Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
62
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62 Uovellen-Zeitung.

Wie man auch hin und her ſtritt, die Romane behaup⸗ teten ſich und fanden um ſo mehr Leſer, als unter ihnen bald auch gediegene Werke erſchienen. Solche gingen na⸗ mentlich aus der Feder engliſcher Schriftſteller hervor, und ſelbſt unbefangene Franzoſen fanden ſich bereits im vorigen Jahrhunderte zu dem Geſtändniſſe veranlaßt, daß Erzeug⸗ niſſe wiedas Märchen von der Tonne,Gulliver, Tom Jones, ferner Richardſon'sPamela und Gran⸗ diſſon'sClariſſa ungleich mehr Wahrheit, glückliche Ent⸗ wickelung, Auswahl der Charaktere beſäßen und beſſer an⸗ geordnet und ausgeführt ſeien, als alle franzöſiſchen Ro⸗ mane. Bald tauchten gute und ſchlechte Werke dieſer Art auch in Italien, Spanien und Deutſchland auf; denn es war durch ſie neben der Unterhaltung einem vielleicht längſt gefühlten Bedürfniſſe abgeholfen, dem die ernſteren Wiſ⸗ ſenſchaften ſchwer genügen konnten: in kleinen Bildern aus dem Leben und dem Herzen Weniger die Vorzüge oder Mängel ganzer Völker und Staaten abzuſpiegeln. L.

Gedicht von Albert Traeger.

Seitdem.

Seitdem mit Deiner Liebe Du dem Leben Vertrauensvoll zu eigen mir gegeben,

Quält mich ein banger Zweifel Tag und Nacht: Ob ich, dem ſchon die Jugend faſt verblühte, Der krank im Herzen, düſter im Gemüthe,

Auch noch beſitze, was Dich glücklich macht.

[VIII. Jahrg.

Und das läßt meine Armuth mich beklagen, Daß ich beſchämt muß alle Stunden fragen: Darf ich empfangen, was Du fröhlich gibſt? Nichts nenn' ich mein zu würd'ger Gegengabe, Dir dank ich auch die letzte, ſchönſte Habe: Den ſüßen Troſt, vaß Du mich dennoch liebſt.

M‿οts

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Zuſtände in Amerika. Illuſtrirt vom Grafen A. von Baudiſſin. Altoua, New⸗York und St. Louis, bei Mentzel, Weſtermann und Raſhoon. 1862.

Der Verfaſſer hatte Recht, wie Sie ſich aus dem In⸗ halt des Werkes überzeugen werden, daſſelbe gleich in drei Verlagshandlungen erſcheinen zu laſſen, denn allerdings kann ein Unternehmen, wie das vorliegende, nicht raſch und vielſeitig genug verbreitet werden.

Damit dieſe Verbreitung eine recht umfaſſende werde, wollen wir den trefflichen Autor gleich darauf aufmerkſam machen, daß er mit Ueberſetzungen in fremde Sprachen nicht etwa mit echt deutſcher Beſcheidenheit ſo lange war⸗ ten möge, bis ſich ſeine Arbeit bei uns einen großen An⸗ klang errungen hat. Dergleichen dauert in Deutſchland zu lange, deun wo ſo viele tauſend Bücher von privilegir⸗ ten und unprivilegirten Stümpern geſchrieben werden, und ein Bücherkauf von Seite des Publicums nicht Sitte iſt und durch eine geiſtige Abfütterung von Seiten der Leih⸗ bibliotheken vertreten wird, muß es lange dauern, ehe ſich ein gutes Werk durch den Ballaſt ſo vieler miſerablen durcharbeitet, um ſo mehr, da gerade dieſe mit einer beſon⸗ dern Marktſchreierei und feilen Nachhülfe eben ſo talent⸗

Helden auf ſeinem Siegeszuge in Unteritalien begleitet und, wie ebenfalls die meiſten Schriftſteller dieſer Art, in einem nähern Verhältniß zum General und Dictator beider gegenwärtig ſo überaus undankbaren und unreifen Sicilien geſtanden.

