der ſonſt auch nur ein wilder Bärenzwinger war und

jetzt wohlangelegte Promenaden enthält.

Noch eine Strecke gingen wir ſo, von den Eindrücken der beiden herrlichen Burgen erfüllt, durch Wälder und V Felder weiter bis in das Städtchen Burgſtädt und von

da, am Tauerſtein vorüber, in das weithin ſich ſtreckende Dorf Taura. Der Tauerſtein beſteht aus einzelnen gleich⸗ ſam hingeworfenen Felſenſtücken und ſcheint einſt eine ſorbiſche Opferſtätte geweſen zu ſein. Stammt doch der ganze Name von dem ſorbiſchen Worte t'hora, Berg. Weiter hin, wo die Chemnitz in jugendlicher Friſche fließt, nimmt die Gegend wieder einen äußerſt romautiſchen Cha⸗ rakter an. Hier liegt das Schweizerthal, eine Fabrik von einer ganzen neuen Anſiedelung umgeben. Herrliche Wald⸗

[VIII. Jahrg.

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