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niſſe mit Oeſterreich abgeneigt und beſtärkte ihn in ſeiner Ueberzeugung, daß die Neutralität während dieſes Krieges für die Regierung ſeines Souverains am zweckmäßigſten ſei.
Eben ſo wenig Neigung hatte Graf Pourtalèés für ein zu enges Bündniß Preußens mit Rußland, weil er recht gut wußte, welche traurigen Folgen ein ſolches Bündniß für Preußen haben werde und welche Gefahren für daſſelbe daraus hervorgehen könnten.
In einem Einverſtändniß Preußens und Frankreichs ſab er nichts Unpaſſendes, im Gegentheil Vortheile, ſo lange jede der beiden Mächte ſich die Freiheit des Handelns vorbehielt und wenn ſie in dem Gefühl eines gegeuſeitigen Vertrauens und einer gegenſeitigen Freundſchaft vereinigt wären, um ſich nöthigenfalls verſtänvigen zu können, wenn politiſche Verhältniſſe dies wünſchenswerth machen ſollten. In Folge deſſen hat Graf Pourtalèés viel dazu beigetragen, daß im Jahr 1860 die Zuſammenkunft in Baden⸗Baden und im Jahr 1861 die in Compiègne zwiſchen Wilhelm I. und Napoleon III. ſtattfaud.
Wahrſcheinlich iſt in Compiègne der Grund zu dem Uebel gelegt worden, das ihn ſo ſchnell hinweggerafft hat. Er hatte ſeinen Kräften zu viel zugetraut und war ſehr an⸗ gegriffen, und ſeine nähern Bekannten waren der Anſicht, daß er der Ruhe bedürfe. Man ſprach mit ihm davon, doch er wollte nichts davon wiſſen und reiſte nach Königs⸗ berg, um dort der Krönung beizuwohnen. Nach der Krö⸗ nung reiſte er nach Berlin, konnte aber dort nicht allen Feſten, die dem König gegeben wurden, beiwohnen. Von Berlin reiſte er in die Schweiz, doch nicht um ſich dort zu erholen, ſondern um wichtige Familienangelegenheiten in Folge des kürzlichen Todes ſeines Vaters zu ordnen. An⸗ fangs Decembers kehrte er nach Paris zurück, wo ihn am 17. December der Tod ganz unerwartet den Seinigen entriß. Sein Tod erfolgte durch einen Blutandrang nach dem Herzen. Um vier Uhr Nachmittags fiel er auf der Treppe ſeines Hôtels in Ohnmacht; eine Viertelſtunde
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nachher ſchien er vollkommen hergeſtellt; er unterzeichnete im Bette mehrere Depeſchen, ſteckte eine Cigarre an, die er jedoch nach einigen Minuten weglegte, um zu ſchlafen. Gegen ſechs Uhr trat die Gräfin Pourtalès in das Zim⸗ mer, ſetzte ſich ruhig neben das Bett, feſt überzeugt davon, daß ihr Gemahl ſchlummere, aber bald ſtellte es ſich her⸗ aus, daß er verſchieden war— ohne eine Spur von Agonie.
Preußen und deſſen König haben in ihm einen ergebe⸗ nen, rechtlichen und einſichtsvollen Diener verloren. Graf Pourtalès, der bereits auf dem Gipfel ſeiner Laufbahn an⸗ gekommen war, konnte hoffen, eines Tages in Berlin zum Miniſter des Auswärtigen ernannt zu werden, welchen Poſten er ſicher vortrefflich ausgefüllt hätte, da er als Staatsmann ſehr unterrichtet und arbeitsſam, einſichtsvoll und wachſam, dabei zugleich entſchloſſen und überzeugt war, ſobald eine Angelegenheit gehörig berathen ſei, ſo müſſe man ſchnell und energiſch handeln. Graf Pourta⸗ lès war ein entſchiedener Anhänger der Politik der Action, die zu allen Zeiten ſelten geweſen und jetzt ſeltuer als je ſind. Aber bei ihm wurde die Energie des Willens durch eine kluge Mäßigung beherrſcht, die ihn im Zaume zu halten vermochte. Das ſah man 1859, als er ſeiner Re⸗ gierung den Rath ertheilte, ſich der Theilnahme an dem Kriege zu enthalten, während er ſich doch immer mit der Größe Preußens beſchäftigte und wünſchte, daß es bei jeder Gelegenheit in den europäiſchen Angelegenheiten ſeinen Rang behaupten möchte, wie es daſſelbe in allen großen Epochen ſeiner Geſchichte gethan hat. Da er in allen Lagen ſeines Lebens ſich als Ehrenmaun gezeigt hat, ſo hat er ſich ein ehrendes Andenken geſichert.— Sit illi terra levis! C.
