Uovellen-Zeitung.
habt, kommt ans Schloß, ich werde Euch dort erwarten und,
falls es Euch gelungen iſt, Euern Lohn zahlen.“
„Halt,“ fiel ihm hier der Jude haſtig ins Wort,„nur dann kann ich die Ausführung Eures Auftrags überneh⸗ men, wenn Ihr mich für die Nacht im Schloſſe beher⸗ bergen wollt. Ihr werdet wohl ſelbſt einſehen, daß das Maͤdchen morgen früh das Dorf alarmiren und mich be⸗ ſchuldigen wird, den Schlaftrunk bereitet zu haben, und daß ich, ein armer verachteter Jude, dann nicht Gnade fiuden werde vor den Augen der Bauern; die Nacht durchzuwga⸗ dern iſt mir unmöglich, ich bin ein alter, ſchwacher Mann, deſſen Körper Schlaf und Nachtruhe nicht entbehren kann.“ Lange ſträubte ſich der Förſter dagegen, auf dieſe Bedingung einzugehen, da aber der Jude feſt auf derſelben beſtand, ſich auch bereit erklärte, mit einer Strohhütte in der Scheune vorlieb nehmen zu wollen, ſo ſagte der Förſter endlich zu, und ein Handdruckbeſiegelte den Bund, den zwei ſich gegenſeitig mißtrauende und verachtende Männer ge⸗ ſchloſſen hatten, um die Ruhe und das Lebensglück eines unſchuldigen tugendhaften Mädchens für immer zu ver⸗ nichten.—
Die Schenke hatte ſich inzwiſchen mit Gäſten gefüllt, morgen war ja Erntefeſt, und die putzliebenden Bauerndir⸗ nen hatten ihren Brüdern und Verlobten die Ankunft des Hauſirers mitgetheilt, der gewiß ſchöne Bänder und bunte Glasperlen in ſeinem Kaſten habe. Der Jude kramte aus, und manche Elle Band, manche falſche Perlenſchuur, manches Stückchen Seife und manches Fläſchchen Haaröl wanderte in die weiten Taſchen der Burſchen und aus dieſen ſpäter in die Hände der ihnen ſehnſüchtig entgegen⸗ ſchauenden Dorfſchönen.
„Habt wohl eine gute Ernte gehabt in dieſem Jahre?“ fragte der Jude lauernd, der ſeinen davon wandernden Schätzen gleichgültig nachſchaute, als bereite ihm der gute Abſatz wenig oder gar kein Vergnügen.
„O ja,“ war die Antwort,„wir können zufrieden ſein,
VIII. Jahrg.
namentlich die Aecker, die früher Foller's gehörten, haben gut getragen.“
„Foller?“ fragte der Inde,„der Name iſt mir bekannt, wohnen die Leute nicht mehr hier?“
„Sie ſind geſtorben und verdorben,“ entgegnete ihm einer der Burſchen gleichgültig,„der letzte dieſes Namens iſt als Vagabund davongelaufen.“
Der Abend war inzwiſchen angebrochen, der Jude tauſchte einen Blick des Einverſtändniſſes mit dem Förſter, packte dann, ohne auf die Einreden der Burſchen, deren Kaufluſt noch nicht befriedigt war, zu achten, ſeine Sachen ein, ſchwang den Kaſten auf den Rücken und verließ die Schenke. Langſam und mit ſchlotternden Knieen wanderte er durch das Dorf, kaum aber hatte er die letzten Häuſer hinter ſich, als ſein Schritt ſchneller und elaſtiſcher wurde; am Förſterhauſe angekommen, trat er haſtig, ohne anzu⸗ pochen, ein. Marie ſchrie laut auf, als ſie plötzlich den alten Juden vor ſich ſtehen ſah, der, ohne lauge um Er⸗ laubniß zu fragen, den Kaſten auf den Stuhl ſetzte und dann die Hand des Mädchens ergriff. Noch größer aber ward ihre Ueberraſchung, als der Greis ſie mit jugend⸗ licher Stimme und dem vertraulichen„Du“ anredete und ſie in ſeinem Antlitz die freilich ſehr entſtellten Züge ihres Geliebten erkannte. Aber raſch gefaßt eilte ſie ohne Zö⸗ gern an die Hausthüre, verſchloß dieſelbe und führte nun den Geliebten in eine höher gelegene Kammer, die den neu⸗ gierigen Blicken der Vorübergehenden nicht zugänglich war. Hier entledigte ſich Albert ſeiner falſchen Perrücke, des grauen, ſpitzen Judenbarts und des langen Talars, den die polniſchen Juden trugen, und ſtand nun in der kleidſamen, knapp anliegenden Tracht eines Bergmanns vor der Ge⸗ liebten.
