Jahrgang 
01-14 (1862)
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des Bruders legte und ihn feſt anſah,ich habe wohl nicht nöthig, Dir Verſchwiegenheit auzuempfehlen. Du weißt, die Mutter hängt ſtreug am Rechte, wär's auch nur auf todte Buchſtaben gegründet, und das Alter iſt immer ängſtlich!

Nach dieſen Worten ſchritt er hinaus, und Albert ſank, das Geſicht in ſeine Hände bergend, auf einen Stuhl. Er kannte den entſchloſſenen Charakter ſeines Bruders, der keinen Widerſpruch ertrug, der jeden einmal gefaßten Ent⸗ ſchluß ausführte, war die Ausführung auch mit noch ſo großen Gefahren verbunden. Er wußte, daß es nutzlos war, ihn von dem jetzigen Schritte abhalten zu wollen, wußte, daß der Graf eher ſeinem Todfeinde, denn einem Wilddiebe verzieh, und es ſchauderte ihn, wenn er daran dachte, daß die entehrende Strafe des Gepeitſchtwerdens den Bruder treffen mußte, wenn er auf der That ertappt wurde. Wohl wußte er auch aus Erfahrung, daß Karl ein kühner, verwegener Geſell war, und es ſchwer hielt, ihn zu fangen; doch was vermochte er, der Einzelne, gegen die Hundemeute und den Troß der Forſtbedienten, welche den gräflichen Forſt hüteten? Aber nicht die Gefahr allein, in der ſein Bruder ſchwebte, deu er trotz ſeines heftigen, aufbrauſenden Temperaments liebte, war es, was ſein Herz bewegte; er mußte auch der weiteren Folgen gedenken, die das verwegene Vorhaben Karl's mit ſich führte. Ihr guter Name, an dem bis jetzt noch kein Makel haftete, wurde beſchimpft, der Bruder entehrt, und der alten, ſtreng rechtlichen, gottesfürchtigen Mutter mußte dies das Herz brechen, außerdem aber würde der ſtrenge, rauhe Förſter dem Bruder eines Wilddiebes die Hand ſeiner Tochter ge⸗ wiß verweigern. Das Alles waren die nächſten Folgen; welche anderen noch dazu eintreffen konnten, daran mochte Albert nicht denken.

Der Abend war inzwiſchen angebrochen, und mit ihm kehrte die Mutter aus der Kirche zurück.

Auf ihre Frage nach dem Bruder antwortete Albert,

(VIII. Jahrg.

er ſei ausgegangen, werde jedoch bald zurückkehren, und 1 ſchwer es ihm auch fiel, mußte er ſich doch zwingen, ruhr 8 ja heiter zu erſcheinen, um den Verdacht der argwöhniſch Mutter, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen ſe könne, nicht rege zu machen. Die Mutter bereitete d Abendeſſen und ſetzte ſich dann mit dem Strickſtrumpf un der alten Hauspoſtille, in der die große Hornk ille ſtets h dem Capitel für den betreffenden Tag lag, an den alte geſchuitzten Tiſch, um die Rückkehr ihres Erſtgeborenen g duldig abzuwarten.

Ein lange, peinliche Stunde für Albert verſtrich, ehe dieſer kam, endlich trat er ein, heiter und ein Lächeln auf dem Antlitz, jedoch ohne Flinte. Er war an dieſem Abend geſprächiger als gewöhnlich und ſpottete ſogar über din Einſylbigkeit des Bruders, der doch ſonſt immer inten eſſante Anekdoten aus den Feldzügen zu erzählen wiſt.

Albert nahm dieſen Vorwurf ſchweigend hin, er konnte d

Gedauken nicht von ſich wehren, daß der erſte Schritt is Verbrechen geſchehen ſei und jetzt ſchwere Tage der Trib⸗ ſal für die Familie kommen würden. Selbſt als Karl nach dem Abendeſſen ihm mit leuchtenden Augen erzählte, daß er einen capitalen Sechszehnender geſchoſſen habe, den er morgen zu verkaufen gedenke, erhöhte dies nur ſeine Sorge und Angſt. Von jenem Abende an füllten ſich die Viehſtälle der Familie Foller in auffallender Weiſe, und unter den Dorf⸗ bewohnern ging allgemein das Gerede, die beiden Brüder müßten bedeutende Schätze im Kriege erworben haben. Man war weit entfernt, auch nur an die Möglichkeit zu glauben, daß einer der Foller's und der Wilddieb, auf deſ⸗ ſen Einfangung der Graf einen Preis geſetzt hatte, ein und dieſelbe Perſon ſein könne. Selbſt die Mutter würde einen ſolchen Verdacht, wenn er in ihrer Seele aufgeſtiegen wäre, als ganz ungegründet zurückgewieſen haben. Wohl dachte ſie mauchmal ernſtlich darüber nach, auf welche Weiſe ihre Söhne wohl zu dem vielen Gelde tommen

Mein Papa iſt geſtorben, und Mama mag noch ſo ſehr arbeiten, wir können ſie nicht alle bezahlen.

