Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
799
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ö Nr. 50.] Dritte Ffolge. 799 orari b j Herzens pulſiren und blickt in die Werkſtatt des Geiſtes, Literariſche Rrieſe wo die Entwürfe und Anfänge der Gedanken und An⸗ Otto Banck ſchauungen wie die Modelle eines Bildners durch einander

Briefe von Heinrich Stieglitz an ſeine Braut Charlotte. Von Louis Curtze. Leipzig, Brockhaus. 1859.

Sie ſind mit Recht ein warmer Verehrer von den Briefen bedeutender Perſönlichkeiten, denn gerade ſolche vertraute Privatergüſſe geben Aufſchluß über viele wichtige Anſichten, welche ſonſt kaum von dem ſchärfſten geiſtigen Auge zwiſchen den Zeilen der Autorwerke zu leſen ſein würden. Sie bilden häufig das treuherzigſte und ehren⸗ vollſte Glaubensbekenntniß, welches oft den unreifen, be⸗ drückten politiſchen Verhältniſſen gegenüber bei Lebzeiten von den Schreibenden nicht abgelegt werden konnte.

So tritt nicht ſelten durch die Veröffentlichung nach⸗ gelaſſener Briefe ein Geiſt als Mann des Lichtes hervor, den man als ſtillen Freund der Dämmerung in Verdacht hatte, weil er ſtets genöthigt war, ſein täglich Brod zu dem zähen Rindfleiſch der Rückſichten zu verſpeiſen und doch die Ochſen durch ſeinen Tadel nicht ſchmackhafter ge⸗ macht hätte.

Aber noch in vielen andern Beziehungen ſind Briefe und Briefwechſel von lebhaftem Intereſſe. Während die Biographie eines öffentlichen Charakters nur gleichſam in einer freien Handzeichnung nach beſtem Augenmaß ſein Bild wiedergibt, ſtellen es ſeine eigenen Briefe, ohne daß er es will und weiß, ganz oder in der Regel wenigſtens als Bruſtbild in einer Photographie dar; der Sonnenſchein der Selbſtempfindung und des Eigengefühls iſt es, welcher

Linien und Formen der Individualität untrügeriſch

unbeſtechlich auf dem dunklen Aetzgrunde der Umgebung zeichnet. So treten alle kleine und große Leidenſchaften, Liebhabereien, Sympathien und Antipathien klar hervor, und die verborgenſten Wurzelfäden der Motive werden in den ſeinſten Schattirungen bloßgelegt.

Daß ſich eben in Briefen dieſe größere perſonelle Treue geltend macht, iſt ganz natürlich. Wer mit dem Bewußt⸗ ſein ſchreibt, daß er es für die Oeffentlichkeit thue, wird ſelten ganz unbefangen ſchreiben können. Immer wird ſich die Abſicht nach einer beſtimmten wünſchenswerthen Wirkung einmiſchen, und zwar nach einer Wirkung auf die dem Schriftſteller fremd und darum kalt gegenüberſtehende Maſſe der Menſchheit. Dieſe verhält ſich ganz objectiv, ſie hat im günſtigſten Fall gar kein Vorurtheil gegen ihn, hein günſtiges noch ein ungünſtiges. Der Autor

ſich daher, obgleich es ihm der Geiſt der Wahrheit

n ſoate, nur zu häufig veranlaßt fühlen, manche

Erkenntniſſe zu verhehlen, weil ſie nur zu leicht

ſtanden werden könnten. Guten Freunden aber, die

gege. ihn ein günſtiges Vorurtheil haben, theilt er ſie offen mit, denn er iſt überzeugt, daß man ihn nicht verkennt.

