Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
70
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70 Uoveilen

die Zeit ihrem Herzen Sammlung und ihrem Geiſte Ueber⸗ legung brachte, ſtieg das Bild der Enttäuſchung, welche ihre Tante und William betreffen würde, ſchmerzlich in ihrer Seele auf. Sie klagte ſich des Undanks gegen ihre gütigen Wohlthäter und der Unbeſtändigkeit gegen den Gefährten ihrer Kindheit an. Devereux ſah die Wolke, welche ſich auf ihrer Stirn ſammelte, und forſchte angſtlich nach der Urſache. Mary fühlte ſich von einem Theile des auf ihr laſtenden Schmerzes befreit, als ſie ihm ihr Verhältniß zu iyrem Vetter dargelegt hatte; ſie hatte jetzt einen Anhalt an dem Urtheil Devereux's; an ihm war es für ſie zu han⸗ deln, zu denken und zu fühlen. Sie hatte in allen Dingen ein unbegreuztes Vertrauen auf die Gerechtigkeit ſeiner Anſchauungen; ſie hielt ihn für fähig, ſelbſt dieſe Frage, bei der er perſönlich am meiſten betheiligt war, zu beur⸗ theilen; ſie kaunte die Zartheit ſeines Gefühls und den Adel ſeines Herzens. Sie glaubte daher in jeder Lage ſeiner Meinung vertrauen und ſeinem Rathe folgen zu dürfen.

Hätte Devereux zur Zeit ſeiner erſten Bekauntſchaft mit Mary in ihr die verlobte Braut eines Anderen geſehen, ſo würde er ſeinen Augen nicht geſtattet haben, ſich an ihrer Schönheit zu weiden, noch ſeine Gedanken bel ihren mannigfachen Vorzügen haben verweilen laſſen; jetzt war es zu ſpät; ſo lange er lebte und eine Erinnerung der Ver⸗ gangenheit bewahrte, konnte er nicht aufhören ſie zu lieben; auch nahm er nicht Rückſicht auf ſich allein, Mary liebte ihn und konnte daher ihr Herz keinem Anderu ſchenten. Dieſe Gründe brachte er zärtlich, aber mit Entſchiedenheit vor ihr zur Geltung. Er empfahl ihr eine freimüthige Darlegung ihrer Gefühle ihren Freunden gegenüber und ermuthigte ſie zu der Hoffnung ihrer Einwilligung darein, daß ſie den Geboten ihres Herzens, der einzigen Bürgſchaft für das Glück ehelichen Lebens, werde folgen dürfen. Er bat Mary, ihnen ſeine Abſicht, Amerika zu ſeiner Heimath zu machen und ſie nie von ihren Freunden zu trenneu,

Zeitung.

mitzutheilen, und wie ſehr er wünſche, ſich in allen Dingen, welche das Glück ihrer theuern Nichte beträfen, von ihren Rathſchlägen leiten zu laſſen.

In ihrem Briefe ließ Mary viel ſchwärmeriſches Lob über ihren Geliebten einfließen; aber weder dies, noch das opferbereite Anerbieten Devereux's erweckte Vertrauen in den Herzen ihrer Verwandten; ſie beklagten tief, daß Mary, ihr Pflegekind, die Tochter ihrer Liebe, ihr Herz an einen Fremden, einen Ausländer vergeben wolle; wie ſollte der arme William dieſe Enttäuſchung tragen? Zum erſten Male beſchuldigte die Tante Mary der Liebloſigkeit, und Dr. Temple fand den Styl ihres Briefes wild und romantiſch, ſehr verſchieden von ihrer ſonſtigen ſanften Ausdrucks⸗ weiſe; ſie laſen ihren Brief prüfend, und ſaßen kalt zu Ge⸗ richte über den Ergüſſen des glühend liebenden Mädchens, die ihnen faſt wie Verirrungen des Wahnſinns vorkamen. Sie beſchloſſen, Mary in ihre ſtille Heimath zurückzurufen, und verſprachen ſich von ihren Rathſchlägen, daß ſie die immer ſo folgſame Tochter bald von der Thorheit dieſer neuen Neigung überzeugen würden. Sie prieſen es als einen Glückszufall, daß die Abweſenheit ihres Sohnes ihnen die Verheimlichung dieſer romantiſchen Liebſchaft, deren ſich die Heldin ſelbſt wohl über kurz oder lang ſchämen würde, möglich mache. Frau Temple's Antwort auf den Brief ihrer Nichte war kurz; ſeine Kälte ließ das Mißver⸗ gnügen, welches auszudrücken die Schreiberin ſich nicht er⸗ laubt hatte, zwiſchen den Zeilen leſen. Sie bat Mary, ihr Glück nicht dadurch, daß ſie ſich durch einen unbewach⸗ ten Augenblick zum Handeln beſtimmen ließe, auf immer von ſich zu ſtoßen und zu bedenken, daß ihre und ihres Gatten von jeher gegen ſie gehegte Liebe bei einem ſo wich⸗ tigen Schritte billig zu Rathe gezogen werden müſſe. Sie kündigte die Abreiſe ihres Mannes nach New⸗York für den folgenden Tag an und drückte die Hoffnung aus, daß Mary ihren neuen Freund ohne Widerſtreben verlaſſen und in die Heimath und die Arme ihrer Mutter zurückkeh⸗

