Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
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V 32 Uovellen-Zeitung.[VII. Jahrg.

kenntniß, kein Umgangs⸗Recept Der größten Thor⸗ dieſelben nicht tilgen kann und doch den echt chriſtlichen heit macht ſich der Menſch ſchuldig, welcher auf die Leute Lebensmuth nicht verliert. Nicht der iſt lobenswürdig, in der Hoffnung hineinpredigt, daß ſie ſich belehren, be⸗ welcher ſeinem Nächſten borgt, weil er etwas entbehren geiſtern, beſſern oder imponiren laſſen werden. kann und weil ihm ſein Nächſter durch Beſitz oder Fleiß Darum hat der Verfaſſer gewiß ganz recht, uns ein ſo ein Pfand der Wiedererſtattung bietet; ſondern der, welcher jämmerliches Bild von denLeuten im Allgeineinen zu dies thut, obgleich er eigentlich nichts entbehren kann und entwerfen. Wer in der Welt gelebt hat, wird gar nicht obgleich alle Garantien und Hoffnungen wegfallen. daran zweifeln, daß die Mehrzahl der Weltbürger unent⸗ Der Erſtere gleicht nur einem coulanten Bankier, der keine ſchiedene Werktagsſeelen ſind, von denen die einen durch Zinſen nimmt; der zweite einem aufopfernden Wohlthäter, d Glücksgüter zu jener behaglichen Ruhe gelangten, in der der ſich die hundertprocentigen Zinscoupous von ſeinem 6 ihre Herzen ſo kalt wie Hundenaſen wurden; während ein edlen Bewußtſein abſchneidet und groß und ſtark lebt und 3 anderer weſentlicher Theil aus jenen durch Noth dreſſirten ſtirbt mit dieſer moraliſchen Macht in der Seele. N kleinen Materialiſten beſteht, die gleich dem Fuchs den: Das ſind verzweifelt klingende Sätze, aber ſie ent⸗ Käſe des Raben nachlaufen oder mit Solidität für die ſtammen dem ungeſchriebenen Katechismus der allgemeinen Broſamen des Zufalls und des Abfalls vom Tiſch der Menſchheits⸗Religion und bezeichnen Ausnahmen, die Reichen auf Tagelohn gehn. Sie arbeiten, um eſſen und gottlobnnoch hin und wieder vorkommen und den Glauben an ſchlafen zu dürfen, und ſchlafen und eſſen, um arbeiten zu das beſſere Theil in der Menſchheit erwecken. V können. So eng wie dieſer traurige alle höhere Beſtim⸗ Goltz verſucht es in ſeinem Buche, eine Charakteriſtik mung und Lebensfreude verhöhnende Kreislauf muß daher der Menſchen und der verſchiedenen Stände derſelben zu ihr Geſichtskreis werden, denn mit dem Zuſtand vom geben, damit man ſich daraus eine Anleitung zur Menſchen⸗ V Schweiße des Angeſichts, in dem der Menſch ſein Brod kenntniß oder vielmehr Erkenntniß bilden könne. eſſen ſoll, iſt weder die Grazie, noch mit der gemeinen Dieſe Charakteriſtik iſt oft ſehr treffend, oft auch unter⸗ Lebeusſorge um den kommenden Morgen die Idealität des haltend genug, um die weiteſten Kreiſe des Publicums als Auffaſſens und des Schaffens zu vereinigen. lehrende Lectüre zu erbauen. Witz, Humor und lebendige, Dies iſt der Fluch der Unfreiheit, das eiſerne Joch der leider auch burleske Schilderungen ſind ihm geläufig. 1 Arbeitsknechtſchaft und Daſeinsnoth, welche dem niedrig⸗ Ueber ſeine Eigenſchaft, ſich oft zu wiederholen und im ſtehenden, ſogenannten gemeinen Manne über den Nacken Lieſen Satze aufzuheben, wase in aideri geſagt hat, habe geworfen ſind und welche er nicht als Lebendiger, ſondern ich ſchon früher zu Ihnen geſprochen. Es ſind die Folgen nur als Sterbender abſchütteln kann; die Feſſeln ſtürzen der Hitzigkeit, mit welcher ſeine Jedeu üüher das Papier, dann um ſo früher wie eine Fallhaube auf den Nacken ober vielmehr über die Ballen von Papier dahiu getrieben ſeiner Kinder hinab. Schüttelt euch, junge und alte Scla⸗ wird, ſo daß es dabei wohl ſehr oft mehr auf Zeiterſparniß, V

