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aufrichtig, wohl aber zu ſeinem eignen Glück. Einer treff⸗ lichen, kürzlich erſchienenen Lebensbeſchreibung von Char⸗ lotte folgen wir in einer Zuſammerſtellung derjenigen Nachrichten, welche ſich auf jene verhängnißvolle Liebe beziehen.
Charlotte, eine geborne Marſchalk von Oſtheim, verlor ſchon in ihrem achten Jahre ihre Eltern und wuchs uun, abwechſelnd bei Onkeln und Tanten, ohne eine geregelte weibliche Erziehung auf, halb in frivolen, halb in from⸗ men Kreiſen und immer ernſt und ſtill in ſich gekehrt, ihre Selbſtentwickelung findend. Sie wurde keine ausdrückliche Schöuheit, aber anziehend, ſchlank und hatte den Reiz des Pikanten.
Jean Paul nannte ſie ſpäter einmal„ein Weib mit einem allmächtigen Herzen“.
Noch aber ſtand ſie in erſter Entfaltung, verlockend für Viele.
So war Charlotte von Kalb, als ſie als junges, blü⸗ hendes Mädchen, in Trauerkleidung gehüllt, denn Bruder und Schweſter waren ja damals geſtorben, während eines Beſuches von Nordheim aus bei Frau von Wolzogen in Bauerbach im Jahre 1783 zuerſt mit Schiller, dem be⸗ rühmten Dichter der Räuber, wenn auch nur flüchtig zu⸗ ſammentraf. Welche Wirkung die geiſtesverwandten See⸗ len gleich anfangs auf einander machen mußten, läßt ſich denken, obwohl wir von keiner Seite eine beſtimmte Aeuße⸗ rung hjerüber haben. Die Wirkung dieſes erſten Begeg⸗ neus ſollte bald erueuert und erhöht werden, doch Char⸗ lottens Geſchick zuvor ſich noch unheilvoller geſtalten. Im Herbſt deſſelben Jahres war der Major Heinrich v. Kalb, der Bruder des Präſideuten, welcher als Officier in fran⸗ zöſiſchen Dienſten an den Befreiungskriegen in Amerika Theil genommen, von dort zurückgekehrt. Da nug mit dem Tode des Fritz von Oſtheim, des letzten männlichen Sproſſen, die Frage entſtanden war, ob das Familiengut
Uovellen-Zeitung.
(VIII. Jahrg.
(Allodium oder Mannslehen ſei, ſo wünſchte der Präſident von Kalb, um allein über das ganze Vermögen der Oſt⸗ heim's ſelbſtſtändig verfügen und die in Ausſicht ſtehenden langwierigen Proceſſe mit größerem Nachdruck führen zu können, Nichts ſehnlicher als eine Verbindung ſeines Bru⸗ vers mit Charlotten, wie man überhaupt in jener Zeit das Ehebündniß als eine Sicherung der Exiſtenz anſah. Die Verwandten und Charlotte widerſtrebten anfangs; doch ggab Letztere, vereinzelt, willenlos, nach all den trüben Er⸗ fahrungen und bittern Verluſten voll Gleichgültigkeit ge⸗ gen das Leben, ohne Muth und Hoffnung für die Zukunft, den Verhältniſſen endlich nach und wurde im Octbr. 1783, erſt zweiundzwanzig Jahre alt, Heinrich von Kalb's Gat⸗ tin. Die Folgen dieſer Convenienzheirath blieben nicht aus. Weil beiderſeitig weder Neigung noch Vertrauen vorhanden war, ſo konnte ſich auch dies Verhältniß nicht zu gegenſeitiger Befriedigung geſtalten, und ſie fühlten ſich einander nur entfremdet. Herr von Kalb blieb ſtets düſter und verſchloſſen, Charlotte war nur auf ſich ſelbſt und ihre Bücher angewieſen. So verlebte das Paar einen einſa⸗ men, düſtern Winter in Baireuth, wohin ſie ſich bald nach der Trauung begebeu hatten. Aber mit Beginn des Früh⸗ lings ſollte auch in Charlottens öder, vereinſamter Bruſt wieder eine Blume erſprießen. Schiller's Erſcheinung war es, mit welcher für ſie ein neues Leben begann. Noch ehe ſie ihn in Bauerbach von Angeſicht zu Angeſicht erblickt, hatte ſie ſchon für ihn geſchwärmt. Seine„Räuber“, diet geniale Dichtung der Sturm⸗ und Drangperiode, hatten durch die Macht und das Feuer ihrer weiſſagenden Worte, die ihr ganz aus ihrem Geiſte gefloſſen ſchienen, in ihrer Seele die tiefſten Empfindungen erregt, und da⸗
ſie wohl nicht, wie nahe ſie einſt dem Dichter noch treten würde.
