Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
121
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Bohlihäüg, r Vorfahlen

Nr. 8.] Oritte

für ihren Tiſch lieferte, beſſer unterziehen; ſie konnte ſich leichter bücken, um Erbſen oder Bohnen zu pflegen oder zu pflücken; ſie konnte die Beete ſchneller von Unkraut reini⸗ gen; das üppige Wuchern des letzteren allein zeigte jetzt, daß der Boden jenes Gartens einſt ſorgfältiger gepflegt worden war, als das Feld, in dem er lag.

Laß uns heimkehren, ſagte Mary ermüdet,dieſes Bild erfüllt mich mit ſchmerzlichen Gedanken; das Elend und die Verödung, wovon Alles zeugt, ſchlägt kalt auf mein Herz. Wir thuen nicht gut daran, hier zu verwei⸗ len; ich wünſchte lieber Alles dies zu vergeſſen, und Du, theurer Devereux, ſpielſt immer auf die Vergangenheit an. Ich ſtaune, wie Du Vergnügen daran finden kanuſt, ſolch ſchmerzlich-⸗trübe Erinnerungen aufzufriſchen; mir ſind ſie verhaßt.

Es mag lindiſch von mir ſein, erwiderte Devereux, aber vermiede ich ſolche Erinnerungen, ſo würde ich mir vorkommen, als kehrte ich dem Schrei und den ſchmerz⸗ lichen Leiden meiner Mutter ein taubes Ohr zu. So allein kann ich meine Liebe für ihr Gedächtniß und meine Bewunderung vor Allem, was ich von ihrem ſanften und zärtlichen Gemüthe erfahren habe, bethätigen. Es iſt ſelt⸗ ſam, Geliebte; mein Vater war der zärtlichſte, hingebendſte Vater. Ich ſchulde ihm mehr als je ein Sohn ſeinem Vater ſchuldete, und doch ſcheine ich mir mit größerer Liebe an dem Charakter meiner Mutter, wie ich ihn nur undeut⸗ lich durch ihre traurige Geſchichte verfolgen kann, zu hängen, als an ſeinem Gedächtniſſe, theuer, wie es mir durch ſo maunigfache Beweiſe ſeiner Liebe iſt; ihr ſeltſames, unglückliches Geſchick hat wahrſcheinlich meine Phautaſie mächtiger ergriffen. Oft deuke ich, wäre ſie jetzt am Leben, ſo würde unſere Liebe ihr eine Belohnung für alle Leiden fein; wir würden ſie nach Europa nehmen, Mary, dort würde unſere Mutter mit Achtung behandelt werden. Oft tritt der Gedanke an mich heran, daß ich meine Mut⸗ ter bei meiner Ankunft in Amerika als Sclavin hätte fin⸗

Folge.

121 den können! Aber Du ſiehſt blaß aus, mein theures Mäd⸗ chen; Du biſt erſchöpft, laß uns heimkehren; wir finden den Wagen an der Straße, ſtütze Dich auf meinen Arm, es iſt nicht fern, Liebe.

Mary erwiderte nichts; ſie nahm den Arm ihres Gat⸗ ten, und ſo gingen ſie langſam zu dem ſie erwartenden Wagen.

Bei ihrer Rückkehr zu Hauſe fanden ſie Einladungen zu einem Balle vor, welcher zum Gedächtniſſe der Wieder⸗ kehr des 22. Februar, des Geburtstags von Waſhingtou, gegeben werden ſollte. Es war ein öffentlicher Ball, die Unterzeichner waren die Herren von Charlestown und der Umgegend; Fremde waren geladen, die Geſellſchaft durch ihre Anweſenheit zu beehren. Devereux wollte einen zu dieſer Gelegenheit gegebenen Ball nicht ausſchlagen. Mary zögerte öffentlich zu erſcheineu; aber ſie gab ſeinen Zureden nach, und die Vorbereitungen für ihre Toilette zogen ſie natürlich von dem einen ſchmerzlichen Gedanken, der ihre Seele beſchäftigte, ab. Bald nach dem Balle ſollte Char⸗ lestown verlaſſen werden, und der Gedanke, zu ihrem theu⸗ ren Morristown und den geliebten Freunden zurückzukeh⸗ ren, belebte ſie wieder bis zu einem gewiſſen Grade von Fröhlichkeit.

Mein Jerſey⸗Lorbeer iſt welk geworden, ſagte Devereux;ſeine gewohnte Friſche und Lebenskraft wieder⸗ zuerhalten, bedarf es, wie ich ſehe, der friſchen zuſammen⸗ ziehenden Kälte der nördlichen Staaten; aber dieſe Nacht muß er ſeine gaunze Schönheit leuchten laſſen. Ich muß ihn in Charlestown bewundern ſehen, wie ich ihn einſt in

New⸗York bewundern ſah; damals zitterte ich beim An⸗

blick ſeiner Lieblichkeit; eine andre Hand, fürchtete ich, möchte die Blume pflücken, die ich liebte; jetzt bin ich groß⸗ müthiger oder kecker; ich wünſche, daß die ganze Welt ſehe, wie ſchön ſie iſt.

