Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
825
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und zeigt im Allgemeinen viel Lerneifer, weil Kenntniſſe allein

Nr. 52.]

Soveit geht ihre Verſtellung! dachte er mit tiefem Schmerze.

Ziehe ihn zur Rechenſchaft, wiederholte ſie feſt; aber wahre Deine Sicherheit. Ein Mann wie Dorner iſt gefährlich.

Der eiferſüchtige Gatte ſuchte kalt zu bleiben.

Wir leben nicht mehr nach den gewöhnlichen Geſetzen, die uns das Leben vorſchreibt, ſagte er mit bebenden Lip⸗ pen.Kleinliche Rückſichten, zu denen ich die Aeußerungen Dorner's zähle, laſſe ich außer Acht, wenigſtens für jetzt. Ich fragte Dich, ob Du in der Nacht vom Sonnabend zu dem Sonntage das Haus verlaſſen habeſt Antonie, eine Frau glaubt das Recht zu haben, dem Manne mitunter kleine Unwahrheiten zu ſagen

Emil! Emil! rief ſie erbleichend.

Es iſt die nothwendige Conſequenz, wenn die Erfah⸗ rung lehrt, daß die Frauen ſich darin gefallen, die Freude zu verheimlichen, die ſie den Männern bereiten. Antonie, biſt Du in jener Nacht ausgeweſen?

Nein!

Wer hat meinen Mantel getragen, der am Morgen noch naß war?

Wie kann ich das wiſſen?

Während ich einer Geſellſchaft bei unſerm Banquier beiwohnte, haſt Du heimlich das Haus verlaſſen. Es muß ſehr ſpät in der Nacht geweſen ſein, denn ich erinnere mich, daß der Regen um zehn Uhr begann und gegen ein Uhr aufhörte. Du haſt meinen Mantel ſchon einmal auf der Reiſe getragen bekenne, Antonie, Dein Ausgehen kann ja einen ſehr unſchuldigen Grund haben, es kann eine L beſen ſein, und Launen ſind das Vorrecht Deines

Sieh', ich ſpiele nicht etwa den eiferſüchtigen mgna, ich fordere auch nicht von Dir, daß Du Dich rechtfertigen ſollſt; aber ſei offen, um meine gräßlichen

Drilte folge.

Qualen zu enden. Der Freund, der Bruder bittet Dich,

Antonie! Kannſt Du ihm eine Aufklärung verweigern, die ihn vom Abgrunde des Verderbens rettet?

Antonie zitterte am ganzen Körper, ſie zitterte, weil ſie die Qualen, aber auch den Edelmuth des Mannes ſah, deſſen Liebe zu ihr ſo rein, ſo wahr ſich zeigte. Durfte ſie dieſen Mann belügen, deſſen ganzes Herz ſie kannte?

Emil, flüſterte ſie,ja, ich bin ausgeweſen!

Der Gatte ſtarrte die ſchönen Züge an, die ruhig blieben.

Alſo doch!

Nun aber frage mich nicht weiter und ſchenke mir Ver⸗ trauen; verweigerſt Du es mir, ſo wirſt Du Dir ſpäter bittere Vorwürfe machen müſſen. Emil, das Vertrauen iſt die Tugend der Liebe. Ich will nicht verhehlen, daß ich mich nicht in der Verfaſſung befinde, um Dir zu ant⸗ worten; aber ich bin kein falſches Weib ich ſchwöre Dir, daß ich Dich treu und innig liebe!

Mein Gott, mein Gott! rief der arme Mann aus. Du forderſt Vertrauen von mir, dem Manne, dem Zweifel den Glauben erſchüttern und Eiferſucht erregen! Bedenke wohl, ich bin nicht der Erſte in Deinem Herzen Du haſt vor mir geliebt, biſt die Gattin eines Andern geweſen, ehe Du die meinige wardſt. Und von mir forderſt Du Vertrauen, während Du mir das Deinige entziehſt? Autonie, ich will an Dich glauben, an den klaren Spiegel Deiner Augen, an Deine Stimme aber wenn Du mich hintergehen könnteſt

Dann verſtoße mich und gib mich der Verachtung der Welt preis!