Im Maimonat 1784 reiſte ſie von Baireuth mit ihrem Gemahl über Würzburg, Frankfurt und Mannheim nach
möge nur nicht ſchreien und keinen Laut ausſtoßen, weil er ſonſt Stiche und Schüſſe bekomme. Der Kreis iſt ſo dicht geſchloſſen, die auf den Bauch gezückten Meſſer ſind ſo nahe, daß gar kein Raum übrig bleibt, einen Revolver zu ziehen, oder gar einen Stockdegen zu entblößen. In aller Freundſchaft nehmen die Herren Uhr, Ringe, Bruſtnadeln, oft mit einem Stück Chemi⸗ ſette, gemünztes Gold und Silber in Empfang. Iſt das Ge⸗ fundene allzuwenig, ſo ſetzt es auch wohl Prügel, oder wenn der Ort einſam genug iſt, ſo wird das Opfer bis auf's Hemd ausgezogen. Weiter paſſirt nichts, dafern man fein ſtille hält. Muthige Menſchen halten Abends die Augen in ſteter Rundbe⸗ wegung, den Finger aber auf dem Hahn des Revolvers in der Taſche; praktiſch Vorſichtige gehen nur mit zwei Piaſtern be⸗ waffnet aus, zum Voraus auf das Geld reſignirend und auf eine Tracht Prügel gefaßt.
Solche Dinge fallen oft genug vor, ſie gehören zu Neapel wie der Veſuv; ſie ſind wie eine Zwiebel; man weint dabei und ißt ſie doch. Daran ſind nun aber in der Meinung der „Nabolidani“ lediglich die„Piemonteſen“ Schuld; die Piemon⸗ teſen baben die Armuth und Noth in Neapel hexvorgebracht, die Piemonteſen haben dieſes edle Volk demoraliſirt, die Pie⸗ monteſen wiſſen keine Ordnung zu halten.„Das haben wir nun davon,“ perorirte ein junger bärtiger Signore in der Tratteria; „wir haben uns das Unglück auf den Leib votirt, jetzt müſſen wir es tragen.“ Nationalgardiſten des einheitlichen Italiens ſaßen ſpeiſend umher und ſchüttelten betrübt die Köpfe. Der Schwa⸗ droneur erzählte noch eine Reihe von Beutelſchneidereien, Spitz⸗ V bübereien, Anfällen und Ausplünderungen, ſtets mit demſelben
Stoßſeufzer:„die Piemonteſen! das arme, geknechtete Neapel!“
Der Menſch war ſicherlich ein bourboniſcher Agent, wo nicht ein Emiſſär des dicken Lucian, und machte in ſeiner Weiſe ganz ge⸗ ſchickt Propaganda. Die Piemonteſen führen gar keine Controlle über Fremde und Reiſende. Die Grenze wie die Hauptſtadt ſtehen offen; ſie wiſſen wabhrſcheinlich nicht einmal, wer in Ne⸗ apel angekommen iſt. Vier Perſonen vom Hofe Franz II. fuhren mit mir im ſelben Wagen von Rom nach Neapel; weder ſie noch ich wurden nach Päſſen gefragt. Briefe hätten ſie nicht, ſagten ſie mir, aber wichtige Aufträge!— Engliſche Freiheit des Kom⸗ mens und Gehens zu Neapel, in der Nähe von Rom!
Denke nur Niemand, die Unpopularität der Piemonteſen ſchlage zu Gunſten der Bourbonen aus, man ſehne ſich in Neapel nach Reſtauration. Nicht Franz II. vermißt man, ſondern„den König“; nicht den Sohn Ferdinand's II. begehrt man zurück, ſon⸗ dern„die Majeſtät“, irgend einen König mit der Krone⸗ Was man haßt, iſt die neue Conſcription; was man fürchtet, das iſt die höhere Beſteuerung, Ordnung im Staatshaushalt, Ab⸗ ſchaffung der Gunſt und Gnade, des bezahlten Müßiggangs.
V Neapel iſt eine lärmende, tobende Diebshöhle voller Spitz⸗ buben und Beutelſchneider. Ja, man kann„Neapel ſehen und ſterben“— nämlich vor Trauer, Ekel und Zorn. Was uns hier am Leben erhält, das iſt die ewige Natur ringsumher, das ſind die unſterblichen Schätze des Muſeo reale und der gewaltige Veſuv..— 6.
Ein deutſch⸗franzöſiſcher Componiſt.
Bei der Berühmtheit, die ſich der beliebte Tondichter Jacob Offenbach in der letzten Zeit errungen hat, dürfte es von Inter⸗
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mals, als ſie ſich ſolchen Empfindungen hingab, ahnte*
Landau. In Ma nehrere ringen iu mit Da ſta der Ho züger begeiſ
Frau


