Nahng.
—
immer verband.
Novellen-
Der Jerſey⸗Lorbeer.
Eine Erzählung aus dem amerikaniſchen Sclaveileben von
Georg Pertz.
Die glänzende Sonne Amerikas entſtrahlte nie einemkla⸗ reren Himmel, verbreitete nie ein wärmeres Licht über eine lächelnde Erde, als am Hochzeitstage von Mary Ar⸗ lington und Devereux Hammond. Es war im erſten Früh⸗ linge, und die Natur ſchien lächelnd von ihrer bangen Winter⸗ erſtarrung zu erwachen. Alles war friſch und ſchön; der Geſang der Vögel ertönte von jedem Zweige; au den Waldbäumen keimten die erſten, zarten Blätter; die Luft war würzig und die mannigfarbenen Blüthen der Frucht⸗ bäume belebten die Landſchaft. Blumen reckten ihre Häupter aus dem glänzenden, grünen Graſe; die eniſigen Bewegungen und das leiſe Summen des zahlreichen In⸗ ſectengeſchlechtes zeugten von ſeiner Daſeinsluſt; jeder Gegenſtand, der dem Auge begegnete, jeder Klang, der das Ohr traf, ſprach von Leben, Hoffnung und Glück. Und die lächelnde Erde und der glänzende, unbewölkte Himmel ſtanden im Einklang mit den Gefühlen der jugendlichen Brautleute, welche die Gelübde ihrer Liebe austauſchten und den heiligen Segen empfingen, der ihre Herzen für Die Feierlichkeit der Handlung erfüllte, es iſt wahr, ihre Gemüther mit ſcheuer Ehrfurcht, aber ſie war ohne Beimiſchung von Zweifel oder Furcht. Niemals werde die Stunde kommen, wo eins von Beiden es bereuen könne, alſo Herz und Hand und Leben vereinigt zu haben; ſo dachte Mary, als ſie zu Devereux Augen voll Liebe und Vertrauen aufſchlug und das Traugelübde mit einem Ge⸗ miſch von Wonne und Verſchämtheit wiederholte, das ihr einen holderen Liebreiz verlieh, als ſie ihn je, ſelbſt in den Augen ihres Geliebten, beſeſſen; ſo dachte Devereux, als er mit Stolz und Zärtlichkeit das Mädchen betrachtete, welches ſeine Treue der ſeinigen verpfäudete, und während er den Trauring an ihren Finger ſtreifte, zog er ſie an ſein klopfendes Herz.
Mary war ſeit ihrer unmündigen Kindheit eine Waiſe geweſen, aber Abhängigkeit und Dürftigkeit hatten bei ihr nicht die ſie gewöhnlich begleitenden Uebel— Vernachläſ⸗ ſigung und Demüthigung— im Gefolge gehabt. Bei dem Tode ihrer Eltern wurde ſie von der Schweſter ihrer Mutter, der Fraueines Predigers, aufgenommen, deren Herz
ihr mit mütterlicher Zärtlichkeit zugethan war. Sie hatte ein
kleines Mädchen verloren, und Mary füllte ihr den Platz
Dritte Folge.
Zeitung.
ihres verſtorbenen Kindes aus. Doctor Temple lebte au dem Lande und wurde viel durch ſeine geiſtlichen Amtspflichten, ſein Pachtgut und ſeine Bibliothek in Anſpruch genommen. Seine Frau war unter dieſen Um⸗ ſtänden oft allein, denn ihr einziges noch lebendes Kind, ein Knabe, beſuchte die Schule. Sie beſaß wenig geiſtige Hülfsquellen und war ungewohnt, ſich ſelbſt zu beſchäftigen. In Folge ihres Aufenthaltes auf dem Lande und bei ihrer Stellung als Frau eines Predigers blieb ſie den eitlen Zerſtreuungen, welche die Gedanken ſo mancher Frauen in Anſpruch nehmen, entzogen; ihre Stunden floſſen einför⸗ mig dahin, ihre Zeit blieb ohne Beſchäftigung und ihr Herz ohne Theilnahme. Sie war eine zärtliche Gattin und eine hingebende Mutter, aber ſie war nicht die Ge⸗ fährtin der Beſtrebungen ihres Mannes, und ihr Sohn blieb ihrer täglichen Pflege eutzogen. Mit der Ankunfi ihrer verwaiſten Nichte änderte ſich ihre ganze Lebenslage, Jetzt hatte ſie einen Gegenſtand ihrer Sorge und Zärllich⸗ keit; der Strahl der Freude verklärte auf's Neue ihre Stirn; der Friede zog wieder in ihre Bruſt. Auch ihr Gatte liebte das ſchöne kleine Mädchen, deſſen liebliches, unſchuldiges Geplauder ſeine Mußeſtunden erheiterte. Nie ward ein Kind mehr geliebt und gehätſchelt als Mary; ſie fand in ihrem Oheim einen zärtlichen Vater, in ſeiner Gattin eine hingebende Mutter und in William, dem Sohne Beider, einen Spielgefährten und Bruder. Die Jahre ihrer Unmündigkeit und Kindheit flogen raſch dahin und ließen in ihrem Herzen keine Spur als die der Freude, keine Erinnerung als die der Zärtlichkeit. Liebloſigkeit hatte die Wärme ihrer Empfindungen noch nicht gekältet, Enttäuſchung ihr Vertrauen auf das Glück der Zukunft nicht geſchmälert. Als Kind hatte ſie durch Schöuheit, Sanftmuth und Herzeusgüte die Neigung Aller, die ihr nahe kamen, gewonnen; zur Jungfrau herangereift, war ihre Lieblichkeit die Bewunderung Aller, die ſie erblickten. Die Livien ihres Körpers und der Ausdruck ihrer Züge verriethen ſeltne Weiblichkeit und Zartheit; ſie waren ſo, wie ein Dichter ſie zur Darſtellung vollkommener weib⸗ licher Schönheit gewählt haben würde, und ſtanden im Einklaug mit der Sanftmuth und der Keuſchheit ihres Herzeus. Ihre Geſichtsfarbe war ſo blendend ſchön, daß die glänzenden Locken, welche auf die weiße Stirn und die ſchöngewölbten Schultern herabfielen, hinreichend Schatten warfen; ihre Augen waren blau und ſtrahlten von Geiſt und unſchuldiger Freude. Sie ſchien ein aus vorzügliche⸗ ren Stoffen als gewöhnliche Menſchenkinder geformtes Weſen zu ſein, geſchaffen nur um glücklich zu ſein und zu beglücken. Kein Kummer hatte ihr himmliſches Auge ge⸗ trübt, keine Sorge ihre ſchön geglättete Stiru gefurcht; ihr


