Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
124
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V

warf ſich auf ein Sopha; ſie hatte ſo viel Thränen vergoſſen, daß ſie in ruhigem Schmerze dalag, wie ein Kind, das von vielem Weinen matt iſt. Ihr Haar hing aufgelöſt herab, vermiſcht mit den Blumen, die den haltenden Banden eutſchlüpft waren; ihr weißer hſen wogte in tiefgeholten Seufzern; in ihrem ungeduldigen Schmerze hatte ſie die Juwelen, welche ihre Stirn ſchmückten, zurückgeſchoben, und ihr Anſehn und ihre Züge bezeichneten die wilde Un⸗ ordnung der Verzweiflung.

Devereux ſtand ihr gegenüber, ſeine Augen waren auf ſie geheftet, und in ſeinem Ausdrucke lag eine eigenthüm⸗ liche Wehmuth. O, wenn Mary hätte ahnen können, welche Gedanken ſeine Bruſt durchkreuzten, viel Seelen⸗ pein, viel reuige Gewiſſeusbiſſe hätten erſpart werden kön⸗ nen! Sein Herz hatte noch kurz vorher vor Unwillen ge⸗ brannt; jetzt war es kalt; das Feuer ſaß in ſeinem Hirn.

Devereux's Leidenſchaften waren heftig; ſein ſtolzer Sinn war nicht dazu gemacht, die Verachtung der Menſchen zu ertragen; in ruhigen Augenblicken der Ueberlegung war ihm die Entdeckung ſeiner Geburt wie ein kleinliches Uebel erſchienen; wie verſchieden war die Wirklichkeit! Aber jetzt war es nicht die Schmach, die ſeine Gedanken beſchäftigte; ein größeres Uebel verſchlang allen Ingrimm ſeiner Bruſt. Er hatte die Liebe der Frau ſeines Herzens verloren; er hatte Schmach über ſie gebracht, die er immer zu ſchirnen gelobt hatte; er liebte ſie noch; ihr Schmerz machte ihn raſend, und welchen Troſt konnte er ihr ſpenden? In der Stunde des Trübſals hatte ſie ſich von ihm gewandt, wie von der Urſache ihrer Schmach. Sollte er ihr kaltes Auge das ſeinige vermeiden ſehen? Sollte er ihre Hand bei ſeiner Berührung zittern fühlen, nicht vor Liebe, ſon⸗ dern vor Entſetzen? Verlaſſen zu ſein von denen, welchen er am meiſten vertraute, war das Schickſal, das ihn ewig verfolgte. Seine Mutter war mit gebrochenem Herzen ge⸗ ſtorben, verſtoßen von ihm, den ſie liebte; auch er war von ſeiner Frau zurück gewieſen worden; ſeine Mary, die er ſo

Uovellen-Zeitung.

[(VIII. Jahrg. hingebend liebte, liebte ihn nicht länger. Er konnte ein eleudes Daſein nicht weiter friſten, verachtet von ihr, die er liebte; er ſelbſt wollte die Bande treunen, die ſie an ihn feſſelten; er wollte ſie von einer Kette befreien, die ſo mäch⸗ tig auf ihr laſtete; nie wieder ſollte ſeine Gattin vor ſeiner Umarmung zurückbeben; nie ſollten ihre Thränen ihm vor⸗ werfen, daß er ſie zur Gefährtiu ſeiner Schande erwählt hätte.

Als dieſe wahnſinnigen Gedanken ſein Hirn durch⸗ zuckten, als er dieſen entſetzlichen Entſchluß faßte, kehrten Gefühle von Zärtlichkeit in ſeine Bruſt zurück. Er wünſchte freundlich mit ihr zu ſprechen, ein Wort der Liebe zu hören, ehe er für immer von ihr ſchiede.

Mary, ſprach er ſanft,dieſes Leid wird vergehen; in mir iſt's ſchon todt; lange Tage des Glücks mögen Dich noch erwarten. O, laß mich noch einmal Dein Lächeln ſchauen! Du haſt Dein Kind nicht geſehen; es wird Dich tröſten; thaäteſt Du nicht beſſer, zu ihm zu gehen? Ich fürchte es zu erwecken. Küſſe es von mir!

Dieſe kurzen Sätze ſprach er ſehr langſam und augen⸗ ſcheinlich mit Schwierigkeit. Sein Weſen war ſo eigen⸗ thümlich, ſeine Stimme klang ſo fremd, daß Mary ihr Haupt empor hob, aber den Sinn ſeiner Worte nicht ver⸗ ſtand.

Er trat einige Schritte auf ſie zu, ging aber wieder zurück.Gute Nacht, meine Liebe! ſprach er. Hätte ſie dieſen Anruf erwidert, hätte ſie ihre Arme nach ihm aus⸗ gebreitet, die leblos zu beiden Seiten hinunterhingen, die Schrecken jener Nacht wären wie Sand zerronnen! Sie ſprach nicht ſie bewegte ſich nicht und ihr Gatte ver⸗ ließ das Zimmer.