Am größten und kindlichſten wird dieſe Offenheit, wenn die Briefe an eine Geliebte gerichtet ſind. Dem Geiſt der Liebe gibt ſich der Redende mit grenzenloſem Vertrauen hin und er ſpricht wie gegen ſich ſelbſt, frei aus tiefſter Seele in unbewachten Monologen. So wird die äußere abſchließende Hülle, die ihn umgibt, durchſichtig wie Kryſtall und man ſieht das allverborgenſte Leben des

ſtehn und der liebevollen Vollendung harren. So ſchauen wir die geheimſten Eindrücke und Urtheile, welche ſich dem Genius über Mitlebende geſtaltet haben, und genießen die Freude der Hoffnungen mit, die er ſich auf eigene Kraft er⸗ baute. Es iſt eine große, viel irdiſchen Schmerz verſüßende Wahrheit: Wer das Werdende, Wachſende erblickt und theilnehmend genießt, der wächſt unwillkürlich mit, und ſeine Seele dehnt und erweitert ſich auf den reinen Gipfeln des Fortſchritts.

Dies iſt ein Theil des ſtillen Reizes, der Goethe's Briefe an die Frau von Stein ſtets verjüngt, und der uns immer mit verjüngt, ſo oft wir die einfachen Worte leſen, die oft mehr Klänge als Worte, mehr Töne als Melo⸗ dien ſind.

Dabei aber hilft noch ganz beſonders eine Eigen⸗ ſchaft mit.

Goethe, und nicht bloß dieſer, ſondern jeder wahrhaft bedeutende Geiſt, ſpricht ſich bei Gelegenheit ſolcher ver⸗ traulichen Ergüſſe ſtets mit Haltung und Züchtigkeit ſeiner ſelbſt aus.

Nehmen wir dieſen letzteren Ausdruck ja nicht in ſeiner gewöhnlichen niederen Bedeutung, ſondern in einer viel höheren, allgemeineren. Es iſt eine Haltung und geiſtige Zucht ſeiner ſelbſt, wenn wir das Gefühl unſeres Werthes und unſerer Kraft wohl aus unſern Handlungen und Aus⸗ ſprüchen durchleuchten laſſen, ſie aber nicht dazu anwenden, um jenes Miſtbeet zu düngen, worauf die üppigen Pflan⸗ zen der Ueberſchätzung und Anmaßung wuchern und ſich einbilden, ſie ſeien Palmen und Lorbeerbäume. Spargel ſind es, welche uns die Welt wegſticht, um ſie ſich ganz ge⸗ müthlich an ihrer Suppe zu kochen!

Noch eine andere Schwäche entſpringt aus ſolcher hoch⸗ geſpannten Meinung über ſich ſelbſt. Der von ihr Behaf⸗ tete wird nicht müde, beſtändig über ſeine Perſon zu reden, er gibt ſich direct, denn es fehlt ihm die Macht des ſtarken Geiſtes, welcher ſich indirect in ſeinen Werken wiederſpiegelt. Eine große und deshalb Vieles umfaſſende Capacität hat keine Zeit, fortwährend ſich ſelbſt zu betrach⸗ ten, denn ſie wird zu ſehr von der Welt außer ihr in An⸗ ſpruch genommen. Es geht ihr wie einem thätigen Haus⸗ vater, den ſo emſig die Sorge für ſeine Familie beſchäftigt, daß er kaum dazu kommt, an ſich ſelbſt zu denken, und oft gar nicht weiß. ob er krank oder geſund iſt.

Dieſe Selbſtſucht, immer in den Winkeln ſeines eige⸗ nen Herzens herumzuſtören, Alles mit der Lupe zu betrachten und endlich ſelbſt die Spinnwebe ſchön zu finden, das kleine und große Einmaleins ſeiner Gefühle vorwärts und rück⸗ wärts auswendig zu lernen und ſeinen Freunden vorzu⸗ beten, dieſe Selbſtſucht entſpringt zwar aus Schwäche der ſchöpferiſchen Potenz, aber ſie unterſtützt auch in trauriger Wechſelwirkung dieſelbe fortwährend noch mehr. Wer ſich ſo emſig nach innen kehrt, wird ſeine ſchon geringe Be⸗ obachtungsgabe durch Mangel an Bethätigung entnerven und endlich gar nicht viel mehr wahrnehmen, denn das Wild wird ungeſehn und ungeſtört im Walde ſpazieren laufen, wenn ſich der Jäger damit begnügt, an ſeiner warmen Ofenwand beſtändig nur Fliegen zu fangen.