Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
83
Einzelbild herunterladen

verſtanden ſeine Worte und fühlten die Freundlichkeit

Novellen-

Der Jerſey⸗Lorbeer.

Eine Erzählung aus dem amerikauiſchen Sclavenleben von Georg Pertz. (Fortſetzung.)

Devereux's Pflanzung war in der unmittelbaren Nach⸗ barſchaft von Charlestown gelegen, und er und Mary wur⸗ den von ihren Sclaven mit jeder Kundgebung von Freude und Liebe empfangen. Seine erſte Handlung nach erreich⸗ ter Großjährigkeit war geweſen, einen zuverläſſigen Auf⸗ ſeher zur Verwaltung der Angelegenheiten ſeiner Pflanzung von England hinüber zu ſchicken, und er hatte ihm die ge⸗ meſſenſten Befehle gegeben, die Sclaven mit der größten Freuudlichkeit und Nachſicht zu behandeln. Auf dieſe Weiſe hatte er ſie ſeit einigen Jahren allmählich für den Zuſtaud der Freiheit vorbereitet. Bald nach ſeiner An⸗ kunft ließ er ſie um ſich verſammeln, ſetzte ihnen ſein Vor⸗ haben auseinander und beſchrieb ihnen die Pflichten und Segnungen der Freiheit. Seine Sprache war einfach und beredt, denn jedes Wort kam warm aus ſeinem Herzen; ſie

ſeiner Stimme und Gebehrden. Man hörte Schluchzeu, hervorbrechend aus Buſen, die ſo oft durch Liebloſigkeit mit Schwielen bedeckt waren; man ſah Thränen, von ſchwarzen Wangen herabrollend, die ſo ſelten Thränen der Freude und Dankbarkeit vergoſſen hatten. Devereux ſelbſt war ſehr ergriffen, auch Mary blieb keine unbewegte Zuſchaue⸗ rin dieſer Scene; ſie ſaß an der Seite ihres Gatten und beugte ihr Haupt über das auf ihrem Schooße ſpielende Kind; ſie weinte, von ihren Gefühlen überwältigt. Als Devereux mit ſeiner Rede geendet, blickte er im Kreiſe um⸗ her; Niemand machte den Verſuch einer Erwiderung, er hörte nur den Ton krampfhaften Schluchzens und tief ge⸗ holter Seufzer; wer hätte ihn nicht beneiden müſſen? Er hatte ſich berauſcht an dem Entzücken, welches die reinſte, zärtlichſte Liebe dem Menſchen bereiten kann; aber in dieſem Augenblicke fühlte er eine ſeligere Luſt, eine noch mehr geſteigerte Empfindung vollendeten Glücks, als ſelbſt da⸗ mals, wo ſeine geliebte Mary ihn zuerſt Gatte genannt. Er dachte nicht an ſich ſelbſt, es war das Glück Anderer, das ſo mächtig in ſeiner Bruſt klopfte; es war ihre Frei⸗ heit, die ſeiner Stirn jenen ſtolzen Schimmer verlieh, ihre Erregung, die jene in ſeinem Auge zitternde Thräne her⸗

Dritte Folge.

vorrief und ſeine Stimme zu dem rührendſten Tone der Weichheit milderte.

Zeitung.

Die Neger warfen ſich zu ſeinen Füßen nieder, nicht als Zeichen knechtiſcher Unterwürfigkeit, nicht wie Selaven, die vor ihrem Herrn zittern, ſondern wie Männer, über⸗ wältigt von Dankbarkeit und bemüht ihrem Wohlthäter Gefühle auszudrücken, für welche keine Sprache Worte hat. Jeder Neger hätte freudig ſein Leben für Deve⸗ reux geopfert. Er war nicht mehr ihr Herr, aber die Worte, welche ihnen die Freiheit gegeben, hatten ſie für immer gebunden. Die Ketten waren von ihren Händen gefallen, aber ihre Herzen, ihre Seelen waren von feſteren Banden gefeſſelt als denen der Furcht.

Als Devereux und Mary allein waren wie gern wäre auch ſie vor ihm auf die Kniee geſunken! In Gefühle der höchſten Bewunderung war ihre Seele denen der Neger begegnet. Wie ſtolz fühlte ſie ſich, ſeine Gattin zu ſein! Sie hatte ſeinen Worten gelauſcht, wie ſie denen eines Weſeus aus einer höheren Welt gelauſcht hätte, das da, Segen auf ſeinen Spuren verbreitend, auf dieſe Erde her⸗ abgeſtiegen wäre. Sie hatte ſein Antlitz gehütet, ehe quel⸗ lende Thränen ihr Auge verſchleiert, bis die dort ausge⸗ drückten Gefühle ihr erhabener als menſchliche geſchienen. Aber Liebe miſchte ſich in ihre ſchwärmeriſche Bewunde⸗ rung. Sie ſchlang ihre Arme um ihn, und die rührenden Liebkoſungen der zärtlichen Gattin drückten ihr tiefes Em⸗ pfinden ſeiner Herrlichkeit aus.

Devereux ließ die drei Schiffe, welche ſeine Neger nach Haiti bringen ſollten, befrachten und mit jeder nur mög⸗ lichen Bequemllichkeit für die Paſſagiere ausrüſten. Nach ihrer Abfahrt beabſichtigte er Haus und Land bei Charles⸗ town zu verkaufen und dann nach New⸗Jerſey zurückzu⸗ kehren, um nie wieder einen Fuß in die ſüdlichen Staaten Amerika's zu ſetzen. Schon ſeit frühſter Jugend hatte ſein edles Gemüth den Gedanken an Sclaverei verabſcheut; aber ſelbſt ſeine lebhafte Phantaſie hatte ſich ihre ſcheußlichen Züge, ihren peſtartigen Einfluß auf Geiſt und Herz des Sclaven und Herrn nicht gräßlich genug ausmalen können. Jetzt hatte er alle ihre Schrecken kennen gelernt. Er ſtu⸗ dirte das von ſclavenhalteuden Geſetzgebern herrührende Recht, und ſein Herz brannte vor Unwillen über ſolche An⸗ ſchauungen von menſchlicher Natur. Als er die Frage gründlich unterſuchte, fand er die mannigfachen Schwierig⸗ keiten, welche ſich jevem Vorſchlage allgemeiner Emanci⸗ pation der Negerbevölkerung entgegenthürmen; aber welche Auſtrengungen hat Amerika gemacht, um die Feſſeln des Sclaven zu zerbrechen oder auch nur zu erleichtern? Wie kalt hat es nicht auf den Schrei der leidenden Menſchheit ge⸗ hört?!