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Es gab unter den Bewohnern jenes Dorfes wohl Nie⸗ mand, der dem Förſter Dankmar in Achtung oder gar Freundſchaft zugethan geweſen wäre; jeder mied ihn, ab⸗ ſichtlich ging man ihm überall aus dem Wege, und ſelbſt der Wirth ſah ihn nur uugern ſeine Schwelle übertreten, denn Dankmar war ein roher, wüſter Menſch, der an Zank und Hader ſeine Freude fand und es häufig darauf anlegte, Streit zu ſtiften, um bei dieſer Gelegenheit den Lumpen⸗ hunden, wie er die Bauern ausſchließlich nannte, die Wucht ſeiner Fäuſte fühlbar machen zu können.
Niemand konnte ihm etwas anhaben; ſo ſehr auch die Bauern nach Rache verlangten, wagten ſie es doch nicht, eine ſolche an ihm zu nehmen, denn der Förſter war die rechte Hand des Grafen, und der Schloßherr würde gegen den unerbittlich geweſen ſein, der ſich an ſeinem Lieblinge vergriffen hätte. Dieſe Gunſt datirte ſich aus der Ingend⸗ zeit des Grafen her, als dieſer noch die Hochſchule beſuchte, und es ging das Gerede, der Förſter ſei ſchon damals als Stiefelputzer das Factotum ſeines Herrn geweſen, der durch ſeinen wüſten Lebenswandel dem alten Grafen manchen Kummer bereitet hätte. An den Gräueln, die im Schloſſe vorfielen, legte man dem Förſter einen großen Theil der Schuld bei, und war die Erbitterung gegen ihn früher ſchon groß geweſen, ſo ſtieg ſie jetzt auf das Höchſte, als man die unmenſchliche, entehrende Behandlung Karl Fol⸗ ler's, eines tapferen Soldaten des großen Königs, erfuhr.
Aber ſo groß auch der Haß und die Verachtung waren, die man den Förſter nachtrug, that dies doch der Liebe und Achtung, in der ſeine Tochter bei Jedermann ſtand, keinen Abbruch, und ſchon ihretwegen vergab mancher Burſche ihrem Vater eine erlittene Unbill.
Die ſchöne Marie, wie man das Mädchen allgemein nannte, ſtand jetzt in ihrem dreiundzwanzigſten Sommer, und wenn ſie Sonntags den dunklen Wald, in dem das Förſterhaus lag, verließ und über die Wieſen und Auen der Dorfkirche zuſchritt, konnte man ſelten eine lieblichere
BZeitung.
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Erſcheinung ſehen, als dieſe ſchlanke, jugendliche Geſtalt mit dem kaſtanienbraunen Haare, den rothen, vollen Wangen und den dunklen, ſeelenvollen Augen, in deren ge⸗ heimnißvollen Tiefen ſchon mancher Burſche ſein Herz ver⸗ loren hatte.
Aber nicht allein ihrer äußeren Erſcheinung, auch ihres guten, mildthätigen Herzens wegen war ſie beliebt. Kein Armer verließ ungetröſtet ihre Schwelle, kein Kranker, keine Wöchnerin war im Dorfe, in deren Hütte ſie nicht er⸗ ſchien, um mit Rath und That den Leidenden beizuſtehen.
Es war ein öffentliches Geheimniß, daß ſie Albert allen anderen Bewerbern vorzog und mit unerſchütterlicher Treue an ihm hing, trotzdem ihr Vater, der dieſe Wahl nicht billigte, ihr täglich Vorwürſe darüber machte. Sie hatte viel von dem Vater zu leiden, denn wenn der Förſter auch mit abgöttiſcher Liebe an ſeiner Tochter hing, ließ er ſich doch ſelbſt durch ihre rührendſten Bitten nicht bewegen, in ſeinen Entſchlüſſen etwas zu ändern oder ſein ſchroffes, rauhes Weſen zu mildern. Manches rohe Wort mußte ſie von ihm hören, manchen Schimpf geduldig hinnehmen, ja, er hatte ſie ſogar einmal barſch von ſich geſtoßen, als ſie ihn kniefällig bat, einem armen Weibe, welches aus Noth dürres Holz geſammelt hatte, zu verzeihen.—
Ungefähr ſechs Wochen waren nach der Beſtrafung des Wilddiebes verſtrichen. Der Frühling war gekommen, die Saaten grünten auf ven wieder bebauten Aeckern, die blauen Veilchen blühten und dufteten, die Schwalben waren heimgekehrt, und die Büſche prangten im erſten friſchen Grün. Von allen Zweigen jubelten und zwitſcherten die Vögel dem Frühling eutgegen, und durch dieſen fröhlichen Singſang klang die reine glockenhelle Stimme der Förſter⸗ tochter, die am offenen Fenſter ſaß und von der blendend weißen Leinwand, an der ſie emſig nähte, von Zeit zu Zeit einen Blick auf das friſche, den Augen ſo wohlthuende Grün warf. Wer jetzt in das halbdunkele, ſaubere Stüb⸗ chen geſchaut hätte, würde es für den Sitz des häuslichen
Florenz berufen. Er übernahm die Executive, hatte in wenigen Stunden 12,000 Mann auf dem ſchönen Platze Maria Antonia verſammelt, der jetzt Piazza dell⸗Independenza heißt, und erklärte dort den Willen des Volkes dahin, zur Einheit Italiens ſei der Großherzog Leopold II. überflüſſig, der Großherzog ſollte alſo ab⸗ ziehen! Esentſtand ein förmlich parlamentariſcher Verkehr zwiſchen der Piazza und dem Palazzo Pitti oder Reſidenzſchloſſe. Con⸗ ſtitution auf breiteſter Grundlage, Preßfreiheit, Vereinsrecht, alles
Mögliche wurde verſprochen; aber der einſylbige Cato des Borgo San Lorenzo erwiderte auf alle Anerbietungen kurz und trocken:
„Fuora il Granduca!“ Als ihm die Sache nicht ſchnell genug ging, kündigte er an, daß er ſich mit ſeinen 12,000 Mann nach der Piazza della Signoria begeben würde. Der Palazzo Vecchio war nämlich der Sitz der Miniſterien und der Knotenpunkt der Regierung.