Seine Darſtellung iſt ein vorherrſchend geſchichtlicher Ver⸗ lauf ohne eingeflochtene Romantik, und hiefür muß man dem Verfaſſer beſonders dankbar ſein und zu gleicher Zeit erwähnen, daß man Treue und Realität in ſeiner Erzählung erkennt. Es treten dabei viele einzelne Züge italieniſcher Volkstüchtigkeit und großer Tapferkeit, ſowohl von Seite der Bürger als des Frei⸗ ſchaarenmilitärs, bervor, und wenn der ganze geſchichtliche Vor⸗ gang als eine große Agitation erſcheint, welche allein die mann⸗ bare Tüchtigkeit eines Einzelnen auf den frühreifen Unterbau des Zeitgeiſtes gründete, ſo darf man bei jenen einzelnen Zügen von Heldenmuth und Charakter wenigſtens die Hoffnung he⸗ gen, daß das italieniſche Volk in das jetzt vorläufig übergeworfene, aber viel zu weite Gewand der nationalen Selbſtſtändigkeit, die wir Deutſche zur Zeit auch noch nicht beſitzen, allmählich hinein⸗ wachſen werde. O. B.

Neue Novellen von Eliſe Polko. Leipzig, Verlag von Bernhard Schlicke. 1862. 3

Die bekannte Verfaſſerin widmet dies Buch dem Dichter Paul Heyſe, dem Verfaſſer derRabbiata, einer hübſchen kleinen ſehr anſprechenden und abgerundeten Novelle, welche allerdings zu den beſten Productionen jenes Autors gehört. Die Krittk, welche in dieſer Widmung liegt, macht dem Geſchmack der Ver⸗

faſſerin Ehre, in ſofern viele Andere ganz im Allgemeinen Paul

Heyſe als Novellendichter würden hervorgehoben haben.

Die vier in dieſem Bande dargebotenen Erzählungen ſchlie⸗ ßen ſich im Ton und in der Darſtellungsweiſe den früheren bio⸗ graphiſch⸗novelliſtiſchen, romantiſch⸗ märchenhaften Künſtler⸗ geſchichten, Maleranekdoten und muſikaliſchen Träumereien von Eliſe Polko an.

Im Ganzen muß man den für die Jugend ſo ſchmeichelhaften Tadel ausſprechen, daß ihren Geſtalten weniger weiches Fleiſch und mehr harte Knochen wohlthun würden. Es hat ſeine guten Gründe, wenn echte Künſtlernaturen wie Benvenuto Cellini und Lionardo da Vinci ſo ſehr die Knochen prieſen und ſich immer nicht an der Schönheit derſelben und an den Reizen eines nackten Gebeins oder gar eines ganzen Skelets ſatt ſehen konnten. Sie meinten nämlich ganz richtig, man ſähe nur im Knochen den architektoniſchen Zuſammenhang und den eigentlichen geiſtigen Sinn der Zeichnung. Daſſelbe läßt ſich auch auf die Poeſie an⸗ wenden, und haben erſt die einzelnen Figuren mehr Knochen, das heißt mehr Zeichnung des Charakters, ſo wirkt das auch auf die Motivirung der Handlungen und auf die geſammte Natürlich⸗ keit der Compoſition günſtig zurück. 4

Mit beſonderm Intereſſe wird das Publicum einige Streif⸗ lichter aus dem Leben der Corona Schröter und der Mara leſen, die zu einem novelliſtiſchen Bilde verarbeitet ſind und ein Pen⸗ dant zu demſelben Thema bilden, welches A. v. Sternberg kürz⸗ lich in ſeinen Künſtlerbildern behandelt hat.

Die Ausſtattung des vorliegenden Werkchens iſt vorzüglich elegant. 1 O. B.

Aus der Mädchenwelt. Eliſe Hasper. Berlin bei Chariſius.

Ein Roman in Briefen von