Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
138
Einzelbild herunterladen

138

gen Gruß mit einer Art von Herablaſſung;wo iſt Ve⸗ ronika?

Ich glaube im Haus oben ſagte Marie mit leiſem Zittern.

Der Vater bemerkte es nicht in ſeiner Seligkeit, aber die Liſt, mit der ſie ihn durch die Lüge aus dem Gar⸗ ten und hinauflocken wollte, daß Matthias indeß entfliehen könne, ſchlug fehl eine Treppe namentlich zu ſteigen, hatte der Cantor wenig Luſt, der ſchon auf ebener Erde nicht ganz auf ſicheren Füßen ſtaud.So geh' hinauf und hole ſie herunter es ſtände ihr ein großes Glück bevor

Einen Augenblick noch zögerte Marie aber da ſie hier keinen Rath wußte, warf ſie nur einen flehenden Blick auf Houolka und giug es war eine Flucht ſie ver⸗ ließ damit wenigſtens den Schauplatz einer Scene, die ſich im nächſten Augenblick ſehr tragiſch entwickeln konnte noch waren Veronika und Matthias in der Laube ver⸗ borgen. Honolka beganu ſogleich dem Cantor Schmeiche⸗ leien über die heutige Kirchenmuſik zu machen, über ſein Dirigententalent, die gute Schule und prächtige Stimme ſeiner Veronika.

Der Cautor lächelte noch einmal ſo vergnügt und warf ſich in die Bruſt.Ja, Sie verſtehen die Sache, Herr Honolka, Sie ſind ein Muſicus es freut mich darum ganz beſonders, Sie hier zu ſehen

Ich kam auch nur, Ihnen meiune Aufwartung zu machen ich habe nicht allein Ihre Aufführung ſelbſt, ſondern auch den Muth bewundert, den Sie durch die Wahl Ihrer Muſikſtücke an den Tag legten das nenne ich noch Geſinnung! Sie haben eine formliche Demonſtration gemacht!

Der Cantor verſtand nicht recht, was Honolka ſagte, er war einzig und allein von der Huld des Biſchofs erfüllt, die ihm ſoeben zu Theil geworden und in deren Folge er herüber kam, fruͤher, als man ihn erwarten konnte.Se.

Uovellen

Zeitung.[VIII. Jahrg. Hochwürden hat mich auch ganz beſonders belobt, daß ich ſolche würdige, von keinem modernen Einfluß verdorbene Muſik habe aufführen laſſen, und er hat mich herüber ge⸗ ſandt, um ihm die holde Sängerin, wie er ſich ausdrückte, meine Veronika vorzuſtellen

Honolka ſtellte ſich ſtarr vor Erſtaunen.Keinen modernen Einfluß? wiederholte er fragend;wären dieſe Worte nicht dann glaubte ich, der Herr Biſchof ſelbſt wäre ein Anhänger der Zukunftsmuſik geworden

Die Reihe zu ſtaunen war jetzt an Jerwitz Alles drehte ſich mit ihm er hatte es vorhin Niemandem zu⸗ geben wollen, jetzt glaubte er doch, er ſei betrunken und verſtände nicht, was andere Leute ſprächen nurwie? undwas? brachte er ſtammelnd über ſeine Lippen.

Daß Fräulein Veronika die Arie ausTannhäuſer ſang, mochte noch hingehen es iſt ja ein Gebet und die Worte waren anders aber daß die Jutroduction aus Wagner'sLohengrin gerade während der Wandlung ge⸗ ſpielt ward, ſprach Honolka unbarmherzig weiter,war allerdings ein ſehr kühnes Unternehmen.

Jerwitz rief ungeduldig:Verouika! er taumelte und war dem Umſinken nahe.

Veronika ſtürzte aus der Laube, in der ſie ſchon längſt in athemloſer Spannung gewartet hatte; ſie konnte den Vater nicht ſinken ſehen.

