Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
804
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Die Schutzſuchenden drängten ſich in ein Häuflein zu⸗ ſchleiert.

ſammen.

Mann, Sie ſind unhöflich! rief der Tanzmeiſter, der auf einen Eckſtein geſprungen war.

Durch dieſe allgemeine Bewegung hatte der Rentier einen andern Platz erhalten. Als er ſich wandte, ſah er den grauen Mann an der gegenüberliegenden Mauer, den⸗ ſelben, mit dem er die Unterredung in dem Bilderladen gehabt. Der Unbekannte war eine ſeltſame Erſcheinung. Man wußte nicht, zu welcher Claſſe von Menſchen man ihn zählen ſollte. Ein Humaniſt würde geſagt haben: dieſer Menſch ſtellt die verkrüppelte Civiliſation dar; der Crimi⸗ naliſt, in der Regel ein erfahrener Pſycholog und Phreno⸗ log, würde den Ausſpruch gethan haben: der graue Mann umfaßt die Ehre des Zuchthauſes, Tugend und Vaterland, er beſitzt Verſchlagenheit, Gutmüthigkeit und verſteckte Bosheit man muß ſich vor ihm hüten, wenn man ihn nicht vernichten kann.

Dorner beobachtete den grauen Mann, der ruhig an der Mauer ſtand, die magern Hände auf ſeinen Stock ſtützte und in das wirbelnde und ſchäumende Waſſer ſtarrte. Der graue Rock, der an dem Halſe feſt zugeknöpft war, wahrſcheinlich um den Mangel eines Hemds zu verdecken, reichte bis tief über das Knie herab. Die beſchmutzten Stiefeln waren grob und mit ungewöhnlich dicken Sohlen verſehen. Der zerdrückte Filzhut mit breiter, ſchlaffer Krämpe, deſſen Farbe ſich nicht mehr erkennen ließ, würde ihm das Anſehen eines amerikaniſchen oder engliſchen Quäkers gegeben haben, wenn er ſich nicht in einem zu traurigen Zuſtande befunden hätte. Das Geſicht, von tauſend Runzeln durchzogen, erſchien wegen der entſetzlichen Magerkeit ungewöhnlich lang, wie der ganze Körper. An dem gelben Halſe, den kein Tuch bedeckte, ſah man die ſtarken Sehnen. Der Ausdruck des ſeltſamen Geſichts war in dieſem Augenblicke ſpöttiſch und melancholiſch; er verrieth Verachtung und Philoſophie von Wahuſinn ver⸗

Novellen⸗Zeitung.

Er ſchien in dem Alter zwiſchen fünfundvierzig und funfzig Jahren zu ſtehen. Sein langes Haar war ziemlich weiß; feucht hing es in den Nacken und in die Schläfe herab.

Ein gewöhnlicher Bettler konnte dieſer Mann nicht ſein, trotz ſeiner ſchlechten Kleider. Der lange, trockene Körper glich einer Statue oder einer Geſtalt, welche die Phantaſie eines geſchickten Malers erſchaffen. Sein überglaſ'tes Geſicht ſprach einen tiefen, eiſigen Gedanken aus. Fühlte man ſich auch geneigt, Mitleiden mit ihm zu haben der kalte Blick trocknete das Herz aus.

Die ihm zunächſt ſtehenden Nachbarn zogen ſich ſcheu oder verwundert zurück. Vielleicht verbreiteten ſeine Klei⸗ der einen übeln Geruch, oder er trug im Normalzuſtande jenen Geruch des Elends an ſich, den alle ſchmuzigen Winkel der Stadt haben kurz, der Mann blieb iſolirt; er ſchien es nicht zu bemerken.

Plötzlich ſah er auf.

Keine Muskel ſeines hagern Geſichts zuckte. Sein ansdrucksloſer Blick, der ſo berühmte Blick Talleyrand's, wandte ſich von der Gruppe auf den Rentier. Ruhig, als ob er den Mann nicht kenne, ſenkte er die welken Augen⸗ lider nieder zu Boden.