Eine Weile ſahen ſich die beiden jungen Leute ſchwei⸗ gend an, als wollte jedes von ihnen in den Blicken des
Anderen leſen, ob deſſen Liebe noch unverändert die alte ſei; dann nach einer langen, innigen Umarmung berichtete
ungefähr achthunderttauſend beläuft.
machen. Ich hatte immer zu wahrhafte Achtung vor ihm, als
daß ich hätte auf Familiarität Anſpruch machen können; er war
ein Mann, der ganz unwillkürlich Hochachtung einflößte, denn in
allen ſeinen Worten und Manieren war ſtets die eigentliche At⸗
moſphäre wahrer Freiheit. Er war ganz entſchieden ein Gent⸗ leman im beſten Sinne des Wortes.
weilen ganz überſpudelnd von Scherz und Witz.
Sein Haus„Sunnyſide“ war zu einladend für Alle, denen es vergönnt war, Zutritt zu ihm finden. Es wurde für Fremde und Löwenjäger ſo anziehend, daß ſie ſeine Gaſtfreundſchaft, be⸗ ſonders während der letzten zwei Jahre, gar oft mißbrauchten.
Vor zehn Jahren, als Irving noch in ſeiner beſten Geſundheit und Geiſtesfülle blühte, und ſeine Laune die ſonnigſte und hei⸗
terſte war, hatten ich und meine Frau das Glück, einige Tage in ſeinem Hauſe zu genießen. Irving kam ſelbſt mit einem paar hübſchen Ponies an den Landungsplatz unſeres Dampfbootes, um uns abzuholen. Unſere zweimeilige Fahrt von Tarristown durch das wundervolle Gäßchen, das nach Sunnyſide führt, die beſcheidene„Cottage“ beinahe begraben unter wucherndem Epheu, dieſes malerifche und gemüthliche Aſyl eines Mannes von ſolchem Geiſte und Geſchmack— ich werde das nie vergeſſen.
Ich will mir nicht anmaßen, die häuslichen Einzelheiten von Sunnyſide zu beſchreiben, und will nur bemerken, daß ich während
unſeres Beſuches mich überzeugte, Irving’s Element beſtehe darin, Druckers,
zu Hauſe und Familienhaupt zu ſein. Er führte uns über ſeinen Grund und Boden ſpazieren, etwa zwanzig Acker Wald und Feld,
achth 1 Der Freundſchaft, in wel⸗ che ich auf dieſe Weiſe mit ihm kam, könnte mich noch heute ſtolz
Niemals abſtoßend oder mürriſch war er bei guter Geſundheit voll genialen Humors, zu⸗
mit einzelnen Buchen; er zeigte uns unzählige Bäume, die er ſelbſt gepflanzt, und erzählte uns allerliebſte Anetdoten aus ſeinem Leben, von Nelſon's Flotte, die er auf dem Wege zur Schlacht bei Trafalgar bei Meſſina ſah, von Abenteuern in Rom, von Talleyrand und anderen Berühmtheiten. Ich bemerkte bei dieſer Gelegenheit, daß er ſich doch wahrſcheinlich dieſe Erlebniſſe nie⸗ dergeſchrieben habe, aber er ſchüttelte nur, eine Art von humori⸗ ſtiſchem„Nein“.
Was das Arbeiten anlangt, war Irving nicht ſo wie Walter Scott begünſtigt, der in jeder Lage und ſelbſt im Unglück des Lebens ſchaffen konnte.—
Irving hing in der Leichtigkeit ſeiner Compoſitionen ganz eigenthümlich von Stimmungen ab. Bei guter Geſundheit und wenn der Geiſt über ihm war, ſchrieb er ſchnell, während ein ander Mal ihm das Produciren ärgerlich, ja oft ſogar unmög⸗ lich war. Er ſtand zuweilen in der Nacht auf und ſchrieb meh⸗ rere Stunden hintereinander. Dann vergingen wieder mehrere Wochen, ohne daß er eine Feder anrührte. Sein beſtes Werk und das Muſter einer Biographie,„das Leben Goldſmith'’s“, war das am ſchnellſten geſchriebene. Als ich eines Tages an meinem Arbeitstiſche ſaß, blätterte er s hübſchen das ich neu verlegen wollte. Er ſagte, dies ſei ein Lieblings⸗ Thema von ihm, und er hätte beinahe Luſt, es fortzuſetzen, um eine Skizze, die er entworfen, zu einem Bande auszudehnen. Ich
redete ihm zu, dies zu thun, und nach zwei Monaten waren die erſten Bogen von Irving'’s Goldſmith in den Händen des und nach vierzehn Tagen war das Werk in denen des Publicums. Zu den kürzeren Beſuchen in
„Sunnyſide“ gehört der mit
in Forſter's hühſchem Buche,
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ſNr.
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