ſo widerſpenſtig wurden, als der erwähnte, reich begüterte Jüng⸗ ling aus der hetligen Schrift.

Der Mormone beſchuldigte die ganze lebende Generation, hoffnungslos dem Unglauben verfallen zu ſein, und prophezeite das in zehn Monaten bevorſtehende Ende der Welt. Alle Er⸗ eigniſſe der Zwiſchenzeit waren in einer prophetiſchen Flug⸗ ſchrift enthalten, von der er einige hundert Exemplare beſaß und die, wie er uns mittheilte, für zwei Cents das Stück zu verkau⸗ fen waren, was wohl eigentlich auch die Moral ſeiner ganzen Predigt war. Ich folgte dem Beiſpiel der Andern und kaufte ein Exemplar, bei deſſen Durchleſung ich fand, das geringſte Unheil, welches die arme Menſchheit erwartete, beſtehe darin, daß es einem ſehr großen Theil der Lebenden wie Herodes, dem Tetrarchen, ergehen und dieſelben von den Würmern aufgefreſſen werden würden. Die Vorſteher in Nauvoo, dem neuen Jeru⸗ ſalem, ſtanden im Begriff, eine Zeitſchrift herauszugeben, für welche er ermächtigt war, gegen einjährige Vorausbezahlung, Subſciptionen in Empfang zu nehmen.

Weßhalb, in aller Welt, auf ein volles Jahr ſubſcribiren, wenn unſre Erde binnen zehn Monaten über den Haufen purzeln ſoll? fragte ein Yankee aus der fernſten Ecke.

Vielleicht laßt er es für dies Jahr noch ſo fortgehen, meinte der neben ihm Sitzende.

und wenn das nicht der Fall iſt, erhält man einen Theil ſeines Geldes am Tage darauf, wenn Alles vorüber iſt, zurück, fügte ein Anderer hinzu.

Bei dieſer drolligen Wendung der Sache erhob ſich ein all⸗ gemeines Gelächter, der Prophet ſtand nun mürriſch und außer Faſſung da, ohne recht zu wiſſen, was er hierauf entgegnen

ſollte. Wie weit dieſer Auftritt noch hätte gehen können, iſt

ſchwer zu ſagen, denn es wurde ihm durch unſre Ankunft in

Petersburg, nach einer einſtündigen Fahrt von Richmond aus, ein Ende gemacht. 6.

Aus der Gegenwart. Italieniſche Frauen.

Mag man über Italiens gegenwärtige Wiedergeburt denken wie man will, ſo muß man doch anerkennen, daß die Begeiſterung der Italiener fur die gemeinſchaftliche nationale Sache keine etwa von Einzelnen gemachte war und iſt, noch eine Phraſe im Munde einzelner Führer. Große Opfer ſind von allen Seiten, von allen Ständen für einen großen Zweck gebracht worden, und nicht allein die Männer, ſondern auch die Frauen haben mit Hand an das Werk gelegt. Aber wie in Deutſchland noch ſo manche Be⸗ griffsverwirrung über die Zuſtände Italiens herrſcht, ſo auch namentlich über die italieniſchen Frauen, die man ſich viel mehr als bald leidenſchaftliche, bald dem dolce far niente ergebene Geſchöpfe denkt, denn als Dienerinnen der Wiſſenſchaften und Künſte oder als begeiſterte und opferfähige Patriotinnen. Es erſcheint darum als Pflicht, einige der italieniſchen Frauen zu nennen, durch deren Wirken jene irrige Anſicht widerlegt wird und von denen man auch auf andere ſchließen kann, die keinen hervor⸗ ragenden Namen beſitzen.

Frau Giulia Molino⸗Colombini dichtete ſchon 1845 einen erhabenen Feſtgeſang auf Genua, worin ſie ſeiner großen Ver⸗ gangenheit gedachte, um dadurch der Gegenwart über deren

IVIII. Jahrg.

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