Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
793
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meine Gattin. Sie ſprechen in einem Tone von ihr, der ſie compromittiren muß. Wir werden uns wiederſehen, wenn ſie Ihren Satz nicht vollenden.

Erregen Sie kein Aufſehen, ſagte Eduard, der ſich zwiſchen beide Männer ſtellte.

Fragen Sie Ihre Gattin nach Joſeph Dorner,

ziſchelte ihm der Rentier in das Ohr,und haben Sie dann noch Luſt, mich zu ſprechen, ſo finden Sie mich in dem

Hötel zur Linde. Nach dieſen Worten trat Dorner raſch in das Innere

des Café's, als ob er ſich den Blicken der Damen entziehen

wollte, die ſich zum Gehen anſchickten und von dieſer kur zen Scene nichts gewahrt hatten. Der Gatte, ein ſchöner Mann von vierzig Jahren, wandte ſich und reichte ſeiner Gattin den Arm. Ortelli führte Agnes. Die vier Per⸗ ſonen verſchwanden in der Menge, die ſich um dieſe Zeit auf dem Platze vor dem Café tummelte.

Eduard ſuchte den Rentier auf; er durchſchritt alle Räume des großen Etabliſſements der, den er ſuchte, war nirgends zu ſehen. Der junge Mann ging zu ſeinem Freunde in der Veranda zurück. Wir begleiten den Rentier, der durch eine entgegengeſetzte Thür auf die Straße getreten war. Dorner war durch die Scene ſo aufgeregt, daß er einige Augenblicke ſtill ſtehen mußte, um wieder Faſſung zu gewinnen. Dann ſetzte er ſeinen Weg in der lebhaften Straße fort. Er lam an den Bilderladen,

vor dem ſtets eine Gruppe neugieriger Beſchauer ſtand.

Die Photographie der ſchwarzen Dame erregte noch immer die Bewunderung der Menge. Dorner fand zufällig ein Plätzchen dicht am Fenſter als er das Bild ſah, verzog ſich ſein Geſicht zu einem bittern Lächeln. Dieſe Eitelkeit! flüſterte er dabei.Man gibt die Erlaubniß, das Mädchengeſicht öffentlich auszuhängen. ch ja, es iſt ſchön, fügte er ſchmerzlich hinzu;ſo ſah Antonie vor achtzehn Jahren aus, dieſelbe Naivetät lag in den reizenden Zügen, die nur Falſchheit und Heuchelei ver⸗

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decken. Hätte ich ſie nie geſehen! Und überall tritt ſie mir entgegen, ſelbſt in dieſer nordiſchen Stadt faſt ſcheint es, als ob meine Erinnerung immer rege bleiben ſollte.

In dieſem Augenblicke fühlte er ſich heftig zurückge ſtoßen. Ein hagerer Mann in ärmlichen Kleidern brach ſich Bahn zu der Glasthür, die er haſtig öffnete und dann raſch in den Laden trat. Durch das Fenſter konnte der Rentier ſehen, wie dieſer Mann mit ſeinem ſtarken Wander⸗ ſtabe nach dem Bilde deutete und den Kaufmann mit Fragen beſtürmte. Dieſer nahm das Bild und zeigte es dem Fremden, der es einige Augenblicke betrachtete und exaltirt an ſeine Lippen drückte. Nun trat Dorner in den Laden, denn für ihn war dieſe Scene von beſonderem Intereſſe.

Der Mann, auf den das Bild einen ſo erſchütternden Eindruck ausgeübt hatte, trug einen grauen, zerriſſenen Rock, den er bis an den langen, hagern Hals zugeknöpft hielt. Sein ſchmales, gelbes Geſicht war von unzähligen Furchen durchzogen. Das ſpärliche, ſtark ergraute Haar hing ſchlicht in den Nacken herab. Kummer und Elend drückten ſich in ſeiner ganzen Erſcheinung aus. Jetzt hielt er das Bild in der zitternden Hand, das er liebevoll be⸗ trachtete, während ihm die Thränen über die eingefallenen Wangen rannen.

O, mein Herr, ſtammelte er in rührenden Tönen, wenn Sie ein Herz in der Bruſt tragen, ſo weiſen Sie mich nicht rauh ab, ſondern ſagen mir, wer dieſes Mädchen iſt. Die Züge deſſelben erinnern mich an eine Zeit, in der ich ſehr glücklich war.

Der Künſtler verſicherte, daß er die junge Dame nicht kenne.