ven der Noth, und reckt das Haupt empor und träumt fröh⸗ als auf Berſchwendung von Logik abgeſehn ſein muß. Wenn lich vonWeltnobleſſe und Freiheit des Denkens und der Ai brodnekiver Gewalt und Denkkraft ſo reiche Verfaſ⸗ Handelns, wenn ihr betrunken oder wahnwitzig ſeid! ſer das Glück hat, alt zu werden, ſo würde er vielleicht Von dem Feſunden Mutterwitz der gewohnlid die letzten zehn Jahre ſeines Lebens vollauf mit der Re⸗ Leute kann 5 dies nicht verlamd en ſren fie kannen dartion ſeiner Werke zu thun bekommen. Daß ſie ſämmtlich die lange Schickſalspeitſche von Eiendohan gedrill unt eine wiederholte Auflage erleben, wenigſtens verdienen, iſt .. 4. 7 wiß. welcher ſie gezüchtigt werden, wie der Stier, wenn er ſtehen gemſß. einer ungeheuern Beobachtungsgabe ausgerüſtet dünüen vatr ddr de heen unnt Ciiun adann und unterſtützt von einer umfangreichen Beleſenheit hat der 9 dc den. ras, 4 3 ſtatt Genuß, und immer vorwärts, heißt die Loſung, und Nanhe Hrie erdadt eer du danere as Wun b die alte ſchadenfrohe, dämoniſche Peitſche knallt ſo luſtig, ſchen nu⸗ a ſunpöenſ durch ihn ubi erſten Male 5 als dürfte ſie ihre Opfer gleich mit Fell und Höruern und dehnd u wenn man will, gebrandmarkt worden. 8 mit Suhuh und Strümpfen ins Grab hineinhauen. Auf das Letztere, wünſchte ich, legte ſich der Verfaſſer Nove Auf dieſe Mißſtände der geſellſchaftlichen Verhältniſſe, mit mehr moraliſchem Pathos, denn wir leben in Zuſtän⸗ die man, ſo viel es geht, beſeitigen muß, wenn man nicht den, wo gewiſſe Lebensfragen uur gelöſt werden können, ſelbſt beſeitigt ſein will, hat der treffliche geiſtreiche Goltz wenn man an der Stelle, wo der Neubau hinkommen ſoll, zu wenig Rückſicht genommen, da es ihm ſein preußiſcher dasalte Gebäude der Vorurtheile ſchonungslos einreißt. Dieſe

philoſophiſcher Theologenzopf verbietet. Vernichtungswuth iſt edel und tugendhaft. Nicht die Män⸗ Wauil Er hat den geringen Mittelſtand, deſſen Horizont von ner, die das Schlimme ſchlimm und das Nothwendige noth⸗ 1 3 Gewitterwolken und Regenwetter des Schickſals niemals wendig nennen, ſondern die Verſöhnungsprediger ſind ee, 8

blau und frei ſein kann, zu ſcharf kritiſirt, den Stand der welche Zerwürfniß ſäen. Vor ihrer Art ſollte ſich jeder Begüterten aber zu mild. Hier mußte er mit ſittlicher V Tüchtige fern halten; es iſt beſſer eine ſcharfe Klinge,

Strenge auftreten. Nicht der iſt hochzuachten, welcher welche ſchneidet, worauf es heilt, denn ein ſtumpfes keine Schulden hat, da ihm ſeine Mittel das Bezahlen er⸗ Meſſer, welches ſchindet und ſchabt und die Wunde bösar⸗ lauben, ſondern der, welcher trotz alles redlichen Strebens tig macht. 1

V Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Hürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Hevrient in Leipzig.