Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
791
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Jahrg.

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Nr. 50.] und ſie Ihnen entgegenführen, ſagte der Mann, nachdem er gegrüßt.

Gut, Kinder, gut! Agnes, Deinen Arm!

Das junge Mädchen reichte dem Greiſe den Arm. Die Geſellſchaft ging den Weg zurück, den ſie gekommen war. Wäre Eduard nicht ausſchließlich mit ſeiner Schö⸗ nen beſchäftigt geweſen, die ſich in dem weißen Kleide noch anmuthiger ausnahm als in dem ſchwarzen, ſo hätte er eine frappante Aehnlichkeit zwiſchen den beiden Damen be⸗ merken müſſen. Aber er hatte uur Aufmerkſamkeit für Agnes, die ſich an den Arm des Herrn Ortelli hing und V fröhlich plauderte. Die Geſellſchaft ging einem neuen, elegauten Hauſe zu, das ſich neben der Promenade erhob. Fünf Minuten ſpäter ſah Eduard ſeine Schöne auf dem Balcon des erſten Stockes, wo ſie ſich ermüdet in einem Seſſel niederließ. Gleich darauf erſchien auch der jüngere Herr; er war im Schlafrock und rauchte gemächlich eine Cigarre. Eduard trat den Rückweg an, als er bemerkte, daß man ihn beobachtete.

Der Banquier Anton Roland war nach dem Beſuche ſeines Correſpondenten aus Zürich ſehr ernſt geworden; dem beobachtenden Sohne, der gern über den alten Ortelli Näheres erfahren hätte, entging die Stimmung des Vaters nicht. Ihm fehlte der Muth, nach dem Schweizer zu fragen, da er bei dieſer Gelegenheit den Punkt berühren mußte, der dem Vater mehr als unangenehm war. Der nächſte Vormittag verfloß. Nachmittags ſchon vor drei Uhr befand ſich Eduard im Café turc. Er brauchte nicht lange zu warten Chriſtoph Ortelli und Agnes er⸗ ſchienen pünktlich, wie immer. Sie nahmen ihren ge⸗ wöhnlichen Platz ein. Das junge Mädchen trauerte nicht

es war heute in lebhafte Farben gekleidet. Beide allein. Der Beobachter glaubte zu bemerken, daß Ortelli heute nicht ſo ernſt, daß er freundlicher und ge⸗

Dritte folge.

muſterte er die Geſellſchaft.

ſprächiger war. Plötzlich trat ein Mann in die Veranda,

ein Muſter von Eleganz und Sauberkeit, trotz ſeines

weißen Haars. Er grüßte und nahm an dem Tiſche Platz, den Eduard gewählt hatte. Seinen Kleidern entſtrömte ein feines Parfüm, daß man hätte glauben mögen, eine Dame befinde ſich in der Nähe. Er ſchlürfte ſeinen Cacao mit einer faſt weibiſchen Zierlichkeit. Nachdem er eine feine goldene Brille auf ſeiner etwas gerötheten Naſe befeſtigt, Die reizende Agnes ſchien ihn zu feſſeln. Himmel, flüſterte er unwillkürlich halb laut vor ſich da iſt ja Ortelli! Eduard hörte dieſen Namen ausſprechen. Kennen Sie jenen Herrn? fragte er ſeinen Nachbar. Ich glaube, ja! antwortete der alte Stutzer.Vor⸗ ausgeſetzt, daß er Ortelli iſt.

Er iſt Ortelli aus Zürich.

Ah, wie ſchön ſeine Enkelin geworden iſt! Ich be⸗ dauere das arme Mädchen!

Warum? Warum? fragte Eduard eifrig.

Daß ſie die Enkelin dieſes Mannes iſt.

Mein Herr, ich intereſſire mich für dieſe Familie

Oder vielmehr für die junge Dame habe ich Recht? flüſterte der Unbekannte.

Nun ja. Ich bitte, theilen Sie mir mit, was Sie von den Verhältniſſen des alten Herrn wiſſen.

Nur dann, wenn ich weiß, mit wem mich ein glück⸗ licher Zufall zuſammengeführt hat.

Eduard nannte ſeinen Charakter und Namen. Fremde war überraſcht.

Sie ſind der Sohn des Banquier's Anton Roland? fragte er.

Ja, mein Herr!

