Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
72
Einzelbild herunterladen

72

Männerwelt anzuerkennen; ſie vergab ihrer Nichte, ihn William vorgezogen zu haben, und freute ſich des Gedan⸗ kens, daß die von ihr gehegte Waiſe, das Kind, das von ihr erzogen, die Aufmerkſamkeit eines Mannes wie Deve⸗ reux Hammond auf ſich gelenkt habe. Sie erklärte ſich be⸗ reit, William ſelbſt von Mary's Verlobung zu unterrich⸗ ten, und Mary, die ſich geſträubt hatte, ſeine Fürſprache bei ihren Pflegeeltern in Anſpruch zu nehmen, drang jetzt darauf, daß er von ihrer Lage erfahre. Dr. Temple lernte in Devereux einen hochgebildeten Geiſt kennen, der Weltklugheit mit hervorragenden natürlichen Talenten verband; er war mit ſeinen Lobſprüchen weniger verſchwen⸗ deriſch als ſeine Frau und verbreitete ſich nicht ſo weit ſchweifig wie ſie über die perſönlichen Vorzüge des künf⸗ tigen Gatten Mary's; doch fühlte er ihr Gewicht, und wußte die Schärfe ſeines Geiſtes und die Klarheit ſeiner Anſchauungen betreffs aller Dinge beſſer als ſeine Frau zu würdigen.

Mary, wie ſie den ihrem Geliebten ertheilten Lob⸗ ſprüchen lauſchte, wie ſie die täglichen Fortſchritte, die er in der Achtung und Liebe ihrer Pflegeeltern machte, beobach⸗ tete, war die glücklichſte der Sterblichen. Seit ihrer Kind⸗ heit an die Stimme der Bewunderung gewöhnt, war ſie ſich des Einfluſſes ihrer Reize nicht unbewußt; aber ein tieferes Erröthen als das durch ihr ſelbſt geſpendete Lob⸗ ſprüche hervorgerufene überzog ihre Wange, weun ſie den Eindruck ſeiner männlichen Beredſamkeit, ſobald ſie durch einen Gegenſtand von Intereſſe angeregt wurde, wahr⸗ nahm. Wie kalt erſchienen ihr jetzt die Befriedigungen der Eitelkeit, wo ihr Herz von einer reineren Freude durchglüht wurde, der Freude über die Anerkennung der Trefflichkeit deſſen, den ſie liebte!

William's Autwort an ſeine Mutter entfernte die ein⸗ zige Sorge, welche Mary am Vollgenuſſe ihres gegenwär⸗ tigen Glücks gehindert hatte. Er war zu gerecht, um nicht anzuerkennen, daß ſeine Couſine frei von jeder Ver⸗

Uovellen-Zeitung.

pflichtung gegen ihn und vollſtändig berechtigt geweſen, zu Gunſten eines Andern über ihre Hand zu verfügen; er war zu edel, ein ſie vielleicht kränkendes Bedauern auszu⸗ ſprechen, und er beſchloß, ſie von Stund ab als Schweſter zu beobachten und zu vergeſſen, daß er je gehofft ſie zu be ſitzen. Sein mit großer Ruhe geſchriebener Brief erregte das Erſtaunen Devereux's, welcher geglaubt hatte, ſein Nebeubuhler müſſe alles das empfinden, was ihn ſelbſt gemartert hätte, wäre ſeine angebetete Mary das Weib eines Andern geworden; er konnte die Empfindungen nicht verſtehen, welche William die Kraft verliehen, ſich ſo ruhig von einem Schatze zu trennen, auf deſſen Beſitz er gerech⸗ net. Er drückte ſeine warme Bewunderung für dieſes Be⸗ nehmen aus, welches ihm das Uebermaß ſelbſtverleugnen⸗ der Liebe ſchien, hätte er gewußt, wie wenig dies Opfer William gekoſtet, er hätte nur Erſtaunen über ſeine Kälte empfunden. 2

Die Tage des Brautſtandes ſind ſprüchwörtlich die der Hoffnung und des Glücks, und für Devereux und Mary insbeſendere wurden ſie ausgefüllt durch ſeliges Genießen der Gegenwart und goldene Träume der Zukunſt. Er beſchrieb ihr die Bilder, die vor ſeinem Auge vorüberge⸗

vergangenen Lebens. Gleich ihr war er eine Waiſe gewe⸗ ſen, aber er hatte nicht wie ſie Freunde gefunden, die ihm die Stelle der verlorenen Eltern erſetzt hätten. Er hatte einſt geliebt, oder zu lieben gewähnt; denn das Gefühl, welches er jetzt kennen gelernt hatte, verdiente allein den Namen der Liebe. Er ſprach von dem Weibe, welches ſeine jugendliche Phantaſie gefeſſelt, und das er ſich einſt zur Gattin gewünſcht hatte; er beſchrieb ihre Schönheit, ihren ſprühenden Witz und den Zauber ihres Weſens; ihr Rang war hoch und ihr Vermögen bedeutend geweſen; dieſe Vortheile waren von ihm unberückſichtigt geblieben, und er hatte ihre Liebe zu ihm für nicht minder uneigen⸗ nützig gehalten als die ſeinige. Von dieſem Traume er⸗

