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nicht unter den verkäuflichen, durch den Umgang mit der Welt abgeſtumpften Frauen wollte ich die Freundin, die geliebte Gefährtin meines Lebens ſuchen; ich hatte eine ernſte Lehre erhalten, und ſie ſollte nicht umſonſt ge— weſen ſein. Ich richtete mein Augenmerk auf Frauen einer beſcheidenen Lebensſphäre, welche aus Mangel an Vermögen und Rang ſich nicht unter die miſchen konn⸗ ten, welche den eitlen Thron der Mode umdrängen. Viele waren ſchön, und gewiß gar manche angenehm und liebens⸗ würdig; aber mein Ideal der Weiblichkeit erreichten ſie nicht; keine bewegte meine Phantaſie oder gewann mein Herz. Ich beſuchte andre Länder, um die Menſchen in verſchiedenen Himmelsſtrichen und unter verſchiedenen Re⸗ gierungsformen kennen zu lernen. Ich kam nach Amerika, und ich freue mich, daß es in dieſer freien Republik iſt, wo ich Dir, meine geliebte Mary, begegnete, die Du Alles, was an Frauen unſre Liebe gewinnt, die Du Schönheit, An⸗ muth und Sanftmuth mit jener Herzenschärme vereinigſt, welche einen ſo holden Glanz auf jeden andern Raiz zurück⸗ ſtrahlt.“ 4
Sö lautete der Bericht Devereux's von den Ereigniſſen ſeines vergangenen Lebens, und Mary lauſchte ihm mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Sie drückte ihr unge⸗ ſchmunktes Erſtaunen über die kalte Entſcheidung der von ihm einſt geliebten Frau aus; ſie dachte nicht daran, ihn zu verſichern, daß die Umſtände ſeiner Geburt nichts in ihren Gefühlen gegen ihn änderten; ebenſo wenig zweifelte ihr Liebhaber an ihren Geſinnungen und hielt es für undenk⸗ bar, daß in dem Herzen ſeiner zarten, unſchuldigen Mary Veränderlichkeit an die Stelle der Liebe treten könnte, noch daß irgend ein Ereigniß auf der Welt jemals ihr Schickſal von dem ſeinigen zu trennen vermöchte.
Unter dieſen günſtigen Vorbedeutungen war es, daß die Feier der Hochzeit begangen wurde, einer Hochzeit, welche die warmen Segnungen zu erfüllen verſprach, welche inbrünſtig von den Lippen des Dr. Temple auf das Haupt
Uovellen-
Zeitung.[VIII. Jahrg. ſeiner geliebten Mary herabgefleht wurden, als er in eig⸗ ner Perſon die heilige Handlung vornahm, welche ſie für immer mit Devereup vereinte.
Devereux wurde Gatte, ohne aufzuhören Liebender zu ſein; jeder Tag ließ ihn neue Reize in ſeiner ſanften Mary entdecken; jede Stunde überzeugte ihn von der Aufrichtig⸗ keit und der Gluth ihrer Liebe. Sein Herz war von Natur zur Zärtlichkeit geſchaffen, hier zuerſt begegnete er einem Weſen, an welches er ſeine glühenden Gefühle verſchwen⸗ den konnte, und das en Hefühle mit gleicher Picte zurückgab. Er genoß ſein Glück mit ſchwärmeriſchem Ent⸗ zücken. Er gedachte der Freuden, die er in Europa gekoſtet, nur, um der Eitelkeit ihrer Befriedigung das volle Ent⸗ zücken ſeiner gegenwärtigen Lage entgegen zu ſetzen. Er kaufte ſich mit einem Wohnhauſe und ausgedehnten Lände⸗ reien in der Nähe des Lorbeerhügels an, denn, wie er ſagte, mochte er ſeinen geliebten Jerſey⸗Lorbeer nicht aus ſeinem heimathlichen Boden, wo er ſo hold geblüht, ver⸗ pflanzen. Er beſchäftigte ſich mit der Verbeſſerung des Hauſes und der Be neang der Gegend; ſein neuer Aufenthaltsort bot viel natürliche Schöuheit, und ſein gro⸗ ßes Vermögen und ſein trefflicher Geſchmack ſetzten ihn in den Stand, einen der lieblichen Wohnſitze Amerika's dar⸗ aus zu ſchaffen.
