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120 der ihm ſelber bewieſenen Herzensgüte; kaum konnte er glauben, daß es ein und dieſelbe Perſon ſei, deren Be⸗ tragen ſo verſchieden gegen zwei von ſeiner Sorge gleich⸗ mäßig abhängende Weſen geweſen. Er ſchlug Mary vor, die Hütte zu beſuchen, wo Judith gelebt hatte, und welche Cora's Obdach während der Verbannung aus dem Hauſe ihres Herrn geweſen war. Die Hütte, welche ſie ohue Schwierigkeit fanden, war ſeit dem Tode Judith's unbe⸗ wohnt geblieben; ſie befand ſich in einem erbärmlich ver⸗ nachläſſigten Zuſtande, der den Eindruck ihres urſprüng⸗ lichen Elends noch verſchlimmerte. Die Wände beſtanden aus rohverbundenen Baumſtämmen, und der Lehm, der einſt die Zwiſcheuſpalten ausgefüllt hatte, war herabge— fallen und lag wirr über den Boden der kleinen Stube geſtreut. Auch das Dach hatte theilweiſe der Wuth der Elemente nachgegeben, denen zu trotzen es nicht berechnet war. Das Bild war das der Verödung, es ſchien, wie wenn Armuth in ihrer hülfloſeſten Lage allein dieſe Zelle hätte bewohnen können, welche zu keiner Zeit die in den füdlichen Himmelsſtrichen mit ſolcher Wuth raſenden Stürme gänzlich hatte ausſchließen können. Der Regen mußte immer mit Leichtigkeit durch dies ſchlecht gebaute Dach gedrungen ſein; der Wind mußte immer freien Ein⸗ gang durch die Oeffnungen jener ſchlecht verbundenen Stämme und Lehmmaſſen gefunden haben. Welchen Ab⸗ ſtand boten die Hütte und die beiden Menſchen, welche ſie mit kleinlichſter Sorgfalt unterſuchten! Devereux, in Ge⸗ danken an die Vergangenheit geſunken, ſah nicht das ſchöne, holde Weib neben ſich; ſeine Phantaſie hatte die mehr dunkle Geſtalt ſeiner Mutter heraufbeſchworen, ſo wie ſie ihm manchmal in ſeinen Träumen erſchien, jung, ſchön und im Schmerze duldend, wie ſie während ihres kurzen, un⸗ glücklichen Daſeins geweſen war. Mary'ss kleiner, zarter Fuß trat mit Schwierigkeit auf die rohen Stoffe, welche den Boden bedeckten; auch ſie gedachte lang vergangener Bilder; in dieſem ſo elenden Schuppen war Devereux ge⸗
Uovellen-Zeitung.
boren; hier hatten ſeine Kindesaugen ſich dem Lichte er⸗ ſchloſſen. Wer hatte ſeinem erſten Schmerzeusſchrei ge⸗ lauſcht? Wer hatte ſich an ſeinem erſten Lächeln der Luſt entzückt? Ein bejahrtes, ſchwarzes Weib hatte deu erſten Bedürfniſſen der Natur hülfreiche Hand geleiſtet; ein un⸗ glückliches junges Weſen, ſelbſt zu hoffnungsloſem Elend verdanmt, hatte ihren eigenen Gram über der Theilnahme an dem ſorgloſen Lächeln ſeiner Kindheit vergeſſen.
Niedergeſchlagen verließ Mary die Hütte, deren aus⸗ gehängte Thür quer vor dem Eingange lag, und ſetzte ſich auf die ſteinerne Bank, welche ſo gelegen war, daß ſie von der Hütte ſelbſt gegen die glühenden Strahlen der Mor⸗ genſonne geſchirmt wurde; auf dieſer Bank hatte Cora an dem Tage geſeſſen, als ihre Herrin das Urtheil zu ſprechen kam, welches ſie von Allen, die ſie auf Erden liebte, tren⸗ nen ſollte; Devereux ſtand auf demſelben Grunde, wo er als ſpieleudes Kind, die fremde Dame verwundert an⸗ ſchauend, geruht. Zeiten waren geſchwunden und Jahre dahingerollt; der weibliche Tyrann und das ſanfte Opfer ſchliefen beide in ihren Gräbern; der Tod hatte die Leiden⸗ ſchaften, welche in Devereux's Bruſt getobt, ausgelöſcht und der armen Cora ſchmerzensreiches Leben geſchloſſen; Zeit hatte Zerſtörung über die Hütte gebracht; das Kind allein war am Leben geblieben, und doch wie gänzlich war es verändert! Die gebietende Schöuheit der Männlichkeit war dem Reiz der hülfloſen Kindheit gefolgt; ſelbſtbe⸗ wußte Tugend hatte die Stelle ſchüchterner Knabenunſchuld eingenommen. Die Leidenſchaften des Mannes pochten jetzt in dem Buſen, den nur inſtinctmäßige, unbewußte Liebe, mit der das Kind ſich an die Mutter ſchmiegt, be⸗ lebt hatte.
