Novellen-
Der Wilddieb.
Novelle
von
Auguſt König.
Der ſiebenjährige Krieg hatte ausgetobt. Friedrich der Große war im Beſitze Schleſiens, er hatte ſeine Feinde gedemüthigt und den Grundſtein zur künftigen Größe Preußeas gelegt.
Aber tiefe Wunden waren dem Lande geſchlagen wor⸗ den, und Schleſien insbeſondere hatte viel gelitten. Ganze Länderſtrecken waren verwüſtet, Dörfer eingeäſchert, und der Witwen und Waiſen genug, die die Mildthätigkeit der⸗ jenigen, denen noch etwas geblieben war, in Anſpruch nah⸗ men. Zurückgebliebene Marodeure durchzogen ſchaaren⸗ weiſe ſengend und plündernd das Land, und wo noch etwas zu holen war, fanden ſie ſich ſicher ein.
Friedrich war bemüht, dieſe Wunden zu heilen, er wies aus der Staatscaſſe die zum Wiederaufbau der zerſtörten Ortſchaften nöthigen Summen an, ließ allenthalben die Marodeure auffangen und die, welche in ſeine Hände fie⸗ len, ſofort aufknüpfen, und entließ, um dem Mangel au
rüſtigen Arbeitern abzuhelfen, einen Theil des erprobten,
ſiegreichen Heeres, welches die Feinde einſt im Uebermuthe „die Potsdamer Wachparade“ genannt hatten. Unter dieſen Beurlaubten, die in ihre Heimath zurückkehren durf⸗ ten, befanden ſich zwei Brüder, deren Vater in einem ſchleſiſchen Dorfe Ackerbau betrieb. In blühendem Wohl⸗ ſtand hatten ſie das heimathliche Dorf verlaſſen, um für die gerechte Sache des großen Königs, den das ſchleſiſche Volk vergötterte, zu kämpfen, und jetzt, als ſie zurückkehrten, wie ganz anders ſah es da in ihrer Heimath aus!— Die Saaten waren von den Hufen der Roſſe zerſtampft, die Häuſer zum größten Theile eingeäſchert, und die Aecker und Wieſen, die fruchtbarſten und üppigſten Schleſiens, verheert.
Aber bei dem Schmerze um die verheerte Heimath allein ſollte es nicht bleiben, ein weit größerer wartete ihrer noch, als ſie die Schwelle des elterlichen Hauſes über⸗ ſchritten. Der Vater, den ſie als rüſtigen, kerngeſunden Mann verlaſſen hatten, lag ſchon ſeit einem halben Jahre auff dem Friedhofe; Armuth und Noth waren ſeit jenem Tage in der Hütte eingekehrt, denn die alte Mutter war zu ſchwach, um die nöthigen Feldarbeiten zu verrichten, und zu unbemittelt, um Tagelöhner zu halten.— Die Brüder ſahen, daß hier rüſtige Hände vor Allem Noth thaten, und ohne lange zu zögern oder ſich einer nutzloſen,
Dritte Folge. 3
Zeitung.
unthätigen Trauer hinzugeben, ergriffen ſie am Tage nach ihrer Rückkehr Pflug und Spaten, um die brach liegenden Aecker wieder zu bebauen. Die alte Mutter lebte neu auf, ſie hatte die beiden Söhne, ihre einzigen Kinder, ſeit Jah⸗ ren ſchon todt geglaubt und deßhalb auf eine Rückkehr der⸗ ſelben keine Hoffnung mehr gehabt, um wie viel größer alſo mußte ihre Freude ſein, als plötzlich die kräftigen, ſonnverbraunten Männer, die als Jünglinge von ihr ge⸗ ſchieden waren, ſie ans Herz drückten.—
Nach Verlauf von vier Wochen waren die Aecker und Wieſen wieder in Ordnung, das Haus nothdürftig ausge⸗ beſſert, und nur die Lücken, die Freund und Feind im Vieh⸗ ſtande angerichtet haten, noch auszufüllen, um Alles wie⸗ der auf den früheren Fuß zu bringen.— Wie aber dies bewerkſtelligen? Der Winter war vor der Thüre und vor dem Sommer auf einen Ertrag der Aecker nicht zu rechnen, die in guten Zeiten erſparten Kronenthaler waren in den Tagen der Noth einer nach dem anderen davon gewandert, und große Schätze hatten die Beiden aus dem Kriege nicht mitgebracht.— Dieſe Frage verurſachte den Brüdern manche Sorge. Albert, der jüngere, der, im Gegenſatz zu dem heftigen, aufbrauſenden Temperament des Bruders, ſanft und uachgiebig, ja ſchüchtern war, machte den Vor⸗ ſchlag, während des Winters bei fremden Leuten Arbeit zu ſuchen und auf dieſe Weiſe bis zum Frühjahre, wenn auch nicht die ganze, doch einen Theil der nöthigen Summie zu erwerben, doch Karl wies dieſen Vorſchlag mit einer Ent⸗ ſchiedenheit zurück, die den Bruder in Erſtaunen ſetzte.
„Ich habe mich lange genug in der Fremde herumge⸗ trieben und meinem Nacken von Anderen das Joch auf⸗ legen laſſen,“ meinte dieſer;„die Luſt iſt mir vergangen, ferner noch meinen Fuß unter fremden Tiſch zu ſetzen und das Brod anderer Leute zu eſſen.“— 3
„Mir aus der Seele geſprochen,“ erwiderte Albert, „es wird uns aber wohl nichts Anderes übrig bleiben, als in den ſäauren Apfel zu beißen, oder weißt Du einen beſſe⸗ ren Rath, wie wir unſere alte Mutter und uns während des Winters ernähren und die Viehſtälle wieder füllen ſollen?“.
Karl gab hierauf keine Antwort; ans Fenſter tretend und auf das Schloß des Grafen ſchauend, in deſſen Ge⸗ richtsbarkeit das Dorf gehörte, pfiff er leiſe ein Reiterlied vor ſich hin.
„Es iſt eine wahre Schande,“ hob er endlich mit ſchlecht verhehltem Grimme an,„wie ungleich die Güter vertheilt ſind! Da ſchau nur, drüben ſteigt der alte Hal⸗ lunke, der während des Krieges bei Freund und Feind den Spion abgegeben hat, eben in ſeine Staatscaroſſe, wäh⸗ rend unſereins, der ſein Gut und Blut für den König freu⸗


