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ſein letztes, vom langen Marſche ganz abgemagertes Schaf ge⸗
hegten Wunſchrauszuſprechen, und ſie benutzte jede erſinn⸗ liche Ueberredung, die alte Frau dahin zu bringen, das Kind zu ihrem Herrn zu tragen. Judith weigerte ſich lange; der Auftrag war ein kitzliger und konnte Herrn Devereux mißfallen; endlich aber gab ſie den Bitten Co⸗ ra’s nach und verſprach, ſich ihr zu Liebe der möglichen Ungnade ihres Herrn auszuſetzen. Sie rechnete dabei ein weuig auf dem Einfluß, den ihre Stellung als Amme ihr verlieh, und ein Blick auf das Kind beruhigte ſie; kein Vater der Welt könnte ſich weigern, einen ſo holden Kna⸗ ben anzuerkennen!
Einige Tage ſpäter erfuhr ſie von Jemandem, den ſie um Nachricht gebeten, daß Herr Devereux in einer nicht großen Entfernung von der Hütte mit der Beſichtigung eines Feldes jungen Korns beſchäftigt ſei. Cora wuſch ihr Kind, kleidete es an und legte es zitternd in Judith's Arme; ſie ſtand vor der Thür und ſtrengte ihre Augen an, die alte Frau zu verfolgen, wie ſie langſam watſchelnd ent⸗ ſchwand. Was hätte ſie nicht darum gegeben, an ihrer Stelle zu gehen, vor ihren Herrn zu knieen und zu ſeinen Füßen ihren Knaben, ihren einzigen Schatz, niederzulegen! doch nein! er wünſchte ſie ja nicht zu ſehen; ihr Anblick möchte ihm mißfallen; um die Welt würde ſie ihm nicht wehe gethan haben.„O, wenn er nur freundlich auf mein Kind blickt, was kann ich mehr verlangen!“
Inzwiſchen bedeckte Judith ihre Bürde mit einem großen Shawl, der ſie ganz verbarg, und den Knaben nach Art eines Bündels Wäſche tragend, ſah man ſie grade⸗ wegs auf ihren Herrn zuſchreiten. Er erkannte die Ge⸗ ſtalt ſeiner alten Amme und kam ihr entgegen.
„Ah, Mutter Judith! Du biſt's, ſo weit von Hauſe?“ rief er, ſie mit dem vertraulichen Namen ſeiner Kindheit nennend;„und wie ſteht's zu Hauſe?“ fügte er ernſter werdend hinzu.
„Alles gut,“ erwiderte ſie„und mir geht es ſo leidlich,
Uovellen-Zeitung.
bis auf den Rheumatismus in einem meiner Beine; aber
ich habe Euch hier etwas mitgebracht, Herr,“ und plötzlich den Shawl abziehend, hielt ſie das Kind ſeinem Vater entgegen.
Herr Devereux ſtutzte.„Ein Kind!“ rief er,„Cora's Kind! doch nein! es iſt unmöglich!“ und zweifelnd unter⸗ ſuchte er das ihm dargebotene Kind.
„Cora's Junge, ſonder Zweifel,“ ſprach Judith,„und ein ſo ſchmucker Junge dazu, wie meine Augen nur je einen erblicken möchten, Herr. So gleich wie möglich, was Herr ſelbſt war,“ fuhr ſie kecker werdend fort, als ſie die Erre⸗ gung Devereux's bemerkte, der das Kind noch einen Augen⸗ blick mit einem Gemiſch von Zweifel, Ueberraſchung und Bewunderung anſtarrte und es dann heftig au ſich reißend an ſein Herz preßte. So oft bisher Devereux der Ge⸗ danke an ſein Kind aufgeſtiegen war, geſchah es nur um ſeine Geburt zu bedauern; ſeine Phantaſie hatte ihm ein Weſen vorgeſpiegelt, deſſen dunkle Farbe es ſelbſt brand⸗ marken und den Vater, der es anerkannte, entehren müßte. Wie verſchieden war der Knabe, auf den er blickte! Ein Knabe, deſſen Schönheit ſo auffallend war, daß, hätte er unter den verſammelten Kindern der ganzen Welt wählen ſollen, gerade dieſes das Kind hätte ſein müſſen, von dem er gewünſcht hätte, daß es ihn Vater nennen ſolle. Der Knabe glich Cora; er hatte ihre Augen, ihre freien, regel⸗ mäßigen Züge und ihren lebhaften Ausdruck, aber ſie waren zu europäiſcher Schönheit gemildert.
