132 Novellen-Zeitung. VVIII. Jahrg.
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Paar hatte ſich in inniger gegenſeitiger Liebe zu einauder Begeiſterung hatte er beſonders dem letztern Fach ſich ge⸗ gefunden, und als ſie dieſelbe Herru Cantor Jerwitz, Vero⸗ widmet, weſentliche Verbeſſerungen eingeführt, den Chor nika's Vater, bekannten, gab er mit Freuden ſeine Einwil⸗ ganz neu organiſirt und überhaupt das Muſikleben des ligung zu dieſer Verlobung mit ſeinem jüngeren Collegen, Städtchens geweckt. Ja, ſeine Muſikaufführungen hatten der— er mußte es ſich geſtehen— ihn an Talent und bereits in den Nachbarorteu Nachahmung gefunden, und Bildung überagte und durch ſich ſelbſt bezeugte, wie auch auch der Cantor Jerwitz ſuchte mit dem ſchnellgegründeten in dieſem Gebiet, trotz Concordat und Jeſuitismus, der Ruf ſeines künftigen Schwiegerſohnes zu wetteifern und Fortſchritt ſich geltend machte. Matthias war ein ausge⸗ ließ ſeitdem ſeine Töchter Veronika und Marie ſich auch zeichneter Lehrer und beſouders auch Muſiker. Eine herr⸗ fleißig im Singen üben und bei der Gelegenheit in der liche Tenorſtimme, die er beſaß, hatte einſt den Kampf in Kirche mitſingen. ihm veranlaßt, zwiſchen der Laufbahn eines Schullehrers Vor etwa acht Tagen hatten ſich die Liebenden zum und eines Opernſängers zu wählen— eine Zeit lang letzten Mal in vollem Glück geſehen— Matthias hatte hatte es geſchienen, als werde ſich der Sieg auf die letztere einige Tage ſpäter geſchrieben, daß er heute kommen werde Seite neigen, er hatte bereits die eifrigſten Geſangſtudien— und uun ward ihm auf einmal ein ſolcher Empfang! dazu gemacht, da lernte er Veronika kennen und bekam zu⸗ Endlich brachte er Veronika zu einer Erklärung. gleich ſein jetziges Amt. Noch war er unſchlüſſig, ob er Der Dechant hatte ihrem Vater geſagt, daß der darin bleiben oder ein Theaterengagement annehmen Biſchof, der am vorigen Sonntag auf einer Inſpections⸗ ſollte, das ſich ihm bot und allerdings noch nicht ſo glän⸗ reiſe in der Nachbarſchaft geweſen ſei, dort in der Kirche zend war, wie diejenigen, die ihn zu dieſer Carriere bere⸗ ganz weltliche Muſik als Meſſe gehört habe, und wie er in den wollten, es ihm Aufangs vorgeſpiegelt, aber das doch Erfahrung gebracht, exiſtire in Böhmen eine Art Ver⸗ die Hoffnung auf Verbeſſerung nicht ausſchloß. Als er ſchwörung, deren Mitglied auch Matthias ſei. Statt der aber vor Veronika bei ſeinem erſten Liebesantrag auch dieſe altehrwürdigen Muſiken Paleſtrina's und ſeiner Schule Pläne enthüllte, da legte ſich die düſterſte Wolke über ihr brächten die Theilnehmer derſelben nicht nur ganz ungeiſt⸗ erſt ſonneuhaft verklärtes Antlitz— ſie brach in Thrä⸗ liche Sachen, ſondern Stücke aus Werken mit heidniſchen nen aus und ſagte zwar, daß er um ihretwillen keinen Namen, wie z. B.„Prometheus“ von Franz Liſzt, und was andern Euntſchluß faſſen ſolle, als ſeine Wünſche ihn be⸗ noch ſchrecklicher ſei, Partien aus den Opern eines Ketzers, ſtimmten, daß aber nicht nur ihr Vater ſeine Tochter nie Revolutionairs, Verbannten und Verdammten, Richard einem Theaterſänger anvertrauen würde, ſoudern daß auch Wagner. Eines ſolchen kirchenſchänderiſchen Frevels ſie feſt überzeugt ſei, er werde ihr auf dieſer Laufbahn ver⸗ habe ſich auch Matthias ſchuldig gemacht— es werde ihn loren gehen. Wollte nun auch Matthias dies letzte Argu⸗ I daher ſtrenge Disciplinarunterſuchung, vielleicht Abſetzung ment bekämpfen, ſo verrieth ſich ihm doch dabei ihre eigne treffen. Noch entrüſteter, als der Dechant, ſei ihr Vater Abneigung gegen den Gedanken, die Braut eines Opern⸗ ſelbſt auf ihn und habe ſchon Veronika zwingen wollen, ihm b
mitgliedes zu ſein, ſo vollſtändig, daß er ſich dadurch be⸗ einen Abſagebrief zu ſchreiben, und auf ihre Weigerung ſtimmen ließ, in ſeinem bisherigen Berufe zu bleiben. habe der Vater erklärt, dann bei ſeinem nächſten Beſuch So war er nun ſeit bald einem Jahr Lehrer und Cher⸗ V Matthias ſelbſt ſeine Meinung zu ſagen und ihm das
leiter des Kirchengeſanges in der nächſten Stadt. Mit Haus für immer zu verbieten. Jetzt ſei er zum Glück noch
Feuilleton.
