Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
82
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Uovellen-Zeitung.

N.

Karl von Holtei.

Grabgeſang.

Sie haben Dich hinausgetragen

Im Stillen, mit verhaltnem Schmerz, Mit Widerſtreben und mit Zagen,

Du reines, treues, edles Herz,

Da tönten keine Trauerſänge,

Es folgte Dir kein Trauerzug, Kein liebend weinendes Gedränge, Und nur die kalte Glocke ſchlug.

Die Du im blühend vollen Leben So lieblich warſt, ſo hold, ſo mild, Nur Luſt geſpendet, Glück gegeben, Der Himmelsgüte wahres Bild;

An Schönheit reich und ſo beſcheiden, Ein anmuthvolles, reines Weib: Wie haben kurze, ſchwere Leiden Verwüſtet Deinen zarten Leib;

Daß er, ſonſt Abbild wahrer Schöne,

Ein Abſcheu nun geworden war;

Daß nun ſein Anblick Schreckenstöne Und Schauder, Angſt und Furcht gebar!?

Daß man in banger Eile ſtrebte,

Dich zu entfernen, die der Blick

So gerne ſuchte, weil ſie lebte!?

Dich, Ida!? Gott, welch' ein Geſchick!

An Deinem Grabe ſollten Schaaren Von tiefbetrübten Freunden ſtehn; Da ſollten in bethränten Haaren Die allergrünſten Kränze wehn;

Da ſollten ſich der Seele Klagen In Leid und Lied ergießen laut, Und unſern Jammer aufwärts tragen Zu Dir, Du heil'ge Todesbraut!

Da ſollten Deine Kinder hören, Wie wir geliebt Dich, wie yerehrt; Da ſollten ſie es laut beſchwören, Zu würdigen der Mutter Werth.

O, konnte nicht ein Engel lächeln, Der liebend Dich von hinnen nahm, Mit Lilien Dich ſanft umfächeln, Als Deine letzte Stunde kam?

Weh' uns! Von Peſtgewölk umgeben, Mit giftgeſchwoll'nem Drachenhaupt Erſchien der Würger, brach ein Leben, An das wir liebend froh geglaubt.

Drum haben ſie Dich fortgetragen Im Stillen, mit verhaltnem Schmerz, Mit Widerſtreben und mit Zagen, Du reines, treues, edles Herz.

Gedichte von Karl von Holtei.

V

Fünfte vermehrte Auflage.

Wer aber mag die Liebe hindern,

Daß ſie in Liedern ſich ergießt?

Wer kann den Strom der Thränen mindern, Wenn er gewaltſam glühend fließt?

So ſtrömt, ihr Thränen, klinget, Lieder, Bis mir der Himmel Tröſtung gibt; In jenen Herzen hallet wieder,

Die ſie gekannt und auch geliebt.

Die Kränze.

Da wir in der Kirche ſtanden,

Da ihr Kind die Tauf empfing, Weiß ich wohl, daß ich mit innern Blicken an der Mutter hing;

Daß ich ihrer fromm gedachte, Feſt ergeben, treu geſinnt;

Und wie wir das Kind berührten, Sagtich mir: es iſt ihr Kind!

Als wir dann nach wenig Tagen Ihr Geburtsfeſt froh geweiht, Fühlt' ich an dem jungen Morgen Eine alte Seligkeit.

Denn aus ihren reinen Blicken, Aus dem kindlichen Gemüth War mir meine eigne Kindheit Wie im Zauber aufgeblüht.

Und wir wanden Blumen, Kränze Um die Bäume, bis ſie kam,

Bis ſie unſre kleinen Gaben Dankbar, wie die größten, nahm.

Kaum ein Monat iſt vergangen Seit der Taufe, ſeit dem Tag! Ob wohl um die Bäume heute Noch ein Kranz ſich ſchlingen mag?

** *

Der Sturm hat die Kränze zerriſſen, Der Sturm hat ſie durchwühlt, Er hat mit Regengüſſen

Herab die Blätter geſpült.

Es war ein wildes Wetter In jener wilden Nacht, Das hat die armen Blätter Dem Teiche zugefacht.

1 Da ſchwammen ſie und ſanken inab in Modergrund; Ich habe ſo meine Gedanken,

Doch thu' ich ſie nicht kund.

Breslau, Verlag von Eduard Trewendt. 1861.

(VIII. Jahrg. 1