Jahrgang 
01-14 (1862)
Seite
19
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Jahrg.

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Nr. 2.]

Novellen-Zeitung.

Der Wilddieb.

Novelle

von

Auguſt König. (Fortſetzung.)

Der gefürchtete Schloßherr war ein großer hagerer Mann, der ſein funfzigſtes Lebensjahr läugſt zurückgelegt hatte, ſeine Haare waren ſchon ſilbergrau, ebenſo der dichte,

buſchige Schnurrbart, der die ſchmalen ſcharfgeſchnittenen Lippen beſchattete. In ſeinen hellgrauen, unheimlichen Augen loderte ein wildes, unſtätes Feuer, und ſeine Züge trugen die unverkennbaren Spuren einer früheren aus⸗ ſchweifenden Lebensweiſe und der Leidenſchaft, die noch in ſeinem Innern tobte. Er war grauſam und unerbittlich ſtreng, und Niemand konnte ihm nachſagen, daß er jemals Gnade geübt oder Almoſen gegeben hätte.

So launge Schleſien unter öſterreichiſcher Herrſchaft ſtaud, hatte ſich die Landesregierung nie um das Thun und Laſſen des Grafen bekümmert; kein Wunder alſo, daß dieſer immer zuverſichtlicher auftrat und bald ſeiner Grau⸗ ſamfeit keine Zügel mehr anlegte. Friedrich der Große führte freilich manche Reform ein und richtete namentlich auf die Rechtspflege ſein Augenmerk, doch vergingen noch Jahre, bevor es ihm gelungen war, dem Uebermuthe der Adeligen Schranken zu ſetzen und die Gerichtshöfe von den feilen, beſtechlichen Richtern zu ſäubern. Seltſam war es, daß der Graf ſich in ſeinem Schloſſe, welches mit allem Comfort der damaligen Zeit ausgeſtattet war, ſo wenig als möglich aufhielt; den größten Theil des Tages befand er ſich auf der Jagd, oder er durchſtreifte die Büſche, um ſelbſt den Wilddieben und Forſtfrevlern nachzuſpähen. Aber ſelbſt wenn er ſich im Schloſſe befand, um über ſeine Unterthanen oder einen aufgefangenen Verbrecher zu Ge⸗ richt zu ſitzen, ſo geſchah dies doch nie in den inneren Räumen, ſondern ſtets im Schloßhofe, wo er eine gegen Wind und Wetter ſchützende Halle hatte bauen laſſen. Es ging das Gerücht, der Graf habe vor vielen Jahren ein⸗ mal ein Weib zu Tode peitſchen laſſen, weil ſie im Buſche dürres Holz geſammnelt und bei dieſer Gelegenheit einen Jagdhund des Grafen, der ſie überraſchte, getödtet hatte, und die letzten Worte des Weibes ſeien der Fluch geweſen, daß die Erde ſich einſt öffnen und das Schloß mit ſeinem ganzen Inhalte verſchlingen ſolle. Dieſer Fluch laſſe dem Grafen keine Ruhe, und die Augſt, derſelbe könne in Erfüllung gehen, bewege ihn, ſich ſo wenig als möglich in dem Schloſſe aufzuhalten.

An dem auf die Erſchießung des Förſters folgenden Tage hatte der Graf ſchon beim erſten Morgengrauen ſein Bett verlaſſen, die Diener geweckt und dann ſeinen Sitz in der Gerichtshalle eingenommen.

Eben hatte er Befehl gegeben, den Mörder vorzufüh⸗ ren, als ihm gemeldet wurde, der Bruder deſſelben ſtehe vor dem Schloſſe und verlange eine Audienz.

Laßt ihn nur kommen, höhnte der Graf,wir wol⸗ len in unſrer Mildherzigkeit dem Mörder den Beichtvater nicht verſagen.

Albert ſah an deu ſtechenden Blicken des Schloßherrn, womit ihn dieſer empfing, daß hier keine Hoffnung auf Gnade war, dennoch wollte er es verſuchen, aber ſchon bei den erſten Worten fiel ihm der Graf in die Rede.

Wenn Er in dem Glauben gekommen iſt, ſein Gewin⸗ ſel könne den Lauf meiner Gerechtigkeit aufhalten, hob er in barſchem Tone an,ſo hat Er ſich ſehr getäuſcht, wenn Er aber der Verhandlung ſchweigend beiwohnen und ſeinem Bruder nachher die Beichte abnehmen will, habe ich nichts dagegen. Heda, wandte er ſich alsdann zu den Dienern,man führe den Verbrecher vor!

Gleich darauf trat Karl, gefeſſelt und von zwei bewaff⸗ neten Knechten begleitet, ein, in ſeinem Antlitze zuckte es ſchmerzlich auf, als er den Bruder gewahrte, in deſſen Blicken Trauer, Entrüſtung und mühſam unterdrückte Wuth lagen, doch ließ ihm der Graf nicht Zeit dazu, Worte mit demſelben zu wechſeln. Einen lauernden Blick auf die beiden Brüder werfend, hob er an:

Er iſt geſtern zum zweiten Mal als Wilddieb auf der That ertappt worden und hat, entweder aus Rache, oder um der Strafe zu entgehen, bei dieſer Gelegenheit meinen Förſter ermordet, ſich alſo eines doppelten Verbrechens ſchuldig gemacht. Gründe zur Rechtfertigung kann Er nicht haben, ohne deßhalb weitere Worte zu verlieren, ver⸗ urtheile ich Ihn, kraft meiner Richtergewalt, nach Recht und Gewiſſen, zum Tode. Wenn Er das Bedürfniß fühlt, vor ſeinem Tode ſeine ſchwarze Seele zu erleichtern, ſo mag Er dort ſeinem Bruder beichten, aber mache Er's kurz!

Ich proteſtire gegen dieſes Urtheil, warf Karl in

ruhigem, aber entſchiedenem Tone ein,nur der vom Kö⸗

nige eingeſetzte Richter hat das Recht, ein Todesurtheil zu fällen, nicht Ihr, und thut Ihr es, macht Ihr Euch eines Mordes ſchuldig. Noch einmal, ich proteſtire gegen dieſes Urtheil!

Nach Belieben, entgegnete höhniſch der Graf, der bei den erſten Worten des Verurtheilten zornig aufge⸗ ſprungen war, dann aber, als mache es ihm Vergnügen, die Todesangſt des Wurmes zu betrachten, den er im näch⸗ ſten Augenblicke zertreten wollte, ſich in ſeinen Seſſel zu⸗