Europa ſo gut wie nicht vorhanden iſt. Und doch iſt derſelbe ein außerordentlich großer und bedeutender! Die weiten Lande des ruſſiſchen Selbſtherrſchers beſitzen eine Menge der merk⸗ würdigſten Denkmale, und ſeine Kirchen und Paläſte enthalten bedeutende Sammgungen von Kunſtwerken. Wie in allen Zwei⸗ gen des ſtaatlichen Lebens, ſo wird auch in der Pflege der Kunſt an den Ufern der Newa mit den alten Kunſt⸗Culturheerden Eu⸗ ropa's gewetteifert. Es ſind bereits großartige Kunſtſchätze er⸗ worben und weltberühmte Sammlungen angelegt, nebenbei hat die einheimiſche religiöſe Kunſt im Laufe der Jahrhunderte viel Intereſſantes geſchaffen, und die Beziehungen Rußlands zu dem Orient haben auch aus dieſem mancherlei Werthvolles erlangen laſſen, kurz, die ruſſiſchen Kunſtſammlungen ſtehen den reichſten und merkwürdigſten Sammlungen Europa's ebenbürtig zur Seite. Um nun dieſen Reichthum allgemeiner bekannt zu machen, iſt ſo⸗ eben ein großartiges Prachtwerk begonnen worden, welches der

Beachtung aller Kunſtfreunde empfohlen zu werden verdient:

Trésors de l'art de la Russie ancienne et moderne par Théoph.

Gautier; 200 planches héliographiques par Richebourg

Paris;(Leipzig, A. Dürr.). Daſſelbe hat die Aufgabe, die er⸗ wähnten Schätze, deren Daſein ſelbſt mitunter noch nicht bekannt

war, in weiteren Kreiſen zur Anſchauung zu bringen, und die erſten Lieferungen, welche bis jetzt erſchienen ſind, verſprechen ſehr Gutes und Bedeutendes. Sie zeigen uns in vortrefflichen Pho⸗

tographien die Iſaakskirche in Petersburg, dieſen großartigen Granit⸗ und Marmortempel, welcher zu den erhabenſten Kirchen⸗ bauten der Welt zählt, mit all ſeinem ganzen prächtigen Inhalte; den herrlichen Palaſt der Großfürſtin Marie, welcher neben an⸗ dern Schätzen die unvergleichlichen Sammlungen des Prinzen

von Leuchtenberg enthält; endlich Zarskoje⸗Selo, das glänzende Luſtſchloß mit ſeiner überreichen Ausſtattung und ſeinem un⸗ glaublichen Prunke, ſowie die werthvolle Waffenſammlung des Kaiſers. Die folgenden Lieferungen werden bringen: die übri⸗ gen kaiſerlichen Paläſte, den Kreml zu Moskau, die berühmteſten Klöſter und Kirchen des Reichs mit ihren mannigfaltigen Reich⸗ thümern. Die zahlreichen photographiſchen Abbildungen werden allgemein gelobt. Der Preis für das Werk(100 Frcs. pr. Lie⸗ ferung) iſt verhältnißmäßig nicht übertrieben, doch für den Pri⸗ vatmann immerhin hoch.(Europa)

Aus der Natur. Ein deutſcher Arwald.

Leider muß man ſich ſchon ſeit Jahrhunderten in andere Erdtheile begeben, um einen Ürwald kennen zu lernen, während das deutſche Land urſprünglich das der Wälder war. Es war aber auch ganz ausdrücklich das der deutſchen Eichen, und von dieſen ſchildert uns ein Mitarbeiter des Morgenblattes noch einige Ueberreſte, die in dem oldenburgiſchen Walde Haßbrook ſtehn. Dieſer Wald, der ſich noch aus den Zeiten unſerer heid⸗ niſchen Vorfahren herſchreibt, liegt auf der hohen Geeſt, unweit der Weſermarſchen.

Die ganze Ge Eichen. Faſt dichter Eichan

gend ſag Verfaſſer, iſt hier reich an ſchönen ealten Bauerngehöfte liegen im Schatten ſe und beim Dorfe Stenum hatte man mir 4 ſrtie bezeichnet, die gewiſſermaßen eine Art Vorwald dem Dickicht von Haßbrook bilde und, was maleriſche Grap⸗

[VIII. Jahrg.

zogen waren, und belehrte ſie über alle Ereigniſſe ſeines