Jahrgang 
01-14 (1862)
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gab, keinen geringen Antheil hatte. Von einem ſolch excen⸗ triſchen, ganz jeuer erregten, maßloſen Zeit angehörenden Weſen, wie Charlotte, die jetzt überdies mehr als jemals von trüben Launen und Stimmungen heimgeſucht wurde, da ſich ihre Verhältniſſe immer unheilvoller geſtalteten, konnte ſich Schiller daher jetzt nicht mehr in gleichem Maße wie früher angeſprochen und begeiſtert fühlen.

An dieſem jetzt deutlich genug zu Tage tretenden Um⸗ ſchlag in Schiller's Verhältniß zu Charlotten trugen ohne Zweifel auch die in Volkſtedt gewonnenenneuen Freun⸗ dinnen die Geſchwiſter Lengefeld, die Schuld. Gleich ausgezeichnet durch Geiſt und Bildung wie durch herzge⸗ winnende Milde und zarte hingebende Weiblichkeit, waren ſie ganz das Widerſpiel von jener leidenſchaftlichen, ſtark⸗ geiſtigenTitanide und verbreiteten auch über Schiller's ganzes Weſen einen nie gefühlten Frieden, eine wunder⸗ bare Harmonie. Schiller ſtand jetzt auf dem Punkte, wo ſeinem Herzen eine rein ideale Freundſchaft mit einem weiblichen Weſen, das er nie das ſeine nennen durfte, nicht mehr genügen konnte. Er ſehnte ſich nach einer häus⸗ lichen Exiſtenz;er mußte, wie er an Körner ſchrieb,ein Geſchöpf um ſich haben, das er glücklich machen und an deſſen Daſein ſein eigenes ſich erfriſchen konnte, eine Gat⸗ tin, die ihmRuhe, Frieden und ein gleichmäßig heiteres Behagen verſchaffte, was ihm Alles Charlotte, obgleich ſie ein vorzügliches Weſen war, nicht gewähren konnte.

Als daher Schiller im November wieder zurück nach Weimar kam, konnte Charlotten eine gänzliche Veränderung ſeines Weſens nicht entgehen. Sie wußte nun, was ſie von der Wahrheit jenes Gerüchts von Schiller's Verhält⸗ niß mit einer ſchönen Rudolſtädterin zu halten habe, und als er viel von der Familie Leugefeld ſprach, ja einen Brief von Lotte von Lengefeld mitbrachte, worin dieſe um ihre Freundſchaft bat, ſprach ſie zu Schiller, nachdem ſie letztere entſchieden abgelehnt, in heftiger Erregung:Mein Segen bleibt Ihnen aber verſchieden iſt unſere Anſicht

Uovellen-Zeitung.

(VIII. Jahrg.

für unſere Zukunft, und ſo muß ſich ergeben, daß uns Briefe gegenſeitig überläſtig ſind. Schiller verneinte es, mit der Lengefeld in einem erklärten Verhältniß zu ſtehen, das gegenſeitige Vertrauen ſtellte ſich wieder her, und ſo blieb das Verhältniß wenigſtens äußerlich ein freundliches, und die gegenſeitigen Beſuche dauerten noch fort.

Im Mai 1789 zog Schiller nach Jena, und ſie wech⸗ ſelten ferner Briefe. In dieſem Sommer, nachdem er ſich in Lauchſtädt mit Lotte von Lengefeld förmlich verlobt, führte er Charlotten von Kalb Körner und ſeine Braut zu, verſchwieg ihr aber ſeine Verlobung. Er erſchien ihr ſehr weich und mehr als je in ſinnender Betrachtung. Sie glaubte, er werde wieder eine Annäherung ſuchen, ſich ihr vertraulich mittheilen, wie ein ſonniger Lebensſtrahl glitt es auf Momente durch ihr Leben; aber ſein Herz öffnete ſich nicht.

Seit ſeiner Verlobung wurde Schiller gegen Charlotte immer kühler und gleichgültiger. Er kam jetzt öfters nach Weimar, um ſeiner hier weilenden Verlobten nahe zu ſein, beſuchte aber Charlotte nie.Die Kalb hat mir heute ge⸗ ſchrieben, äußerte er gegen die Schweſtern Lengefeld;ich habe ſogleich geantwortet. Lieber zehn Briefe ſchreiben, als einmal ſelbſt kommen. Es kam endlich ſo weit, daß ihr Schiller auch nicht einmal ihre Briefe mehr beantwor⸗ tete. Charlotte hatte es als eine tiefe Kränkung empfun⸗ den, daß Schiller jetzt gänzlich ihre Nähe mied, und ihm ge⸗ reizt geſchrieben,er ſolle die giftigen Zungen nicht die Wahrheit haben reden laſſen. Schiller verrieth es den Schweſtern Lengefeld und ſetzte hinzu:Leidenſchaft und Kränklichkeit zuſammen haben ſie manchmal an die Grenzen des Wahnſinns geführt. Sie erhält jetzt keine Antwort auf ihre Briefe mehr. Wie kann ich ihr ſchreiben! Charlotte erbat ſich nun von Schiller ihre Briefe zurück. Er übergab ſie ihr eigenhändig, als er Mitte Februar 1790 auf einer Reiſe nach Erfurt über Weimar kam, theilte ihr auch ſeine Verlobung und baldige Verheirathung mit.

