Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
108
Einzelbild herunterladen

108 Uoveilen-Zeitung.

lichen Größe hingezogen, die ihm wie ſein verkörpertes Ideal erſchien. Den größten Theil desDon Carlos hat er unter ihrem Einfluſſe gedichtet, zu mehreren Zügen im Charakter der Eliſabeth gab ſie den Anlaß, und die leidenſchaftlichen Geſtändniſſe des Königsſohnes ſind Schil⸗ ler's eigene Gefühle.

Einſt hatte Schiller's Freund, Andreas Streicher, der oft mit Charlotten zu muſiciren pflegte, die Schönheiten dieſes Dramas gegen ſie gerühmt. Charlotte wünſchte es kennen zu lernen, und auf ihre Bitten las ihr Schiller den erſten Act vor. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit, die Blicke unverwandt auf den heftigen und ſtürmiſchen Declamator geheftet, der nach ſeiner Art und Weiſe auch das Unbe⸗ deutendſte mit einem gewiſſen Pathos vortrug, hörte ſie zu, ohne irgendwie ihre Empfindung zu verrathen. Als aber Schiller ſie um ihr Urtheil fragte, antwortete ſie aus⸗ weichend und geſtand endlich auf ſein wiederholtes driugen⸗ des Bitten unter heftigem Lachen, daß dies das Aller⸗ ſchlechteſte ſei, was er noch gemacht habe.

Das iſt zu arg! rief Schiller, warf das Manuſcript auf den Tiſch, nahm Hut und Stock und entfernte ſich. Frau von Kalb aber nahm das Manuſcript wieder zur Hand, und kaum hatte ſie ein paar Seiten geleſen, als ſie zu Schiller ſandte und ihn bitten ließ, doch ja wieder zu kommen, ſie habe ſich geirrt, es ſei das Allerſchönſte, was er noch gedichtet habe. Aber Schiller kam erſt am folgen⸗ den Tage, und da ſprach Charlotte in warmen Worten ihre Bewunderung über das Geleſene aus, verhehlte ihm aber auch nicht, daß ſeine Dichtungen durch die Art, wie er ſie vortrage, bei dem Zuhörer nothwendig verlieren müßten.

Aber dieſes innige Freundſchaftsverhältniß in Mann⸗ heim ſollte nur bis zum Frühling des folgenden Jahres 1785 dauern. Es iſt bekannt, welche Verhältniſſe Schil⸗ ler zwangen Mannheim zu verlaſſen. Im Augeſicht der nahen Trennung fühlten die Liebenden, welcher Verluſt

ihnen beiderſeitig bevorſtand. Als daher Schiller der

[VIII. Jahrg. Freundin ſeinen Entſchluß eröffnete, einer Einladung Kör⸗ ner's nach Leipzig zu folgen, machten ſie ſich gegenſeitig die offenſten Geſtändniſſe.

Doch ſollte auch Charlotte zu Oſtern 1786 Mannheim mit ihrem Knaben verlaſſen. Da die Vermögensverhält⸗ niſſe der Familie immer bedenklicher wurden und daher aller Aufwand vermieden werden mußte, ſo wurde ihr in Kalbsrieth unweit Artern in Thüringen auf dem Gute ihres Schwiegervaters ein wohlfeilerer Aufenthalt auge⸗ wieſen. Hier lebte ſie, ohne den Schwiegervater zu ſehen, welcher den andern Flügel des Hauſes bewohnte und, von der Gicht gefeſſelt, nicht aus ſeinem Zimmer kam, in tiefer Einſamkeit und Abgeſchiedenheit, größtentheils, oft unaus⸗ geſetzt von Tagesanbruch bis nach Mitternacht, mit Leſen beſchäftigt, namentlich in Voltaire's, Rollin's und Robert⸗ ſou's hiſtoriſchen Schriften und in Herder's Werken, welche alle ihr eine reichhaltige Bibliothek lieferte. Herder's Schriften, in denen ſiedie geiſtige Macht ſeiner offenba⸗ renden Anſchauungen, das Wetterleuchten ſeines Lichtes über Natur und Völker erkannte, machten beſonders einen tiefen Eindruck auf ſie. Zuweilen unternahm ſie auch mit ihrem Knaben kleine erheiternde Spaziergäuge an den baum⸗ und wieſenreichen Ufern der Helme und Unſtrut, die ſich unweit des Gartens vereinigen. Das Einzige, was ſie mit der Welt noch in Verbindung erhielt und einen erfreulichen Lichtſtrahl in ihre trübe Einſamkeit warf, waren die Briefe von Schiller, der ihr von Dresden aus vie neu erſcheinenden Hefte ſeinerThalia zuſandte. In dieſen Briefen herrſchte nach Charlottens Aeußerung die Sprache der Unbefangenheit, wie das Gemüth ſie nur mit⸗ theilen möchte einem Weſen, das wir auf der Bahn des Lebens nie wieder zu verlaſſen gedenken. Schiller hatte einige Monate in ihrer Nähe zubringen wollen, ſie hatte ihn aber auf Jena und Weimar verwieſen, um dort für die Zukunft zu wirken. Auch in Kalbsrieth verlebte ſie manche trübe Stunde in Leid und Sorge und machte eines