Mary wurde Mutter eines lieblichen Kindes, eines Knaben, der von der Stunde ſeiner Geburt ab der Abgott ſeiner Eltern war und faſt nicht minder von Herr und Frau Temple geliebt wurde. Glückſeligkeit, wie ſie ſelten Sterblichen zu Theil wird, wohnte in dem Schooße jener beiden Familien, die ſowohl durch Neigung als auch durch Aehnlichkeit ihrer Beſtrebungen verbunden wurden. Täg⸗ lich ſuchten ſie ſich auf. Dr. Temple und Devereux durch⸗ maßen die Aecker und entwarfen mancherlei Verbeſſerungen und landwirthſchaftliche Vorſchläge. Tante und Nichte
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den. Zunächſt brachten ſie mich dann zu einer ganzen Gruppe alter Eichen, die noch wenig herausgearbeitet und beachtet, noch tief in der Finſterniß des Dickichts ſtecken, und die durch Mannig⸗ faltigkeit ihres Zweigwerks und ihrer Geſtaltung ſehr ausge⸗ zeichnet ſind. Sie gehörten ſämmtlich zur erſten Claſſe der Bäume, zu den Zehnfüßern, d. h. zu denen, die etwas mehr oder weniger als 10 Fuß im Durchmeſſer haben. Solcher zehn⸗ füßiger Eichen ſoll es jetzt noch hundert oder darüber im„Bruchen, geben. 3
Zur Culturgeſchichte. Zur Phrenologie.
In der Nr. 28. des vor. Jahrg. Ihres geſchätzten Blattes meinen Sie, es ſei eine dunkle Stelle der Phrenologie, daß große Männer nicht alle auch ein großes, nämlich über das Mittelmaß hinausgehend ſchweres Gehirn dem Gewichte nach haben. Er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen darauf Einiges erwidere und zwar nicht bloß als Anhänger der Gall'ſchen Schule. Der geniale, leider viel zu früh für die Wiſſenſchaft verſtorbene Phyſiolog Huſchke ſagt in ſeinem nicht genug zu preiſenden Werke„Schä⸗ del, Hirn, Seele“ über den von Ihnen aufgeworfenen Punkt Folgendes:„Meſſungen der geſammten Schädelhöhle haben den Fehler der Allgemeinheit. Sie ſind der erſte Schritt, drin⸗ gen aber nicht tief ein. Wenn daher Tiedemann als Hauptergeb⸗ niß ſeiner bekannten Unterſuchungen über das Negerhirn im phi⸗ lanthropiſchen Sinne den Satz aufſtellte, daß die Neger keineswegs
eine Schädelhöhle von geringerer Geräumigkeit beſitzen, als die Europäer oder die Völker anderer Menſchenracen, ſo hat ſchon Carus nicht nur aus deſſen eigenen ſorgfältigen Tabellen das Entgegengeſetzie gefolgert, ſondern auch mit Recht geltend ge⸗ macht, daß, um aus der Größe des Gehirns auf die Stufe des geiſtigen Lebens einen richtigen Schluß zu ziehen, es nicht allein auf die Größe des geſammten Gehirns, auf die Größe der ganzen Schädelhöhle ankomme, ſondern noch mehr auf die Größe der verſchiedenen Schädelwirbel.(Schädelwirbel heißen bekannt⸗ lich die die äußere Hülle des Gehirns bildenden Knochen.) Die Größe der drei Hauptregionen iſt wichtiger als die Größe des Ganzen. Ja, fährt Huſchke wörtlich fort, ich ſetze hinzu, auch bei dieſen drei Haupthtzirken wird man, je mehr man in die pſychiſchen Einzelnheiten eindringt, nicht ſtehen bleiben, ſondern zu den Gall'ſchen Organen und in das feine Detail der Hirnſtructur und Textur getrieben werden.“ Bezüglich des Ge⸗ wichts des Gehirns ſelbſt demerkt Huſchke, daß der Satz im Allge⸗ meinen richtig iſt, es weiſe ceteris paribus größerer Umfang und Schwere des geſunden Gehirns auf eine größere Vollkommenheit deſſelben, auf eine größere pſychiſche Entwickelung hin. Sie werden aus dieſen Worten abnehmen, was es mit Größe und Gewicht eines geſunden Gehirns im Allgemeinen und abgeſehen von ſeinen einzelnen Theilen auf ſich hat. Wenn daher Dante oder ein be⸗ kannter virtuoſer Schauſpieler in Dresden(um eine lebende Per⸗ ſon anzuführen) nur kleine Gehirne haben, ſo ſchließt das noch nicht aus, daß die Regionen der Reflexionsſinne und der edleren Gefühle, welche in den oberen Stirn- und Scheitelpartieen ihren Sitz haben werden, bei ihnen und allen durch Reflexion und Ge⸗
fühl ausgezeichneten Menſchen ganz anders kräftig entwickelt ſein
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