Herzog Albrecht. Dramatiſche Dichtungen von Mel⸗ chior Meyr. Stuttgart, Gebrüder Mäntler.(A. Kröner.)

Da wir keinen Raum zur Analyſe dramatiſcher Schöpfungen haben, ſo können wir nur ganz allgemein auf den Werth oder Unwerth einzelner Züge derſelben hinweiſen. Das vorliegende Werk wurde bereits in München nicht ohne den Beifall der Freunde poetiſcher Leiſtungen gegeben, doch ohne einen völlig durchſchla⸗ genden Erfolg zu erringen. Der durch ſeine novelliſtiſche Arbei⸗ ten als Dichter rühmlich bekannte Verfaſſer fühlte ſich deshalb zu einer neuen Uebertragung aufgefordert, die durch einen größeren verſöhnenderen Schluß, ſo wie durch die tüchtige ſchon früher vor⸗ handene Charakterzeichnung allerdings die Bühne auffordert, aufs Neue einen Verſuch mit der Darſtellung dieſer Agnes Bernauerin zu machen, von dem ſich beſſeres Gelingen erwarten läßt. O. B.

Miseellen. Das Budget von Paris.

Nach dem Etat für 1862 im Budget der Stadt Paris trägt das Octroi, die Hauptquelle der Einnahme, 77,360,000 Francs ein. Dazu kommt noch der Ertrag der Verſteigerungen en gros in der Halle mit 4,522,500 Frs., davon für Butter, Eier und

mit 70,000 Frs.

Käſe 1,150,000, für Geflügel und Wildpret 1,925,000 Frs. Die Vermiethung der Verkaußsplätze in der Halle wirft 2,127,000

Frs., die der daran ſtoßenden Plätze 401,500 Frs. ab. Die Schlachthäuſer bringen 2,150,000 Frs. Alle dieſe Summen

werden auf die Verkaufspreiſe geſchlagen und fallen ſomit auf 80,000 Frs.,

den Conſumenten zurück. Die Hundeſteuer trägt der Stadt 5 9

400,000 Frs. ein, ihre Eintreibung koſtet 60,000, alſo 15 Pro⸗ cent jährlich. Der innere Dienſt im Stadthauſe koſtet 90,000 Frs.; Pferde und Wagen des Präfecten 12,000 Frs., Kleidung für Huiſſiers und Büreaudiener ꝛc. 16,500 Frs. Die Koſten der Octroieinnahme belaufen ſich auf 4,452,799 Frs., das Gehalt und die ſtändigen Koſten für die Beamten der ſtädtiſchen Einnah⸗ men auf 559,300 Frs. Das Perſonal zur Anlage und Unter⸗ haltung öffentlicher Spaziergänge und Pflanzungen koſtet 390,000 Frs., das Material und die Arbeiten dafür kommen auf 1,995,360 Frs. Die Unterhaltung des Bois de Boulogne koſtet allein 538,360 Frs.(wovon z. B. 36,500 Frs. für Uniformirung der Aufſeher, 16,000 Frs. für die Nachen auf dem großen Teich). Das Bois de Vincennes koſtet 200,000 Frs. Die Nationalgarde macht für 627,345 Frs. Unkoſten, Begräbniſſe und Kirchhöfe für 440,260 Frs. Das Perſonal für Unterhaltung öffentlicher ſtädtiſcher Gebäude und Anſtalten koſtet 418,150 Frs., die Ar⸗ beiten dafür 961,500 Frs. Das Stadthaus allein figurirt dabei Das Perſonal für den öffentlichen Straßen⸗ bau und die Steinbrüche koſtet 1,054,000 Frs.(darunter 545,800 Frs. allein für das Ingenieurcorps), die Ausgaben für dieſe Arbeiten ſelbſt belaufen ſich auf 13,203,500 Frs. Der Bewäſ⸗ ſerungs⸗ und Cloakendienſt erfordert für das Perſonal 695,600 Frs., für die Arbeiten 1,484,800 Frs. Endlich koſten Unter⸗ haltung des Mobiliars für Feſte und Bankette 60,000 Frs., Unterhaltung des Mobiliars für Verſammlungen und öffentliche Ceremonien 6000 Frs., Unterhaltung der Wagen und Livreen der Municipalität 25,000 Frs., Empfang im Stadthauſe Feſte und öffentliche Feierlichkeiten 400,000 Frs. (Adler)