Die Thür ſchloß ſich hinter ihm; Mary blieb ſitzen, kalt, bewegungslos, verſenkt in Kummer. Sie wurde durch einen Ton aufgeſchreckt, der nicht ihr Ohr allein traf, es war ihr Herz, das den Schlag empfing jener Ton war der Knall einer Piſtole. Sie ſtürzte

wurden. Ringsum in den kleinen Gemächern ſtreifen ſie die bun⸗ ten Kleider ab vom erhitzten Körper, ſetzen die Perrücken ab, ent⸗ ſchminken ſich zur fahlen Wirklichkeit. Noch rauſcht am über⸗ reizten Ohr der Beifall, die Nerven beruhigen ſich, der letzte Reſt der elaſtiſchen Spannung des Gemüths macht ſich Luft in Ver⸗ wünſchungen des Souffleurs, dereinmal wieder ſeinen ſtummen Tag hatte, im Aerger über mißlungeneAbſichten, unverſtan⸗ den gebliebenePointen, durch Mißverſtändniß ausgefallene Molive endlich huſchen ſie über die finſtern Breter aus einem dunkeln Seitenpförtchen nach Haus. Alles iſt verrauſcht, ver⸗ klungen. Macbeth, den Tod ſeiner Frau vernehmend, ſagt:

Leben iſt nur ein wandelnd Schattenbild;

Ein armer Komoͤdiant, der ſpricht und knirſcht

Sein Stündchen auf der Bühn' und dann nicht mehr

Vernommen wird!

Was von meinen Theaterabenden, frohen und trüben, nach Abſtreifung des Flüchtigen und Vergänglichen, übrig blieb, ſoll in dieſer Sammlung geboten werden. Werden es auch nur Schat⸗ ten ſein? Nur irre, heimathloſe Seelen abgeſchiedener Körper? Oder werden ſie ſich einen neuen Leib in der nachſchaffenden Phan⸗ taſie des Leſers formen können?

Mit dieſen Worten führte der Verfaſſer im Jahre 1842 die erſten gedruckten Ergebniſſe einer Bühnenlaufbahn ein, die am 15. Juli 1839 in Frankfurt am Main mitRichard Savage oderder Sohn einer Mutter begann. Seitdem iſt der Wunſch nach einer handlichern, im Preiſe wohlfeileren Form der meiſten

meiner Dramen ſo oft ausgeſprochen worden, daß ich hiermit eine

ſolche neue Ausgabe ankündige. Sie wird Abdrücke bringen, die

aus einer ſorgfältigen Prüfung und Benutzung aller Erfahrungen manches leidlich Geſunde,

welche ſich anfänglich oder durch die ſpäteren Schickſale dieſer auf den beſſern Bühnen Deutſchlands zum Theil noch heimiſchen Slücke als lehrreich herausſtellten. Wohl! nicht eines derſelben wird ohne die Spuren einer möglichſt gewiſſen⸗ haften und ſorgfältigen Durchſicht bleiben..

Zwei Merkmale meiner Dramen freilich, die ihnen oft zu Ungunſten gedeutet wurden, habe ich nicht völlig tilgen können die Beſtimmung, wirklich auf unſerer Bühne, wie ſie iſt, Leben zu gewinnen, und die Beziehung zur Cenſur..

Junges Geſchlecht, du haſt ihn nicht gekannt, dieſen Mehl⸗ thau, der ſich noch vor fünfzehn Jahren auf unſere Geiſtesblüthen ſetzte, in die innerſten Poren ſelbſt der Blätter drang und mit ſeinem bleichenden und verdorrenden Hauch ſchon die Conception der Ideen vergiftete. Man hat in den Lehrbüchern der Literatur⸗ geſchichte gut urtheilen von Leſſing bis zur romantiſchen Zeit, von da bis zur Gegenwart. Die Wahrheit iſt, daß man eine ganze Epoche der deutſchen Literatur die der Bücherverbote nennen muß, die der Bundestagsverfolgungen, der blauen Cenſurtinte und demgemäß eines augemeinen polizeilichen Giftlegens in Wald und Flur und Feld und Morgen⸗ und Abendröthen und Milchſtraßen am Himmel und wo ſich nur der Dichter ſeine Kraft erholt. Gegen dies Gift erfand man ein Gegengift, dieTendenz, und namentlich wurde die Bühne der Ort, wo ſich beide, die Cenſur und die Tendenz, auf Tod und Leben bekämpften. Erſt durch die geſunde, friſche Luft des Jahres 1848 haben ſich die ſchlimmen Gaſe und Ausſtrömungen dieſes Kampfes verloren.

Bei alledem hoffe ich, daß, Bühnenbeleuchtung, Cenſurrück⸗ ſicht und Tendenz zugeſtanden, von meinen dramariſchen Arbeiten Natürliche und Lebensfähige übrig

entſtanden ſind,

Nr.

hinau