Augenzeugen verſichern, es ſei majeſtätiſch anzuſehen gewe⸗ ſen, wie Giuſeppe, eines Kopfes höher als die Andern, die wo⸗
gende Maſſe mir ſeiner Stimme und ſeinem gebieteriſchen Blicke
beherrſcht habe. Die Drohung des Volkshauptes fruchtete, und der Großherzog packte im Palazzo Pitti ein.... Beleidigung, unter ironiſchen Höflichkeitsbezeigungen fuhr der Schwager des vorletzten Königs von Neapel durch die dichtge⸗ drängten Straßen von Florenz. Er grüßte ſogar die Maſſe hälb phlegmatiſch, halb boshaft:„A rivederci!“„Auf Wiederſehn!“ Dolfi rief mit ſeinem Grundbaß:„Non s'incomodi!“„Incom⸗ modiren Sie ſich nicht!“
Villafranca fiel wie eine Bombe in Florenz nieder, nur der Bäcker von San Lorenzo behielt den Kopf oben. Als die Un⸗ ordnung in der Stadt bedenklich wurde, als die weiſen Conſer⸗
Ohne jegliche
vativ⸗Liberalen ihr bischen Kopf gänzlich zu verlieren drohten— ſämmtliche Truppen waren mit dem Prinzen Napoleon gerade auf das Schlachtfeld bei„Zu ſpät“ abmarſchirt— eilte Dolfi in den Palazzo Vecchio und frug, wie viel Flinten vorhanden ſeien. Vierhundert, war die Antwort. Er forderte dieſe vierhundert Flinten und garantirte für die Ruhe der Stadt. Er bewaffnete vierhundert ſeiner Leute damit; die Ruhe ward keinen Augenblick⸗ mehr geſtört, und die Vierhundert bildeten den Kern der hraven Florentiner Nationalgarde, die jetzt, 1800 Mann ſtark, Militär⸗ und Polizeidienſt verſteht und dem Bürgerthume der Stadt zur höchſten Ehre gereicht. Am folgenden Lorenzofeſte unterließ je⸗ doch Giuſeppe nicht, ſeine Meinung über Villafranca in ſeiner artiſtiſch⸗politiſchen Weiſe auszudrücken. b nächtig Figur, welche die Italia vorſtellte, das Schwert in der Luft zückte und einen Olivenzweig unter ihre Füße trat. Ein gebackenes Epigramm, das war dem Farnajo von San Lorenzo zu Florenz vorbehalten! Jedesmal nach vollbrachter politiſcher That kehrt Giuſeppe Dolfi in ſein Comptoir zurück, prüft ſein Mehl und ſeine Rech⸗ nungen und hält ſein Haus in Ordnung. Ein ſolcher Mann konnte dem ritterlichen Victor Emanuel nicht entgehen, und wie Könige ſind und nicht anders ſein können, ſo fand Giuſeppe plötz⸗ lich bei der Anweſenheit des Königs zu Florenz im Monitore Toscano ſich als Ritter des heil. Mauritius und Lazarus. Groß war das Erſtaunen bei den leichtbeweglichen Arno⸗Athenern, noch größer das des Ritters wider Willen. Er ſchrieb ſofort dem Kö⸗ nig einen Brief— und Giuſeppe ſchreibt ſo gut wie jeder gebil⸗ dete Toscaner. Als der Brief fort iſt, packt ihn die Ungeduld, Rer zieht ſich an, läuft in den Palazzo Pitti, verlangt Audienz und
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(VIII. Jahrg.
Er buk eine mächtige
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