Verlaſſen Sie meinen Laden, fügte er ſtreng hinzu; Ihr Gebahren erregt die Aufmerkſamkeit der Leute, die draußen ſtehen. Ich kann mich nicht länger mit Ihnen beſchäftigen.

Er nahm ihm das Bild aus der zitternden Hand.

fiſch gethan haben würde, und ſchien mit erneuerter Geſchwindig keit dahinzufliegen, und als ſich ſein Kopf für einige Augenblicke über dem Waſſer befand, und er dicht bei einem der im Hinterhalt liegenden Boote vorüberkam, nahm der Harpunier deſſelben die Gelegenheit wahr, eine zweite Harpune nach ihm auszuwerfen. Allein das Geſchoß, obſchon von ſtarkem, kundigem Arme ge⸗ ſchleudert, glitt dennoch von ſeiner glänzenden Seike ab und ward langſam von dem unmuthigen Jäger wieder eingezogen. Dieſer unerwartete Angriff ſchien jedoch das Thier in die tollſte Wuth⸗ zu verſetzen. Heftig vom Riff hinwegſpringend, riß es die erſte Harpune aus ihrem feſten Halt los und ſetzte ſeine Flucht, einen blutigen Streifen hinter ſich laſſend, mit ſo gewaltiger Schnellig⸗ keit fort, daß jeder Gedanke weiterer Verfolgung wegfiel. Auf dieſe Weiſe rettete der alte Burſche ſeinen Speck, und dieSally Ann von New⸗Bedford war um zweihundert Faß Thran ge⸗ t..

Zur Literaturgeſchichte. Die Entſtehung von goethe'sgeſchwiſtern. Unter den Rollen, welche Friederike Goßmann bei ihren

zahlreichen Gaſtſpielen während ihres diesjährigen verlängerten

Urlaubs zu ſpielen pflegt, befindet ſich auch die Marianne in Goethe'sGeſchwiſtern, weil dieſelbe ihrem ganzen Charakter nach aufs beſte geeignet iſt, die künſtleriſche Originalität und naive Liebenswürdigkeit der jungen Dame in ein helles Licht zu verſetzen. Dadurch iſt die Aufmerkſamkeit des Publicums von neuem auf das ſchon faſt vergeſſene Gelegenheitsſtückchen gelenkt

worden, welches, als das dritte im Bunde der ſentimentalen Producte Goethe's neben Clavigo und Stella, von uns ſchon früher einmal vielleicht nicht mit Unrecht eine etwas weichliche und gefühlsſchwelgeriſche, ja ſtellenweiſe ſogar läppiſche Idylle genannt wurde, der eine geſunde und tüchtige Natur nicht ſehr hold ſein kann, und in der beſonders die über eine ſchweſterliche Zuneigung noch hinausgehende Zärtlichkeit Mariannens für ihren vermeintlichen Bruder als ein unreiner Charakterzug zu verurthei⸗ len iſt. Denn man mag ſicherlich zweifeln, ob die Stimme der Natur jemals ſo vernehmlich zum Menſchen ſprechen kann, wie wir hier glauben ſollten. Was die gelegentliche Entſtehungsart derGeſchwiſter anlangt, ſo iſt das Stück, entgegen einer früheren, jedoch viel wahrſcheinlicheren Behauptung, von Schöll (ſ. den Aufſatzzu Goethe's Leben imdeutſchen Muſeum, 1851, Nr. 1) in directen Bezug zur Frau von Stein geſetzt worden, und auch noch der neueſte Biograph unſeres Dichters, Karl Gödecke, folgt, wie wir bei der Lectüre ſeines ſoeben in 2. Auflage erſchienenen Buches(Hannover, Ehlermann) inne wurden, dieſer nicht gehörig zu begründenden Vermuthung. Das veran⸗ laßt uns, die Sache hier nochmals zur Sprache zu bringen. Charlotte von Stein hatte in ihrer Ehe allerdings nicht das ge⸗ hoffte Glück gefunden und fühlte ſich im Innerſten darüber ver⸗ ſtimmt;ſie wähnte Goethe ſelbſt gab es ihr ja zum Angehör der heilige Geiſt des Lebens habe ſie verlaſſen, und ſie wollz freiwillig Verzicht leiſten auf die Freuden dieſer Erde. Doch à wurde alles anders, ſeit unſer Dichter ihr nahe trat.Die Ya ſo konnte ſie wohl an ihn ſchreiben,wird mir wieder li hatte mich von ihr losgemacht, wieder lieb durch S anderthalb Jahren war ich ſo bereit zu ſterben, und