Ich preiſe mich glücklich, Sie kennen zu lernen. Ihnen leiſte ich gern den verlangten kleinen Dienſt. Jener Chriſtoph Ortelli iſt ein räthſelhafter Menſch. Man weiß,

hin

Der

als einige wirbelnde Strudel zurücklaſſend. Ganz wie eine Kano⸗ nenkugel geſunken ſein würde, ſank er vor den Augen ſeiner Ver⸗ folger unter, und als er wieder ſichtbar wurde, war er dicht bei den Kälbern und Nordkapern, mehr als eine halbe Meile von⸗ ſeiner früheren Stelle. Die Boote jedoch, die mit bewunderns⸗ würdiger Genauigkeit ſeinen unterſeeiſchen Weg berechnet hatten, waren ihm ſo ſicher gefolgt, daß ſie ſich nicht weit von ihm be⸗ fanden, als er, einen Waſſerſtrahl mit der Stärke einer Dampf⸗ maſchine emporſpritzend, ſeine bewegungsloſe Lage auf der Ober⸗ fläche wieder annahm..

Mittlerweile hatten ſich die übrigen fünfzehn oder zwanzig Boote in ähnlicher Weiſe beſchäftigt, dunngſemſch aine 3 her Weiſe beſchäftigt, und da nun ziemlich eine Stunde vergangen, ohne daß ein Wechſel imFeſtprogramm eingetreten war, ſo fürchteten wir bereits alle Hoffnung auf eine ergöhliche Jagd aufgeben zu müſſen, als plötzlich der alte Grau⸗

der ſich wiederum geraume Zeit unter Waſſer befunden, chnung diesmal ohne den Wirth gemacht hatte, indem er 6-e2eSor einem der bewegungslos verharrenden Boote auftauchte; und ehe er noch ſeine gefährliche Nachbarſchaft deutlich gewahr geworden, ſaß ihm ſchon eine Harpune im Speck. Ich glaube, er ſprang wenigſtens um ſeinen ganzen Durch⸗ meſſer aus dem Waſſer heraus, und mehrere Secunden lang war ſein ungeheurer Körper nur von der Luft umgeben.(In meiner Reiſe um die Erde beſchrieb ich den ungeheuren Sprung eines Wallfiſches in der Magelhaensſtraße mit beinahe denſelben Wor⸗ ten, und als ich den Brief, der dieſe Beſchreibung enthielt, ſpäter in der AugsburgerAllgem. Zeitung abgedruckt fand, ſah ich eine Bemerkung der Redaction unter dieſer Stelle, worin die⸗ ſelbe ſich dahin ausſprach, daß hier wohl ein Irrthum ſtattfinden

müſſe; dabei war mit Herbeiziehung des Geſetzes vom Falle der Körper dargethan, daß, wäre der Fiſch mehrere Secunden aus dem Waſſer geweſen, ſein Sprung mehrere hundert Fuß betragen haben würde. Dem ſei, wie ihm wolle: ich habe die obenſtehende Schilderung wörtlich aus dem Tagebuche des Lieutenant Habers⸗ ham wiedergegeben. Wallfiſche ſpringen zu Zeiten mehrere Secunden aus dem Waſſer heraus, ſo befremdlich dies auch klingen mag.)*) Dann fiel er mit einem ſo furchtbaren Platſch in's Waſſer zurück, daß es über die ganze Rhede dröhnte und Wellen

ſchlug, auf denen das Boot tanzte, als ob es ſich im heftigſten

Sturme auf offener See befände.

Alle rückwärts! tönte die laute Stimme des Boots⸗ ſteuerers, deren Naſenlaut deutlich den Downcaſt⸗Yankee verrieth, faſt in demſelben Augenblicke zu uns über das Waſſer herüber, als kaum das Eiſen durch die Luft geſchwirrt war.

In der That war es die höchſte Zeit für dieſes Commando geweſen; denn obgleich das leichte Boot wie ein lebendes Weſen faſt um ſeine ganze Länge zurückſprang, ſo hatte es dennoch nicht viel Platz übrig, denn der mächtige Fiſch berührte das Waſſer wenige Fuß von demſelben und ſchwamm dann mit entſetzlicher Schnelligkeit dem tiefen Waſſer zu. Zuerſtgaben ſie ihm Schnur, dannhemmten ſie ihn langſam, und endlich folgten ſie ihm in ſeinem ſchäumenden Fahrwaſſer, indem das Boot, von dem gewaltigen Ruder des Steuerers wie auf einem Zapfen gedreht, ſeinen Cours regulirte.

*) Wir taſten die Gewiſſenhaftigkeit des Autors nicht an, der ſicher lich ſo erzählt, wie es ihm erſchienen iſt. Aber wir theilen die Anſicht der Augsb. Allg. Zeitung aus phyſikaliſchen Gründen ſo lange, bis wir ſelbſt einen Wallfiſch haben aus dem Waſſer ſpringen ſehen. Die Redaction.