Reiſeerinnerungen und Abenteuer aus der neuen Welt in ethnographiſchen Bildern von C. A. Pajeken. Bar⸗ men, Heyſe's Verlag..
Ohne Frage muß man den Autor zu denjenigen Kennern transatlantiſcher Gegenden zählen, die ſich ihre Anſichten ohne Vorurtheil an Ort und Stelle geſammelt haben und nicht dabei durch ſpeculirendes ruheloſes Bücherſchreiben zu Lügnern oder faden Patronen wurden, wie jetzt ſo viele, die ihre fremdländi⸗ ſchen Eindrücke nur benutzen, um damit ihre Romane zu be⸗ fruchten.
Pajeken ſchrieb ſehr wenig, meiſt nur in Zeitſchriften, und wir haben hier einen Kern ſeiner zerſtreuten Arbeiten vor uns. Sie zeichnen ſich durch Mäßigung und Klarheit im Vortrag aus und berichtigen viele Vorurtheile. Friedrich Ruperti hat dieſe kleine intereſſante Sammlung mit einem kurzen Vorworte über den nun bereits verſtorbenen Autor verſehn. Derſelbe hielt ſich
auch lange in Californien auf, und was er über das Treiben dort
ſagt, wird viele Gebildete feſſeln. O. B
Aus dem Leben eines italieniſchen Patrioten. Aus dem Italieniſchen von Eduard Burckhardt. Gotha, Verlag von Opetz. 1861.
Was hier geboten wird, ſind die Denkwürdigkeiten des Grafen Giovanni Arrivabene, welcher jetzt, aus ſeiner freiwilligen Verbannung zurückberufen, von Victor Emanuel zum Senator von Italien ernannt worden iſt. Seine Schrift umfaßt nur die kurze Zeit ſeiner Leidensjahre, jener Epoche, in welcher ſich Oeſterreich ganz beſonders durch jene beſchränkte Unterdrückung
italieniſcher Patrioten auszeichnete, welche von Zeit zu Zeit je nach Umſtänden als Mittel zum Zweck von der Politik keines Landes verſchmäht wird. Was der Verfaſſer von dieſen Dingen erzählt, iſt hiſtoriſch belehrend, obgleich es immer nur eine Varia⸗ tion auf das alte Thema von Metternich's Syſtem iſt.
Wenn man an dieſen Enthüllungen trauriger Irrthümer vollen Antheil nimmt, ſo kann man dagegen mit vielen An⸗ ſichten des Autors nicht übereinſtimmen. Auch muß es den Ita⸗ lienern mehr als politiſche Begeiſterung denn als äſthetiſches Urtheil angerechnet werden, wenn ſie über die Abfaſſung dieſes Heftchens ſo entzückt ſind. O. B.
Miscellen.
Worte für Well und Haus.
Eine große Leidenſchaft macht den Menſchen erhaben, in der Wonne ſelig und im Leid namenlos unglücklich. Er endet mit ungemeſſenem Schmerz, qualvoll und elend, aber man nennt ſein Schickſal poetiſch, und die Dichter verbrennen die Leiche ſeines Glückes den Göttern des Helikon. Eine kleine Leiden⸗ ſchaft macht den Menſchen noch unbedeutender, als er vorher war, würzt ſein Leben auf eine angenehme Weiſe, gewährt Behagen im Genuß und erträglichen Schmerz im Unglück. Er ſtirbt mit Ruhe und iſt keiner Nutznießung nach ſeinem Tode unterworfen.