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Eine Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. dronnen war, wie das ſo mancher geht. Bei ihr lernte Helm⸗
brecht's Schweſter Gotelind Sticken und Nähen, das Mädchen Für uns Enkel iſt es von außerordentlichem Intereſſe, das und ihre Mutter verdienten es wohl an der Nonne, ſie gaben ihr Leben und Treiben unſerer Vorfahren in getreuen Schilderungen zum Lohn ein Rind, viele Käſe und Eier. Schweſter und Mut⸗ kennen zu lernen, ganz beſonders beim Stande des Landmannes ter ſchmückten den Knaben noch mit feinem Linnengewand, einem und kleinen Adeligen, der oft den Namen Krippenreiter mit ſo Kettenwamms und Schwert, mit Taſche und Gewand und einem vielem Recht erwarb. Von beiden Schichten der mittelalterlichen ſchönen Ueberrock von blauem Tuch mit goldenen, ſilbernen und Geſellſchaft weiß der Laie ſo gut wie nichts. Auch über dieſen kryſtallnen Knöpfen verziert, ſie leuchteten hell, wenn er zum Theil der Culturgeſchichte Licht zu geben, hat ſich Guſtav Freytag Tanze ging, die Nähte waren mit Schellen beſetzt, ſo oft er im in ſeinen Bildern aus der deutſchen Vergangenheit ein Verdienſt Reigen ſprang, klang es den Frauen durch die Ohren.
erworben. Er benutzt dabei alte Chroniken und gibt unter an⸗ Als der ſtolze Knabe ſo geſ
den unſerm Raume angemeſſen noch mehr kürzen müſſen, eine mein, mir etwas zur Hülfe.“ Der Vater erwiderte:„Wohl könnte ſehr feſſelnde Dichtung von dem fahrenden Sänger Werner dem ich dir einen ſchnellen Hengſt kaufen, der über Zaun und Graben
Gärtner. Der mittelalterliche Dichter erzählt: ſpringt; aber, lieber Sohn, laß ab von der Fahrt nach, Hofe; Derr alte Meier Helmbrecht— im Bayriſchen unweit der Hofbrauch iſt hart für den, der ihn nicht von Jugend gewöhnt öſterreichiſchen Grenze— hatte einen Sohn. Dem jungen iſt. Nimm den Pflug und baue mit mir die Hufe, ſo lebſt und
Helmbrecht hingen die blonden Locken bis auf die Achſel, er ſteckte ſtirbſt du in Ebren. Sieh, wie ich lebe, treu, ehrbar, redlich;
chmückt war, ſprach er zu ſeinem dern auch in einem bearbeitenden Auszug, den wir im Folgen⸗ Vater:„Jetzt will ich zu Hofe gehen, gib auch du, lieber Vater
ſie in eine ſchöne ſeidene Haube, welche mit Tauben und Papa⸗ ich gebe alljährlich meinen Zehnten und habe nicht Haß, nicht geien und vielen Figuren geſtickt war. Dieſe Haube hatte eine Neid mein ganzes Leben durch erfahren. Meier Ruprecht will
Nonne geſtickt, die aus ihrer Zelle wegen einer Liebſchaft ent⸗ dir ſein Kind geben, dazu viel Schafe, Schweine und zehn Rin⸗
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