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widerſetzten; er trabte dann davon, blickte ſich aber noch ein paar Mal um, ſich ſeinen Feind zu merken, und nach Wochen und Monaten noch vermochte er ſich ſeiner genau zu erinnern.
Wir hatten einen Doctor von der Iufanterie, einen ge⸗ müthlichen dicken Herrn, der ganz impoſant ausſah, wenn er in drallen weißen Pantalons und der kurzen rothen Jacke, wie er es liebte, erſchien. Er war ein jovialer Mann, Junggeſelle von einigen vierzig Jahren, Lebemann, der immer in Zweifel blieb, ob der Vorzug dem ſchönen Geſchlechte oder den Genüſſen des Magens gebühre, und deßhalb beide Fächer cultivirte, in Folge ſeiner Corpulenz ſehr bequem und deſſen ungeachtet noch eiteler. Als wir, mehrere Officiere, einmal im Lager plaudernd bei einander ſtanden, näherte ſich Hans in der freundſchaftlichſten Ab⸗ ſicht der Gruppe, ſchnoberte, irgend einen Leckerbiſſen erbet⸗ telnd, an uns herum und hatte das Unglück, dem Doctor dabei die weißen Pantalons etwas zu beſchmutzen. Der dicke Herr bemerkte dies ſogleich, fuhr beſtürzt zurück, aber das Unglück war einmal geſchehen und Hans blieb, nichts Böſes ahnend, erwartungsvoll ſtehen und blickte ihn freund⸗ lich an; der erbitterte Doctor ließ es aber nicht dabei be⸗ wenden, ſondern gab dem Bocke einen ſo tüchtigen Schlag mit der ſtählernen Säbelſcheide, daß das arme Thier dieſes Mal allen Muth zum Widerſtande verlor und ſich ſchnell davon machte.
„Gebeu Sie Acht, Doctor, das wird er Ihuen nicht vergeſſen,“ meinten mehrere von uns waruend, aber der Doctor fuhr fort, zu fluchen und Haus alles erdenkliche Böſe zu wünſchen, währeud er ſich die unvertilgbaren Flecken mit dem ſeidenen Taſchentuche rieb.
Auch in Colcheſter wurde unſer Lager häufig von Eng⸗ ländern mit ihren Damen beſucht, die ſich die Einrichtung anſahen und vorzüglich gern unſere Muſikcorps hörten, die zu gewiſſen Zeiten auf dem großen, mit Kies beſtreuten Alarmplatze kleine Concerte gaben. Die Engländerinnen
Uovellen-Zeitung.
[VIII. Jahrg.
ſind ſehr ſchön— ich möchte behaupten, die ſchönſten Frauen der Welt,— und von beſonders liebreizendem Weſen; wenn man noch in Betracht zieht, daß eine einiger⸗ maßen gute Partie, wie man es dort nennt, in Deutſch⸗ land für eine ſehr reiche und beneidenswerthe gelten würde, da man in England mit Pfunden und bei uns mit Tha⸗ lern rechnet: ſo läßt es ſich keinem der levigen deutſchen Officiere verdenkeu, wenn er im Hinblick auf die bald be⸗ vorſtehende Auflöſung ſeines Corps ſich mit Heirathsge⸗ danken herumſchlug. Abenteuerlich waren ſolche Pläne gerade nicht, denn die Einiger haben ſich verwirklicht, und die Schönen jedes Landes ſind nun einmal ganz beſonders für die Uniform eingenommen; Gelegenheit, Bekanutſchaf⸗ ten zu machen, fanden ſich auch leicht bei den Beſuchen im Lager, und die meiſten Häuſer der Stadt und Umgegend öffneten ſich uns auf die zuvorkommendſte Weiſe.—
Der dicke Doctor hatte das beſondere Glück gehabt, bei einem ſehr wohlhabenden Gutsbeſitzer in der Nähe der Stadt dadurch eingeführt zu werden, daß deſſen Gemahlin plötzlich erkrankte und in der Eile kein anderer Arzt aufzu⸗ treiben geweſen war. Die Krankheit war durch ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit ſchnell gehoben worden, und nebſt einem guten Honorar floſſen dem Aesculap noch Ströme von dankbaren Worten aus dem Munde des alten Herrn und ſeiner Gat⸗ tin und von den wirklich reizenden Lippeu der einzigen Tochter, Miß Sarah, zu.