Mein Freund Jakob nahm den Knaben und mit ihm das Brod in die Arme, und ich glaube, er umarmte ſie alle beide.

Indeſſen war die Bäckerin, die nicht ſelbſt die Grillen anzu⸗

greifen wagte, in die Backſtube hinabgegangen⸗ Sie bat ihren Gatten, vier Heimchen zu haſchen, der ſie in einer Schachtel, deren Deckel durchlöchert war, damit es ihnen nicht an Luff fehlen ſollte, verwahrte. Sie gab dann die Schachtel dem kleinen Knaben, der ganz heiter fortging. Als er fortgegangen war, ſagten die Bäckerin und mein Freund Jakob zu gleicher Zeit:Armer, guter Kleiner!

Die Bäckersfrau nahm hierauf ihr Schuldbuch, öffnete es an der Seite, wo die Schuld der Mutter des kleinen Knaben ver⸗

zeichnet war, machte einen großen Strich durch die lange Rech⸗

nung und ſchrieb darunter:Bezahlt.

Während derſelben Zeit halte mein Freund alles Geld, das ſeine an dieſem Tage glücklicher Weiſe gut gefüllte Börſe enthielt, in ein Papier eingewickelt und er bat nun die Bäckerin, daſſelbe recht ſchnell der Mutter des Knaben mit den Heimchen zugleich mit ihrer quittirten Note und einem Billet, worin man ihr ſagte, ſie beſitze ein Kind, das einſt ihre Freude und ihr Troſt ſein werde, zu überſenden. Man gab das Alles einem Bäckerburſchen, der ſehr lange Beine hatte und dem man empfahl, recht ſchnell zu gehen. Der Knabe mit dem großen Brode, ſeinen vier Heimchen und ſeinen kleinen Beinen ging nicht ſo ſchnell wie der Bäcker⸗ vurſche, ſo daß er, als er in's Zimmer trat, fand, daß ſeine Mutter ſeit langer Zeit die Augen nicht auf ihre Arbeit gerichtet hatte und daß ein Lächeln der Freude auf ihren Lippen ſich zeigte.

Er glaubte, die Ankunft ſeiner vier kleinen, ſchwarzen Heim⸗ chen habe dieſes Wunder bewirkt, und meine Anſicht iſt, daß er nicht Unrecht hatte. Würde dieſe glückliche Veränderung in der dürftigen Lage ſeiner Mutter ohne dieſe Heimchen und ohne ſein gutes Herz eingetreten ſein? 1 Weshalb dieſe kleine Geſchichte an der Spiltz einer Vorrede zu den Feenmärchen von Perrault? wird man nich fragen; wo⸗ zu kann ſie nützen?

Um durch eine Thatſache, ſo unbedeutend ſi auch ſein mag, jener Kategorie von zu beſtimmten Geiſtern zu aftworten, welche jetzt im Namen der Vernunft behäupten, man müſſe das Wunderbare aus dem Repertoire der Kindheit vahannen.

In dieſer Geſchichte gibt es nicht einmal einen Schatten von Fee oder Zauberer: es iſt eine in allen ihren Einzelheiten ganz wahre Geſchichte, und wenn ſie in der Wahrheit hat den Beweis dafür liefern können, daß für die Kindheit, Gott ſei dafür ge⸗ dankt, die Illuſion überall iſt, und daß ſich für ſie das Wunder⸗ bare ſogar in den Wirklichkeiten des alltäglichen Lebens findet ſo iſt ſie hier am rechten Platze. 6

Aus der Gegenwar.. Ein politiſcher Bäcker.

zu backen, und woes verſucht wurde,

einer Brezel raſch im Ofen ſi Und doch hat

kam ſie ſtets verbrannt aus der Hitze hervo. Patrioten, der deſe Kunſt mit/

Nach hat man es in keinem Lande gelern, die Freiheit gle V

moderne Italien jetzt einen übt. Dieſer Mann iſt tüchtig und ein Cuwſum zugleich. 1

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