Alle meine Gedanken liegen klar vor Dir, und Du, Du

Genug! Genug! rief ſie beſtürzt.Du darfſt nicht fragen, ich darf nicht antworten. Gehe keinen Schritt weiter in dieſem furchtbaren Labyrinthe. Von unſerm Schweigen hängt das Glück unſeres Lebens ab. O, ſo

Zur Länder⸗ und Völkerkunde. Sir John Bowring's Artheil über die Chineſen.

In der letzten Zeit iſt ſehr viel von den Chineſen geſprochen worden, und die Lage der Dinge berechtigt zu der Vermuthung, daß in der nächſten Zeit noch viel von ihnen geſprochen werden wird. Da nun die Bewohner des Reiches der Mitte oder, wie die Chineſen es zu nennen lieben, des himmliſchen Reichs uns im Ganzen genommen noch wenig bekannt ſind, ſo bietet jeder neue Aufſchluß über dieſes Volk jetzt ein doppelt großes Intereſſe dar. Kürzlich ſprach ſich Sir John Bowring in Mancheſter in der Manchester Mechanic's Institution über China und die Chineſen aus und theilte über die Letztern manches bisher noch Unbekannte mit, und da derſelbe eine Reihe von Jahren in Shang⸗ hai die engliſchen Handelsintereſſen zu vertreten hatte, er daher

Chinelen aus eigner Anſchauung kennt, ſo haben ſeine

heilungen einen beſonders hohen Werth, und ſicher macht es

n unſrer Leſer Freude, wenn wir ihnen hier das Wichtigſte an jenem Vortrage mittheilen.

Nach Sir J. Bowring's Angabe zählt China 412 Millionen Einwohner, mehr als ein Drittel aller auf der Erde lebenden Menſchen. Dieſes gigantiſche Reich iſt überall nach derſelben Form eingerichtet, das ganze Volk wird in einer und derſelben Weiſe er⸗ zogen, lieſt dieſelben Bücher, verſteht dieſelbe geſchriebene Schrift

Anſehen geben und allein zu Staatsſtellen berechtigen. Um den Umfang des Theebaus in China zu beweiſen, wies Sir J. Bowring darauf hin, daß ſich in China wohl nicht leicht

ein Haus finde, worin nicht täglich fünf mal Thee getrunken

werde, und trotz des dadurch bedingten ungeheuren Bedarfes an Thee für das eigne Volk führe es doch noch jährlich 120,000,000 Pfd. aus.

Einen andern wichtigen Ausfuhrartikel aus China bildet die Seide. Ats vor wenig Jahren in Europa Mangel an Seide eintrat, legten ſich ſofort die Chineſen auf die Seidencultur, und in Zeit von zwei Jahren waren ſie im Stande, für zehn Milli⸗ onen Pfd. St. Seide nach England zu ſchicken, die für den Markt daſelbſt vorbereitet und ganz geeignet war. Eben ſo ſei China das Land, welches das Baumwollenproblem zu löſen im Stande ſei und England in Bezug auf dieſes Erzeugniß von Nordamerika weniger abhängig machen könne. Sir J. Bowring hat in dieſer Beziehung wenig Vertrauen zu Afrita, weil es den Negern an Betriebſamkeit fehlt, um große Quantitäten von Baumwolle zu erzeugen; dagegen hat er in China einen großen Theil der Ein⸗ wohner in baumwollene Stoffe gekleidet geſehen, die im Lande aus ſelbſt erbauter Baumwolle gefertigt worden waren, und dieſe Thatſache verdiene Beachtung. Man ſage, es werde viel Baum⸗ wolle in China eingeführt, das ſei aber nur in zwei Provinzen der Fall, dagegen würden die noͤrdlichen Provinzen des Reichs, wo die Induſtrie ſehr thätig ſei, mit ſelbſt gebauter Baumwolle verſorgt. Die Chineſen ſeien eine ſehr ſcharfſichtige Nation, und wenn man ſie unterrichte, beſſern Samen zu ſäen und die Baum⸗ wolle zu reinigen und ſie für den Transport zu verpacken, was ſie bis jetzt noch nicht verſtänden, da die Engländer noch keinen Zu⸗ tritt zu den Provinzen hatten, wo die Baumwolle gebaut werde, ſo könne England von dort mit Sicherheit auf große Zufuhr von Baumwolle rechnen.

Hoͤchſt intereſſant iſt, was Sir J. Bowring über die gleich⸗