Wenn Ihr Miß Sarah geſehen haben würdet, könntet Ihr begreifen, daß ſelbſt ein mehr als vierzigjähriges Doc⸗ torherz bei ihrem Anblicke erzittern und fortan im Tempo des Sturmmarſches pulſiren mußte. Ein Mädchen von achtzehn Jahren mit der Figur einer Sylphide, Händchen und Füßchen, die eine chiuneſiſche Kaiſerstochter beſchämen würden, dunkelbraunem Haar, das im Kranze über deu Scheitel gelegt war, einem Madonneugeſichte von blenden⸗ der Weiße, nur ein wenig ſchalkhaft, aber gerade dadurch um ſo bezaubernder, endlich die einzige Tochter und Erbin
leugnen. Er ſelbſt ſpielte immer darauf an, obwohl er es nicht glaubte, was wohl zu verzeihen iſt. Ausgeprägtere, ich möchte ſagen eckigere Züge als die ſeinigen habe ich nicht zum zweiten Male geſehn. Unter hundert Portraits, welche von ihm exiſtiren, gibt es wohl beſſere und ſchlechtere, aber nicht eines iſt, welches man nicht auf der Stelle erkennt. Der Dichter Friedrich Kaiſer iſt im Stande ſein wohlgetroffenes Bildniß in einer Minute mit Bleiſtift auf Papier zu zeichnen. Er war das beſte Portrait zu einem Faun.
Wahrhaft fürchterlich ſah Saphir aber aus, wenn er ſeine blonde, dichtbehaarte Perrücke abgenommen hatte. Da war ſein ganzer Kopf ganz kahl und nur ein kleines Kränzchen von braun⸗ rothen Haaren ſichtbar.
Saphir als Schriftſteller war ein ungeheures Talent, ja ein Genie. Die Leichtigkeit, mit der er ſchrieb, wie er, wenn er von 50 Kritikern der 51. über erwas ſprach, dem Gegenſtande immer eine neue Seite und, weil er immer lieber tadelte als lobte, auch eine neue Blöße abzugewinnen wußte, wie aus ſeinem Kopfe der Witz in Strömen in ſeine Feder ſchoß, wie er, wenn es ihm darum zu thun war, auch gemüthlich, die Herzen ergreifend, wie in vielen ſeiner Lieder, oder den Verſtand befangend, wie in manchen ſeiner dramatiſchen Didaskalien ſchreiben konnte: dar⸗ über liefern ſeine vielen Schriften Beweiſe genug. Von der Zeit an, wo er das erſte Mal nach Wien kam und für die Bäuerle'ſche The⸗ aterzeitung ſchrieb, bis zu ſeinem Ende hat er unendlich viel ge⸗ ſchrieben, in Verſen und in Proſa, ernſt und humoriſtiſch, lang und kurz; aber es wird wenige Aufſätze darunter geben, welche nicht einiges Aufſehen in der literariſchen ſowohl wie in der ge⸗ ſellſchaftlichen Welt erregten. Seine Gedichte wurden declamirt,
ſeine Lieder wurden geſungen, ſeine Witze wurden nacherzählt. Sein Name erſcholl aus jedem Munde. 4
Abein alle dieſe Vorzüge konnten nicht hindern, daß er eine Unzahl Feinde und— ich darf es ſagen, außer mir vielleicht kei⸗ nen einzigen wahren Freund hatte. Aber auch daran trug er ſelbſt die Schuld. Es bedurfte auch ſo äußerſt wenig, um ihn in Harniſch zu bringen, denn die Eitelkeit war ſein größter Feh⸗ ler. Er wollte immer nur gelobt und gehatſchelt ſein; wenn Jemand über Etwas, das er geſchrieben hatte, auch nur eine zwei⸗ deutige Miene machte, ſo durfte er verſichert ſein, bei⸗ nächſter Gelegenheit an den literariſchen Pranger geſtellt zu werden, und dies nicht nur einmal, ſondern ſo oft ſich eine Gelegenheit darbot.
Als Menſch war Saphir ein ſeltſames Compoſitum ſich widerſtreitender Leidenſchaften und Gefühle. Nach dem eben Geſagten härte man ihm Härte, Rachſucht, ja Bosheit zutrauen ſollen, und doch beſaß er viel Weichheit des Gemüths und ein Herz, das für Jene, die er liebte, zu allen Aufopferungen fähig war. So liebte er z. B. ſeine Tochter und den Sohn ſeiner Ge⸗ liebten ganz außerordentlich, ja auf den letztern verwandte er noch mehr, als auf ſein eigenes Kind. Die Mutter war ihm nicht dankbar dafür, ſie verließ ihn.
Mit Geld wußte Saphir gar nicht umzugehn. Er hatte beſonders in den letzten Jahren bedeutende Einnahmen. Er lebte ſehr gut, verſchwendete aber auch ſehr viel, weil er gern groß that. An ſeinen Geburts⸗ und Namenstagen lud er immer mehr als hundert Menſchen zu ſich ein und gab Soupers, wobei der Champagner in Strömen floß. Auch bei den Akademien, die er gab, wandte er einen großen Tbeil der Einnahmen den Armen zu.
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