800 Novellen
Dergleichen Selbſtenthuſiaſten fühlen gewöhnlich unbe⸗ wußt, daß ihnen Thatkraft und Thätigkeit fehlen, und ſuchen dies durch eine ſonderbare Gewohnheit auszugleichen: ſie faſſen lauter enorme Vorſätze, machen Pläne von der weit⸗ zielendſten Berechnung; ſie ſatteln fortwährend das ſchnaubende Schlachtroß, aber ſie reiten es in der Regel niemals, als höchſtens zu ganz kleinen Promenadenritten um den Arbeitstiſch herum.
Wenn nun ein Menſch ſich einmal gewöhnt hat, von hervorragenden Thaten zu träumen, ſo wird er ſich auch zugleich die Ruhmeskränze vorſpiegeln, welche ſeine Stira nach überſtandener Mühe krönen werden. Es bringt dies gleichſam die Oekonomie des Denkens mit ſich, und er ge⸗ winnt beide Vorſtellungen mit einem Schlage. Aber er gewinnt doch endlich nichts als einen trübſeligen Eindruck für ſich und Andere, wenn ſich die Wünſche nicht realiſiren.
Könnte es nun wohl einem jugendlichen Talente ver⸗ argt werden, von einem hohen Streben zu träumen? und könnte man es verurtheilen, weil ſein Erfolg hinter dem vorgeſteckten Ziele zurückblieb? Gewiß nicht! Das erſtere ziert Jeden, der es beſitzt, und das zweite begegnet mehr oder minder Allen.
Wohl aber gewährt es ein peinliches, widerliches Ge⸗ fühl, das liebe„Ich“ jederzeit mit wohlgefälliger Selbſt⸗ beleuchtung in den Vordergrund geſtellt zu ſehn.
Ihr milder Sinn wird es hart finden, wenn ich die hier angeführte Charakteriſtik von Schwächen und Verirrungen auf die Briefe von Heinrich Stieglitz anwenden muß, um ſo härter, da der Genannte nicht nur zu den Unglücklichen, ſondern auch zu den bereits Dahingeſchiedenen gehört.
Jedoch gerade dieſe Offenheit halte ich für das Hu⸗ manſte, weil wir durch ein rückſichtsloſes Aufklären dieſer Erſcheinung auch die Verdienſte um ſo unumſtöß⸗ licher ausſondern. Der unerfreuliche Eindruck einer großen, bunten Aufſpeicherung könnte nur zu leicht die guten Körner unter der vielen Spreu überſehn, und dies mißgünſtige Reſultat käme blindlings zur Ueberlieferung.
Sagen wir es ohne Bemäntelung frei heraus, daß bei dem damals allerdings noch ſehr jungen Stieglitz eine gar merkwürdige Theilnahme gegen ſein eigenes Selbſt ſtatt⸗ fand. Iſt dieſer Zuſtand auch mit einem gewiſſen Grad
»Zeitung.
lächeln, wenn ihn ſo endlos ſeine„Jugendfülle,“ ſein „königlich wallendes Blut“, ſeine ſchön„brauſende Leiden⸗ ſchaft“ beſchäftigt; wenn er das Edele ſeines Innern ſchil⸗ dert, ſeine„reiche Seele“ hervorhebt und ſich endlich der Geliebten gegenüber„Dein herrlicher Jüngling“ nennt. Dieſe unheimlich ſüßen, weichlichen Melodien, mit denen er ſich ſelbſt ein Ständchen bringt, erfüllen in hundert beäng⸗ ſtigenden Variationen die ganze Sammlung. Dieſe um— faßt 900 Seiten, und man kann behaupten, es befindet ſich nicht ein Brief darunter, der durch geiſtesſcharfe Beob⸗ achtungen oder ſonſtige literariſche Vorzüge ein allgemeines objectives Intereſſe darböte oder durch den Reiz leiden⸗ ſchaftlich tiefer oder origineller Subjectivität feſſelte.— Ueber keinen der damaligen geſellſchaftlichen Zuſtände, über keinen Zeitgenoſſen empfangen wir ein wichtiges Ur⸗ theil, wie es auch der Jugend zu geben möglich iſt, und die eingeſtreuten lyriſchen Producte ſind größtentheils nur durch wohlgemeinte Innigkeit und phantaſtiſche Sentimenz von partiellem Werth. So gleicht der Geſammteindruck einem großen Rondo über die Liebe, oder man möchte lieber ſagen, über die Schwärmerei der Liebe, bei welchem ſich der Schlußrefrain bis zum Schwindligwerden des Hörenden wiederholt.
Wir wollen nicht davon ſprechen, wie dieſe excentriſche Ueberſchwänglichkeit einen pſychologiſchen Schlüſſel zum Charakter unſeres orientaliſirenden Dichters bildet, oder wie ſie zum Theil die Tragödie erklären hilft, durch welche jener Bund zweier Herzen irdiſch endigte. Eins wollen wir aber hervorheben: Bei der ſündhaft anmaßenden Sucht der Menſchen, die Handlungen Anderer zu richten, obgleich ſie die Gründe zu denſelben nicht kennen, bei dieſer dummdreiſten Aufdringlichkeit moraliſcher Spießbürger⸗ kritik wird es an voreiligen Perſönlichkeiten nicht fehlen, die ſich von Stieglitzens Gemüth und Lebensanſchauung eine ſehr ungerechte Vorſtellung gemacht haben. Vortrefflichen, welche nach den Folgen des menſchlichen Verhaltens ſtatt nach deſſen Motiven richten, werden aus dieſen Briefen die demüthigende Lehre empfangen, daß der Gang des irdiſchen Schickſals nicht immer parallel läuft mit den reinſten, innigſten Abſichten ſeiner Opfer und noch eine große Frage offen bleibt, zu ſchwer und unnahbar, um vom ſpitzfindigſten Verſtand wie ein ſittliches Rechen⸗
von Naivetät verbunden, ſo muß man doch oft wehmüthig
exempel gelöſt zu werden.
Ueue Erfindung.
Für Dumen.
Metachromatypie,
oder die Kunſt, durch präparirten Farbenüberdruck in einigen Minuten die ſchönſten Bilder auf alle Gegen
verfertigen zu können, z. B. Landſchaften, Bouquets, Thiergruppen, Deviſen, Portraits, Fi berdan ear ber Geloverhiepune en e Arabesken ꝛc. auf Papier, Holz, Leder, Glas, Porzellan, Stein, Metall, achsleinwand, Seiden⸗ und Leinenzeug ic. und zwar ſo, daß dieſelben auf dem Ge⸗ enſtande wie das reinſte Oelgemälde oder ausgelegte Arbeit ausſehen, polirt, lackirt und mit heißem
aſſer gewaſchen werden können, ohne der Farbe zu ſchaden.
Bein, Wachs, Blech, Stoffe,
Ohne Apparate oder Vorkenntniſſe in Wird auch brieflich gelehrt.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in Leipzi
Nebſt einer literariſchen Ex
Es iſt dies eine höchſt elegante Beſchäftigung. einer Leection zu erlernen.
Kunſt⸗Anſtalt der Metachromatypie zu Leipzig. Atelier: Petersſtraße No.
6. 2. Etage.
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Dieſe
uren, Blumenguir⸗
Honorar 1 Thaler.
g.— Druck von Gieſecht& Deprient in Leipzig⸗
trabeilage von Otto Spamer in Leipzig.
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