Der Abend kam, und Devereux's Wunſch war vollig befriedigt; niemals hatte er Mary ſo auserleſen lieblich

den Vordergrund. nicht allein Arme, Alte und Gebrechliche mit Suppe, Brod und Fleiſch in der allernächſten Nachbarſchaft zu verſorgen, ſondern es wird in einem beſonderen Keſſel die ſogenannte Armenmahl⸗ zeit gekocht, an welcher Bedürftige, ſo viele ſich deren auf dem Gehöft melden, ihren vollen Antheil erhalten. Kehren wir jetzt zurück zu dem alten Heriſtallum, der Grenze zwiſchen den Sach⸗ ſen der alten Zeit und den Oſtſachſen. Die in Thüringen noch blühende Familie von Harſtell, die unter anderm mit drei großen Ritterſitzen im Dorfe Mihla bei Eiſenach begütert iſt, vill ihren Namen daher ableiten. Ob mit Recht oder Unrecht, ſoll dahin⸗ geſtellt ſein, obgleich ſie zu den älteſten deutſchen Adelsfamilien zählt. Kaiſer Carl der Große, wie in einer alten Chronik der nahen berühmten Abtei Corvey zu leſen, ſoll von hier aus öftere Züge in das Thüringer Land unternommen haben, um die Sorben, die ſich noch darin feſtgeſetzt hatten, hinauszu⸗ treiben. Als anderer Grund, weßhalb er den Ort lieb gewonnen, wird angeführt, daß der ſehr chriſtliche Kaiſer in dieſer Schutz⸗ feſte eine Anſiedelung begründet hatte, von wo aus die Apoſtel zur Bekehrung der Heiden ihr Werk in den Gauen an der Werra und Fulda mit Nachdruck betreiben konnten.

Im Jahre 797 hielt Carl in Herſtelle die Feier des Weih⸗ nachts⸗ und des Oſterfeſtes.*) Er wollte den Sachſen die Pracht ſeines kaiſerlichen Hoflagers ſo blendend entfalten, wie er ihnen die Macht ſeiner Waffen überwältigend gezeigt hatte. Das Heer lag im Lande vertheilt um ihn her. Er ließ die ganze, dann nicht wiedergeſehene Herrlichkeit ſeines Namens plötzlich wie

*) Nach demweſtphäliſchen Sagenbuche von Schücking.

Die ſogenannte Leichenfrau hat die Aufgabe,

ein ſtrahlendes Meteor aufleuchten über dem ſtaunenden Volke der Wiſurah, das nie von Aehnlichem auch geträumt, deſſen kind⸗ lich beſchränkte Einbildungskraft dem gewaltigſten ſeiner Götter, dem einäugigen Wurtan, nur einen breitrandigen Regenhut, den grauen Mantel und das weiße Roß Sleipnir mit den acht Beinen als Ausſtattung ſeiner Erſcheinung zu ſchaffen wußte, nebſt einer Fülle goldbraunen Meths im rieſenmäßigen Trinkhorn. Hier war mehr als Wurtan! Die armen Sachſen hätten ſich ge⸗ wiß lieber mit dem Schwerte bekehren laſſen, den hohen Carolus ſelber zu verehren als die gepredigten faſten⸗ und kaſteiung⸗ reichen Heiligen ſeiner Sendlinge, als ſie ſo ſeine ganze Pracht aufgehen ſahen über Herſtelle, als man unter ihnen das in Purpur und Seide prangende Gezelt Harun al Raſchid's auf⸗ ſchlug für den Frankenkaiſer, und das Wunderthier, des Kaiſers

von Bagdad ungeheurer Elephant, Akulabnaz, mit den koſtbaren⸗

Gewändern und Specereien des Morgenlandes beladen, hoch den Zug andaluſiſcher und normanniſcher Roſſe überragend, den Felſen von Heriſtal hinaufſchritt, oder ſchlürfend trank aus dem deutſchen Strome. Und nun er ſelber erſt in ſeiner einfachen und doch ſo hehren Erſcheinung, mitten im glänzenden Gepränge ſeiner Paladine: denn ſie waren Alle um ihn her, Olivier und das dreiſte Haimonskind Rinald und Oger von Dänemark und wie ſie alle hießen, die trutzigen Geſtalten, die Turpinus' Chronik ſagenhaft verklärt nur Roland nicht, der arme Roland, den längſt Herzog Lupus von Vasconien und Ganelai,der Schuft, in der Mordhöhle von Ronceval ſeiner trauernden Hildegard hatte erſchlagen laſſen. Unter ihnen ſetzte ſich Carl in Herſtelle zu Throne; ſeine Söhne, der männliche Pipin von Italien und der milde Ludwig von Aquitanien, traten an ſeine Seite. Der