Dieſes ſtoiſche Geſicht mußte in dem Beobachter mancherlei Gedanken erwecken. Warum intereſſirte ſich der Fremde ſo lebhaft für das Bild der reizenden Agnes? War er nicht mit Gewalt in den Laden des Bilderhändlers gedrungen? Hatte er nicht geweint bei dem Erblicken der reizenden Züge?

Dies waren für den Rentier triftige Gründe, um den ſeltſamen Mann näher kennen zu lernen. Aber wie ließ ſich dies erreichen, da er ſchon in dem Laden jede verhindert hatte?

Das Gewitter hatte ſich verzogen. Die Leute waren auseinandergegangen. Der vorſichtige Philiſter ſah nach den blauen Streifen in dem zerriſſenen Gewölk, lockte ſein

Feuilleton.

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Die Sternſchnuppen.

auszeichnen, daß ganz ungewöhnlich viel Sternſchnuppen fallen, und dieſe ſind die Nächte vom 10. zum 11. Aug, und vom 10. zum 11. Nov. Während die Naturforſcher ſich noch immer bemühen,

Es gibt bekanntlich zwei Perioden im Jahre, die ſich dadurch

den Grund dieſer Erſcheinung aufzufinden, drücken katholiſche

Länder denſelben, wenigſtens in Bezug auf den Fall der erſten Sternſchnuppen im Auguſt, ſchon ſeit langer Zeit in verſchiedenen Legenden aus, die inſofern ein Intereſſe darbieten, weil ſie den Beweis dafür liefern, daß dieſe Erſcheinung ſchon in ſehr alten Zeiten die Aufmerkſamkeit der Menſchheit auf ſich gezogen hat, die ebenfalls nach einem Grunde derſelben ſuchte und ihn im Geiſte jener Zeiten in einer Legende fand, die nach den verſchie⸗ denen Ländern verſchieden lautet.

In Theſſalien bekreuzt man ſich andächtig, ſobald man eine

Sternſchnuppe fallen ſieht, denn eine Tradition, die vielleicht eben ſo alt wie die Einführung des Chriſtenthums in jenen gebirgigen Gegenden iſt, erzählt, daß am 6. Aug., an dem die katholiſche Kirche die Verklärung Chriſti feiert, der Himmel ſich öffne und die Flamme der goldnen Lampen ſehen laſſe, welche zu

Füßen des Allerheiligſten brennen. In Irland nennt man die Sternſchnuppendie Thränen des heiligen Laurentius. Der heilige Laurentius war der Sohn eines römiſchen Senators. Der Papſt Sigxtus II. bekehrte ihn zum Chriſtenthum, nahm ihn als Diaconus zu ſich und übertrug ihm die Bewachung des Schatzes der Kirche, d. h. des Schatzes der Armen. Als der Kaiſer Valerian im Jahr 260 die Edicte gegen die Chriſten erneuerte, war das erſte Opfer, das er den Henkern vo⸗ zeichnete, natürlich der Papſt. Während man den on zum Tode führte, folgte ihm Laurentius, den ma großen Jugend und der hohen Würde, die ſein 2 verſchont hatte, und ſagte: 4 Wohin gehſt Du, mein Vater, ohne Deinen Sohn? Du biſt nicht gewohnt, das Meßopfer darzubringen ohne geiſtlichen Beiſtand. Womit habe ich mir Dein Mißfallen zugezogen? Prüfe, ob ich der Wahl würdig bin, die Du in mir getroffen haſt, um mir die Ausſpendung des Blutes unſres Erlöſers anzuvertraun. Indem er ſo ſprach, rollten die Thränen von ſeinen Wangen herab; doch wunderbar! keine derſelben fiel auf ſeine Kleider, oder auf die Erde. Engel von einer wunderbaren Schönheit ſam⸗

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melten eine nach der andern in goldnen Schalen auf, flogen damit

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