Devereux machte Mary auf den Platz vor der Thür aufmerkſam, welcher augenſcheinlich dereinſt Judith's klei⸗ ner Garten geweſen war; Cora hatte die alte Frau oft bei ihren Arbeiten unterſtützt; ihre jungen Hände konnten ſich der Mühe des Kornſchneidens, welches ihnen die Speiſe
Haupte. Bei dem Verlaſſen der Kirche ſpielt der Organiſt eine bekannte Arie; wer dieſen alten Brauch unterläßt, darf ſicher ſein von einem oder dem anderen die Worte zu vernehmen:„De Minſche verſteht et nich.“(Der Menſch kann nichts.)
Nach dem Gottesdienſte werden nun die Einkäufe gemacht, wobei abermals aus der unerſchöpflichen zinnern Kaffeekanne ein⸗ eſchenkt⸗ dabei diesmal aber Zuckerkuchen gereicht wird. Die Männer ſchmauchen dazu Osnabrücker„ſchwarzen Reiter“ oder rothen A. B. von Thorbeck, der ihnen gratis gereicht wird und im eigentlichen Niederſachſen bei den Kaufleuten nicht ausgehen darf. Beim Weggehen erhält jeder noch einen Franzſchnaps in den Kauf.— Bei dieſen Gelegenheiten finden ſich auch wohl die Roßkämme ein, um die neugeborenen Füllen zu regiſtriren und nach der herangewachſenen Zuzucht Frage zu halten.— Der Sonntag iſt eine Art Börſentag für die niederſächſiſchen Land⸗ leute.— Haben ſie ihrem Gott gedient, gedenken ſie auch der irdiſchen Intereſſen. Dann ſieht man ſie reger als in der Woche. Doch auch die Geſchäfte des Handels werden mit einer Ruhe ab⸗ gemacht, die mitunter an Phlegma grenzt, woher es kommt, daß ſie ſelten bei einem Handel übervortheilt werden. Es iſt dies ein charakteriſtiſcher Zug, den ſie mit den Engländern, den Nachkommen der Angelſachſen, gemein haben.
Spowie die Trauungen und Kindtaufen im Kirchdorfe ſtatt finden, ſo werden auch die Todten oft aus meilenweiter Ent⸗ fernung dort zur letzten Ruheſtätte geleitet. Auf einem vier⸗ ſpännigen Leiterwagen ſteht auf Strohſchütten ruhend der Sarg. Von den leidtragenden Frauen ſitzen ſo viele, als der lange Wa⸗ gen faſſen kann, auf und neben dem Sarge. Ihre Tracht beſteht in ſchwarzen Tuchkleidern, weißer Schürze, weißem Hals⸗
tuche und einer Mütze mit breitem, weißem, dicht am Kopfe lie⸗ gendem Streif. Die Männer folgen in langer Reihe, die berit⸗ tenen dicht hinter und vor dem Wagen, die Fußgänger folgen ſämmtlich ohne Handſtock, von dem ſie ſich außerdem nie auf einem Wege trennen. Vor einem Kaufmannshauſe, wenn ein ſolches in der Nähe, ſonſt vor dem Wirthshauſe, das ſich gewöhn⸗ lich nicht weit vom Kirchhofe befindet, wird die Leiche abgeſetzt. Sobald der Sarg auf der bereit gehaltenen Bahre ſteht, beginnt das zweite Geläut; das erſte erſchallt, ſobald der Küſter vom Thurme die Ankunft der Leiche in der Feldmark bemerkt hat. Es dauert fort, bei einem Mann mit allen Glocken, bei einer Frau mit einer Glocke weniger, bei einem Kinde nur mit einer einzigen, bis der Conduct nach dreimaligem Umgang um den Friedhof am Grabe angekommen iſt. Unter dem Singen der Schuljugend füllen die nächſten Verwandten das Grab bis zum Hügel, ſo wie es auch von den nächſten Freunden gemacht wird, da keine beſtimmten Todtengräber in den kleinen Orten von Nie⸗ derſachſen angeſtellt ſind. Sowie der Hügel errichtet, begibt ſich das Leichengefolge in die Kirche zur Predigt, die, falls ſie nach Wunſch ausgefallen, durch ein reiches Geſchenk von Butter, Ciern und Speck an die Frau Paſtorin von den Verwandten honorirt wird.— Nach altſächſiſchem Brauch wird nach der Rück⸗ kehr in's Sterbehaus ein reichlicher Schmaus gehalten, zu welchem vom frühen Morgen an gekocht wird. Da es an großen Li⸗ bationen zum Gedächtniß des Todten dabei nicht zu fehlen pflegt, wird dieſer während der erſten 24 Stunden eben nicht beſonders vermißt.—.. Auch bei ſolchen Gelegenheiten tritt wieder der Wohlthätig⸗ keitsſinn, um nicht zu ſagen die Gaſtfreundſchaft der Vorfahren in
—— [(VIII. Jahrg.
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