Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
131
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ll Jahrg. Nr. 9.)

Novellen-Zeitung.

hinab wand.

5 Jetzt gewahrte ſie dort einen Wanderer hocher⸗ Novellette. glühend, mit angehaltenem Athem, hob ſie die Hand vor üwald! die verweinten Augen, ſie vor dem Sonnenlichte zu beſchat⸗ ten, um deutlicher zu ſehen ſie täuſchte ſich nicht

Ueberall hatte der Mai mit ſeinem Zauberſtabe ein der Wandzrer winkte mit ſeinem Stock, an den er einen grünendes, blühendes Paradies geſchaffen am herrlich⸗ grünen Zweig gebunden ſie kannte dies Zeichen hoch ſten aber zeigte ſich doch ſein Walten in jenem geſegneten auf ſchlug ihr Herz und ihr Arm hob ſich empor, um es, Strich des Böhmerlandes, in dem die Baſaltkegel des mit ihrem Taſchentuch winkend, zu erwidern. Der Weg Mittelgebirges ſich erheben, und zwiſchen ihnen mehr als wand ſich durch den Wald, in den ſich der Wanderer ver⸗ trer, Wein reizend gebildetes Thal ſich findet, das man verſucht lor, eine Viertelſtunde verging wohl, wo ihn Veronika werden könnte, zu jeder Jahreszeit als das eigentliche nicht mehr ſehen konnte dann gewahrte ſie ihn weiter Paradies zu begrüßen. unten jenſeit des Fluſſes noch einige Minuten mußten lars, In einem ſolchen Thal lag das freundliche Städtchen, vergehen und dann, wußte ſie, war der Erſehnte hier in deſſen lieblichſtem Garten wir auch das lieblichſte Bild bei ihr im Garten. er/ des Maies erblicken, ein junges roſiges Mädchen mit einem Sie verließ ihren Platz und zog ſich in eine dichte jener Madonnengeſichter, wie ſie hier zu Lande keine Sel⸗ Geisblattlaube zurück, in die weder aus dem eignen Wohn⸗ n, tenheit ſind und an die ſchönen Altarbilder gemahnen, die hauſe, noch aus der nachbarlichen Dechauei ein Späher⸗ faſt in keiner böhmiſchen Kirche fehlen. auge dringen konute noch eine peinliche Viertelſtunde Der Garten hier gehört zu dem Schulhaus, das ihn daun hallte ein männlicher Fußtritt auf dem Steinpflaſter T an der einen Seite begrenzt, an der andern befindet ſich des Hofes, bebte die Gartenthür in ihren Angeln, kuiſterte der Garten der Dechanei, hinter der das altersgraue, im der Sand des Weges zwiſchen den Tulpenbeeten ſtand Renaiſſanceſtyl erbaute Wohnhaus des Dechanten ſich er⸗ der Erwartete vor der Erwartenden in der Laube. hebt. Zu den beiden andern Seiten liegt der Garten freiVeronika! rief er ſie umſchlingendwarum ver⸗ von einem blühenden Hollunderzaun umhegt. An der ſteckſt Du Dich ſo? pel einen Seite führt die Hauptſtraße des Städtchens vorüber, Heftig warf ſie ihr Köpfchen an ſeine Bruſt und brach

an der andern aber zieht ſich ein mit Obſtbäumen bepflanz⸗ in krampfhaftes Schluchzen aus. ter Abhang hinab zu dem Flüßchen, das da unten ge⸗ Verwundert ſah ſie der junge Mann an und ver⸗ ſchwätzig durch grüne Ufer fließt. mochte ſich dieſen Empfang nicht zu erklären. Hier, wo die Ausſicht am freiſten nach den gegenüber⸗Matthias! ſagte ſiehaſt Du denn gar keine liegenden Bergen mit ihren waldgekrönten Kuppen, den Ahnung? Alle zürnen Dir über den Frevel der Dechant

Durfern und einzelnen Häuſern zwiſchen ihnen und den ſpricht von Abſetzung, der Vater will nichts mehr von Dir

9! Wegen, die ſich da durch die blumigen Wieſen und üppigen wiſſen ich ſoll Dich nicht wiederſehen er will Dir 3 Saatfelder ſchlängeln, hier ſtand auch das Mädchen, das Haus verbieten! die Tochter des Schullehrers, der das nahe Haus be⸗ Matthias richtete ſich auf und ſah dem Mädchen prü⸗ it wohnte. Aber indeß der blühende Garten und die ganze fend in das erhitzte Geſicht, um zu erforſchen, ob das die Landſchaft um ſie her lächelte wie der Mai, waren Veroni⸗ Sprache des Ernſtes, Scherzes oder des Irrſinns ſei; ka's Augen verweint, und ihre ganze Haltung drückte einen V und wie er auch mit ſeinen treuen, gutmüthigen Augen da , zu leſen ſuchte er vermochte nicht klüger zu werden, als dem. wenig paßte zu ihren Geſundheit, Zugend und Lebensfülle er im erſten Augenblick war, da er dieſe ſonderbaren Worte zeigenden Formen. Auch ihre Kleidung hatte ja die hei⸗ vernahm ſtatt des frohen, liebevollen Willkommens, mit 6 terſte Farbe der Jugend und der Liebe: ein roth und dem er gehofft hatte auch diesmal, wie ſchon oft, von ſeiner weißer weiter Kattunrock mit Falbeln und ein Jäckchen von Braut empfangen zu werden. Denn das war ihm Vero⸗ 3 demſelben Stoff, an der Bruſt mit einem Maiblumenſtrauß nika, die Tochter des Schullehrers dieſes Ortes, ſeit einigen zuſammengehalten, das Haar mit blitzenden Nadeln, an Wochen. Auch er ſelbſt war Lehrer im nächſten Städtchen denen ſich Quaſten böhmiſcher Perlen befanden, emporge⸗ und hatte daſelbſt die erſte Stelle er bekleidete jetzt noch ſteckt das Alles paßte nicht zu den Thränen, die ſie nur die zweite in naher Ausſicht, ſo daß er hoffen durfte, Jhne. 1562, darum zu trocknen ſchien, um nach dem Wege zu ſpähen, der zum nächſten Winter ſein Liebchen heimzuführen. Das

1 Die beiden Cantoren. jenſeit des Fluſſes an einer Capelle vorüber den Berg ſich

iths

Grad von Niedergeſchlagenheit und Angſt aus, wie er

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