Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
51
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Dritte Folge.

Novellen-Zeitung.

Bocksſtreiche.

Eine Erinnerung aus dem Soldatenleben von

Stanislaus Graf Grabowski.

Was man gewöhnlich unter dem Ausdrucke, den wir dieſer kurzen Mittheilung als Titel vorangeſetzt haben, verſteht, iſt dem Leſer gewiß bekannt, denn an weſſen Ohr ſollte er in der ſchönen, nie wiederkehrenden Zeit, als das jugendwarme Blut noch gar zu gern überſprudelte, nicht us dem Munde eines liebevollen Vaters, der dabei lichelnd mit dein Finger drohte, oder des ſtrengen, zürnen⸗ den Schulpedanten gedrungen ſein, und wer hätte in reife⸗ ten Jahren ſich wohl nicht das eine oder andere Mal mit der flachen Hand an die Stirn geſchlagen und ſich ſelbſt ſjenes Wort zugeflüſtert? Die Bocksſtreiche, von denen wir aber erzählen wollen, ſind nicht ſolche Ausbrüche kind⸗ lichen und kindiſchen Uebermuths, auch nicht ſolche kleine Verirrungen des gebildeteren Verſtandes geweſen, ſondern ſie waren die wohlbewußten Thaten eines wahrhaften Bockes und obenein eines Bockes von Helgoland.

Sollte der geneigte Leſer noch nichts von Helgoland gehört haben, der kleinen Felſeninſel, deren ſenkrechte rothe

Wände ſich, ungefähr acht deutſche Meilen vom Ausfluſſe der Elbe in die Nordſee entfernt, inmitten der unendlich ſcheinenden Waſſerwüſte erheben? dem kleinen Flecken Stein und Sand, den Großbritannien für würdig befun⸗ den hat, ſeine ſtolze Flagge darüber zu entfalten? Und wenn er das Jutereſſe des mächtigen Inſelreiches auch nicht zu theilen vermöchte, ſo wird Helgoland als ſtark beſuchter Badeort, dem die leidende Menſchheit große Verpflich⸗ lungen ſchuldet, übrigens als ein durch ſeine groteske Fel⸗ ſenbildung, ſeine iſolirte Lage in der weiten See und die Originalität ſeines Lebens der Reiſe nicht unwerthes Ziel ſich doch wohl ein Plätzchen in ſeiner Erinnerung bewahrt ſaben. Wir ſagen: ſein originelles Leben, und muß das nicht ſein bei der Kleinheit der Inſel, die von nicht nehr als zweitauſend Seelen bewohnt wird, bei ihrer voll⸗ ſtändigen Abgeſchloſſenheit, die viele Jahrhunderte ge⸗ dauert hat und erſt ſeit dreißig Jahren etwa durch die An⸗ lage der Badeanſtalt einigernaßen gehoben worden iſt? Die Helgoländer nennen ihre kleine und liebe Heimath in

Welt wiederfindet,das Lunn(das Land), als gäbe es uf Gottes weitem Erdboden außer jeuer nichts als Waſ⸗ ſet, das ſie auch in unbegrenzter Ferne vor Augen haben, wihin ſie blicken; ihre Vorſtellungen haben ſich allmählich

3 eigenen Sprache, die ſich an keinem andern Orte der

erweitert, in je nähere Verbindung ſie mit dem Feſtlande getreten ſind, aber fragt noch heute die Kinder oder alten Frauen, die ihren Fuß noch nicht von dem Boden fortge⸗ ſetzt haben, auf dem ſie geboren worden, wie z. B. ein Pferd ausſieht, und ſie werden entweder gar keinen Be⸗ griff davon haben oder Euch nur eine ſehr mangelhafte Auskunft geben können, wenn ſie zufällig eine Abbildung von dieſem Thiere geſehen haben. Wer darüber höhniſch lächelt oder ungläubig den Kopf ſchüttelt, den bitten wir um recht ausführliche Beſchreibung eines Trambotts, aber nicht in gekochtem Zuſtande, die jedes Helgoländer Kind geben kann.

Was die Thierwelt anbetrifft, weuigſtens die der Säugethiere, ſo iſt ſie auf der Juſel nur ſehr ſchwach ver⸗ treten; die Katze und der Hund haben ſich überall heimiſch gemacht, auferdem findet man hier nur eine nder zwei Kühe und eine Anzahl von Schafen, welche Einwohner und Badegäſte mit Milch verſehen müſſen. Einen Luxus damit kann man ſich ſchon aus dem Gruude nicht erlauben, weil es an Weide fehlen würde, denn der Raum auf dem Felſen iſt nicht groß und hier allein iſt ein wenig er⸗ giebiger Boden, denn das Fleckchen am Fuße des Felſens, das, wie ein Theil des Oberlandes, mit Häuſern bebaut iſt, beſteht aus kahlem Sande. Der Helgoländer iſt aber zufrieden mit dem, was er hat, und entbehrt den Ueberfluß des Feſtlandes nicht ſchmerzlich; liegen ihm dafür doch auch die großen Uebelſtände fern, die ſich in einer größeren Ge⸗ ſellſchaft mit cultivirteren Lebensgenüſſen geltend machen müſſen.

Nicht immer ſollte ſich aber die Inſel des ſtillen Frie⸗ dens erfreuen, der ſie ſeit Menſchengedenken mit ſeltenen und kurzen Unterbrechuugen beglückt hatte, denn urplötzlich langte im Februar des Jahres 1855, von Sturm und brauſenden Eisſchollen umtobt, ein Dampfſchiff unter eng⸗ liſcher Flagge au und ſetzte Militäringenieure an das Land; zum Schrecken der Einwohner verbreitete ſich ſchnell die Nachricht, die Regierung habe beſchloſſen, ein Werbe⸗ depot auf Helgoland zu etabliren, denn da ſie auf die immer kampfluſtige Jugend Deutſchlands ſpeculirte, konnte es gar keinen paſſenderen Ort für ihren Zweck geben. Bald darauf ſahen die Männer mit Verdruß, die Frauen mit geheimem Grauen ſich hölzerne Baracken an dem einen Ende der kleinen Stadt auf dem Oberlande erheben, und ehe das wohleingerichtete Militärlager noch fertig war, langten von Mitte Mai an Officiere und Rekruten aus aller deutſchen Herren Länder in großer Zahl an; des Morgens, wenn das Feuer auf dem Leuchtthurm ver⸗ glimmte, weckten Signalhörner die Juſulaner, den ganzen Tag über wurde zum Ergötzen der Jugend und zum ſtum⸗

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