Du biſt hier? ſagte er und fühlte ſich wieder nüch⸗ tern;komm mit in die Dechanei! Aber jetzt gewahrte er auch Matthias und tobte wieder auf:Was! er wagt es noch in mein Haus zu kommen? uur ein Wort brauche ich zu ſagen, und er wird abgeſetzt man will ſich nach ſeiner ferneren Aufführung erkundigen; von mir und dem Dechanten allein hängt es ab, ob er noch im Amte bleiben kann

Daun, ſagte Honolka,hängt vielleicht das Gleiche von mir bei Ihnen ab! Er holte ein Notenpacket aus der Laube und hielt es vor Jerwitz hin; es war die bewußte

gen ſein ſollten, mich zu befordern!Und Du, Louis, was würdeſt Du thun, um Dir Dein Brod zu eerwerben? Der kleine Knabe hatte das, was ſein Bruder ſagte, aufmerkſam angehört und ſchien noch darüber nachzudenken. Wie es ſchien, betrachtete er den Torniſter und die Muskete als zu ſchwer für ſich, denn nach einer kleinen Pauſe antwortete er ſeiner Mutter:Ich würde Veilchenſträußchen verkaufen, wie der kleine Knabe, der an dem Thore der Tuilerien ſteht, und dem Mama, wenn ſie vorübergeht, ſtets etwas gibt. Die Damen und Herren, welche das Geſpräch der Kinder angehört hatten, brachen vei der Antwort des kleinen Louis in ein lautes Gelächter aus.Lachen Sie nicht, meine Damen, ſagte die Königin mit einem ernſten Geſichte,es war tein Scherz. Ich beabſichtigte meinen Söhnen eine Lection zu geben, als ich ſah, daß ſie von dem Glanze unſerer Diamanten geblendet waren. Es iſt im Allgemeinen das Unglück der Prin⸗ zen, daß ſie ſich einbilden, von einem andern Stoffe als anece Menſchen gemacht zu ſein und keine Verpflichtungen gegen dieſel⸗ ben zu haben. Sie wiſſen nur ſelten etwas von menſchlichen Leiden und Bedürjniſſen und halten es faſt für unmöglich, ſelbſt von ſolchen betroffen zu werden. Sobald nun ein Unglück ſie betrifft, ſind ſie davon ſo erſchrocken und verwirrt, daß ſie nicht die Kraft in ſich finden können, ihm zu widerſtehen, und ſie werden davon niedergeſchmertert. Vor einem ſolchen Schickſal will ich meine Söhne zu bewahren ſuchen! Hortenſe küßte die beiden Knaben und begab ſich mit ihrem Geſolge in die Tuilerien. Die beiden kleinen Prinzen fuhren aber fort, ſich noch eine Zeit lang

VQęęęęꝭQOꝑQQꝭQQCQꝭOBBñꝛB⁊ę;pSͦn··˖:::ʒ·:·B:. ,

gelaſſen in der Welt wärſt? Was würdeſt Du thun, um Dich zu erhalten?Dann würde ich ein Soldat, antwortete Napoleon mit feurigen Augen,und würde ſo tapfer fechten, daß ſie gezwun⸗

davon zu unterhalten, ob es leichter ſei, ſich ſeinen Unterhalt als Soldat oder durch den Verkauf von Veilchenſträußchen am Thore der Tuilerien zu erwerben. C.

Aus der Gegenwart. 1 Leſſing⸗Feier.

Der Geburtstag Leſſing's ward am 22. Januar 1860 in Leipzig vom Schillerverein zum erſten Male feſtlich begangen. Die Veranlaſſung dazu war, neben dem Bedürfniß der Pietät und dem Wunſche, einem Genius zu huldigen, der erſt das Fun⸗ dament gründete, auf dem der Tempelbau der deutſchen Literatur erwuchs, namentlich das niederdrückende Gefühl, daß für den aus Sachſen hervorgegangenen Heros ſich noch kein Denkmal in Sachſen erhob, außer jenem Barmherzigkeitsſtift zu Kamenz, das nur ſeinen Namen trägt. Man wollte ihm in ſeiner Vater⸗ ſtadt Kamenz ein Denkmal errichten und feierte zu dieſem Zweck ein Feſt, deſſen Ertrag aus dem Entrée der Theilnehmer zu jenem Zweck beſtimmt war. Man wiederholte dieſe Feier auch in dem folgenden Jahre, und in dieſem konnte man bereits das Modell einer Leſſingbüſte von Knaur vorzeigen, welche beſtimmt iſt, in Erz gegoſſen Leſſing's Geburtsſtätte zu ſchmücken Hatte man ſich früher außer dem Feſtvortrage eines ausgezeichneten Redners (Prof. Wuttke, Prof. Adolph Stahr und Dr. Roderich Be⸗ nedix ſprachen an den drei Jahrestagen) auf muſikaliſche und declamatoriſche Vorträge beſchränkt, ſo hatte diesmal auch die bildeade Kunſt ihren Platz erhalten. Durch Beitritt des Künſtler⸗

vereins zu der Feier und die Bereitwilligkeit ſeiner Mitglieder und