hungen in dem berühmten ,Freiſchütz ein Werk anzufertigen, welches die ganze muſikaliſche Welt in Bewegung ſetzte. Weil es in Dresden beendet wurde, nannte man es ein deutſches Werk. Daß aber daſſelbe in Böhmen und czechiſchen Compoſiteuren ſeinen Urſprung habe, ſei jedem klar, der ſich nur ein wenig in czechiſchen, insbeſondere in kirchlichen Compoſitionen umgeſehen; namentlich ſeien die Motive der Oper nichts Anderes, als die veredelten Klänge gewöhnlicher czechiſcher Nationallieder. Des⸗ halb gefiel die Oper gar zu ſehr. Wenn ein Ausländer nach Böhmen komme und aus czechiſchen Producten Fabricate liefere, ſeien dieſe Fabricate etwa ausländiſche? Sind vielleicht Lie⸗ big's, des Ausländers, Wollzeuge nicht böhmiſche Fabricate, oder iſt Herrn Haaſe's Papier nicht böhmiſches⸗Papier? In gleicher Weiſe ſeien K. M. v. Weber's Compoſitionen, welcher czechiſche Stoffe verarbeitete, czechiſch(d!) und der Componiſt ſelbſt, der in den Geiſt czechiſcher Compoſitionen ſo tief eindrang, auch ein czechiſcher Componiſt. Solcher Componiſten gibt es aber noch mehr. Der größte czechiſche Componiſt(Narodni Listy ſpricht nicht im Scherze, ſondern im vollem Ernſte) iſt W. A. Mozart! SeineZauberflöte undFigaro's Hochzeit ent⸗ halten viele Lieder, welcheGroßväterchen, als es ſich als Knäb⸗ lein auf czechiſchen Hutweiden herumgetrieben, munter abge⸗ ſungen hat. Nicht die Czechen ſingen Mozart'ſche Melodien, ſondern Mozart ſtahl ſie den Czechen. Ja noch mehr! Luther eignete ſich die huſſitiſchen Kirchenlieder an, aus dieſen aber ſchöpften Händel und Bach ihre contrapunktlichen Compoſitionen, und alle dieſe ſammt den Epigonen Mozart's und Weber's (Weigl, Winter, Paur, Spohr ec.) poniſten, von Richard Wagner, dem Nachtreter Weber's gar

ſind czechiſche Lane

nicht zu reden. Meyerbeer vollends ſei ein rein ſlaviſcher Com⸗ poniſt, denn dieHugenotten ſeien die Verballhornung eines huſſitiſchen Kirchenliedes, derNordſtern eine Sauce aus ruſ⸗ ſiſchen undDinorah aus czechiſchen Volksliedern, die der jüdiſche Krämer(sieh ſehr gut zu verwerthen verſtand. Kurz, es wäre, wenn es überhaupt darauf ankäme, ſehr leicht nachzuweiſen, daß der ganze Plunder, den die Weltdeutſche Muſik nennt, eigentlich czechiſche Muſik ſei. Die Wiener Preſſe fügt hinzu:Wir können uns damit tröſten, daß uns wenigſtens Beethoven bleibt. Jedenfalls haben wir von dem Kunſtreferenten des czechiſchen Blattes viel Neues gelernt. Wir haben z. B. nicht geahnt, daß dieZauberflöte ein Plagiat

czechiſcher National⸗Lieder ſei, ſondern glaubten nur, daß der

Schalk Schikaneder den Text der Ariedies Bildniß iſt bezau⸗ bernd ſchön der bekannten böhmiſchen Ode entlehnte: Ten koprslisch je sakramentsky hesky!

Literatur.

Aus dem Inſtitut ins Leben. Von einer Penſionärin. St. Gallen, Verlag von Scheitlin und Zollikofer.

Es ſind, wie der zweite Titel heißt:Mädchenträume und Wirklichkeit, jedenfalls aber herrſchen dabei die Träume vor. Eine betagte Penſionärin denkt mit jener Erinnerung, welche alles Geweſene verſchönt, an ihre Jugendzeit zurück, und dieſes verklärende Licht ergießt ſich denn auch über das Weſen des groß⸗ herzoglichen Inſtituts zu Mannheim, welches in dieſem Buche mit Tendenz gefeiert wird. Eine novelliſtiſche Einkleidung ſtrebt

Morgel die tral vohl in ſinzlih 1787 Frau! laſſen. die ge 1787