Herr Devereux gab das Kind widerſtrebend in Ju⸗ dith's Arme zurück; er ſandte Cora eine freundliche Bot⸗ ſchaft.„Sage ihr,“ ſprach er,„daß ich Sorge für den Knaben tragen werde; nie ſoll er den Mangel eines väter⸗ lichen Schutzes ſpüren; ich hoffe, daß ſie glücklich iſt, und daß Du, Judith, Dich ihrer und ihres Kindes ſorgfältig annimmſt. Ich will ihnen nichts, was zu ihrer Behaglich⸗ keit dienen kann, abſchlagen.“ Wieder küßte er das Kind und ſagte der alten Amme, daß er gelegentlich nach ihr ſchicken werde, und daß ſie das Kind jedesnial mitbringen
Aus der Gegenwart. Die Cagebücher Adolf Schlagintweit's. Mit der kürzlich eingetroffenen Ueberlandpoſt haben die Herren v. Schlagintweit das Tagebuch der letzten Reiſen ihres unglücklichen Bruders Adolf erhalten, deſſen Auffindung den raſtloſen Bemühungen Lord William Hay’s gelungen iſt. Das Tagebuch enthält neben vielen wichtigen Beobachtungen, welche ſpäter in dem großen Schlagintweit’ſchen Reiſewerke mit ver⸗ oͤffentlicht werden ſollen, auch mancherlei Hinweiſe, die nur zu deutlich die großen Schwierigkeiten der Reiſe und die damit ver⸗ bundenen Beſchwerden erkennen laſſen. Wochenlang zog Adolf Schlagintweit durch hohe, ganz un⸗ bewohnte Gegenden des Kuenluen; vom 28. Juni 1857, wo er
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ſchlachtet hatte, bis zum 22. Juli lebte er vom Ertrag der Jagd, der aber immer nur kärglich war, da alles Wild, welches ſonſt im Sommer gewöhnlich hochgelegene Weideplätze beſucht, durch herumſtreifende Pferde, die ſich des Nachts losgeriſſen hatten, verjagt worden war.„Die Zeit, die ich nothwendig auf die Jagd verwenden muß,“ ſchreibt der Reiſende,„reut mich, da ich hier, in einer ganz neuen und nie beſuchten Gegend, ſo viel Wichtigeres zu thun habe.“ Später, als er in die bewohnten Theile Turkeſtans herabkam, beklagt er ſich bitter über den zwei⸗ deutigen Charakter der ihm begegnenden Leute, ſodaß er manche Nacht mit geſpanntem Piſtol zu durchwachen genöthigt war.
Um dieſen Gefahren zu entgehen, faßte er daher den Entſchluß,
ſich der chineſiſchen Regierung als Europäer zu erkennen zu geben und ſie direct um ihren Schutz und Beiſtand während der Reiſe
durch ihr Gebiet zu erſuchen.
gewährt wurde.
Es war eine kühne Bitte, die ihm aber unter den damaligen Verhältniſſen, wie es ſcheint, Weiteres berichtet das Tagebuch nicht. Vier⸗ zehn Tage ſpäter(wahrſcheinlich am 26. Aug. 1857) wurde er bekannklich zu Kaſchgar in Turkeſtan auf Befehl eines Muſel⸗ manns enthauptet, der einen Aufſtand gegen die chineſiſche Re⸗ gierung organiſirt hatte.
An dieſe Mittheilungen über das Schickſal des unternehmen⸗ den unglücklichen Reiſenden knüpfen wir noch die Nachricht, daß in einigen Wochen die zweite Abtheilung des bei F. A. Brockhaus in Leipzig erſcheinenden Schlagintweit'ſchen Reiſewerks ausge⸗ geben werden wird, aus der zweiten Atlaslieferung und dem zweiten Textbande beſtehend, der eine detaillirte Schilderung der Höhenverhältniſſe Indiens und Hochaſiens gibt(baſirt auf die Beſtimmung von 3500 Punkten), äußerlich in gleich ſplendider Weiſe ausgeſtattet als die erſte Abtheilung, welche im vorigen Jahre erſchien.
Ein Augenzeuge über Neapel von heute.
Karl Grün, deſſen Reiſe in Italien jetzt vollendet iſt, ſpricht ſich vorurtheilsfrei auch über die Zuſtände in Neapel aus und ſchildert ſie zwar intereſſant, aber wenig erfreulich, wie das folgende Fragment beweiſt. Er erzählt:
„Ja, wenn Victor Emanuel noch in Neapel reſidiren könnte 5 ſagte mir einſt in Geſellſchaft eine Dame, garibaldiſch wie alle. „Glauben Sie kein Wort davon,“ raunte mir ein Conſul auf franzöſiſch zu.„Victor Emanuel iſt dieſem Volke lange nicht majeſtätiſch genug; an den konnten ſie heran, der ſprach bürger⸗
VIII. Jahrg.


