Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
788
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Paul trug eine ſchwere Goldkette auf ſeiner ſchwarzen Sammetweſte, koſtbare Ringe an den Fingern und ein Stöckchen mit goldenem Knopfe.

Du ſelbſt? fragte Eduard.

Es iſt ärgerlich, ſeit drei Wochen dieſes reizende Ge⸗ ſchöpf zu ſehen, und nicht zu wiſſen, wer es iſt. Ich werde es heute erfahren.

Aber wie?

Indem ich den Beiden folge, wenn ſie das Café ver⸗ laſſen. Kenne ich ihre Wohnung, werde ich ſchon mehr erfahren.

Eduard's Aufmerkſamkeit war ausſchließlich auf die

junge Dame gerichtet, die in dieſem Augenblicke mit dem alten Herrn ſprach. Paul Münter ſchob ein Lorgnon in die Augenhöhle und gab ſich der Betrachtung der Unbe⸗ kannten hin. MNeue Gäſte kamen. Alle ſuchten mit den Blicken das bekannte Tiſchchen. Die Begleiterin des alten Herrn blieb ruhig und unbefangen, als ob ſie durchaus nicht wüßte, daß ſie der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit ſei. Der alte Herr verlor ſeine freundliche Miene nicht, er trommelte auf ſeiner goldenen Tabatieére und betrachtete die Ankommenden.

Der Tag war ſehr heiß. Plötzlich zeigten ſich die Vor⸗ boten eines Gewitters, das raſch herankam und ſich zu ent⸗ laden begann. Auf dem weiten Platze vor der Veranda ſchäumte und brauſte das Waſſer, Blitze und Donner wech⸗ ſelten ununterbrochen mit einander ab. Es ſchlug vier Uhr auf dem nahen Kirchthurme. Ein Wagen fuhr vor die Veranda. Der alte Herr ſtand auf, und ſtieg mit ſeiner Dame in den Wagen, der davonfuhr.

Ich denke, Du willſt ihnen folgen, Paul? fragte Eduard.

Paul deutete ſchweigend nach dem Regen, der wolken⸗

Novellen⸗

Zeitung.

Wir müſſen bis morgen warten! antwortete er nach einer Pauſe.

Das Gewitter war vorüber. Die beiden Freunde verließen Arm in Arm das Café. Vor einem Schaufenſter ſtand eine Gruppe junger Leute; ſie bewunderten laut ein Daguerreotyp, das ein junges Mädchen darſtellte.

Himmel! flüſterte Eduard.Unſere Dame!

Und wahrlich, ihre reizendeu Züge lächelten in himm⸗ liſcher Anmuth den Beſchauenden entgegen. Die Gruppe vor dem Fenſter ward mit jeder Minute größer. Viele wußten nicht einmal, was die Neugierde eigentlich erregte, denn ſie ſahen nur die Köpfe der Vorſtehenden. Eduard und Paul traten in den Laden des Lichtkünſtlers, der ehr⸗ erbietig nach dem Begehren der Herren fragte. Sie be⸗ zeichneten das Bild und frugen nach dem Preiſe.

Der Mann lächelte und ſprach ſein Bedauern darüber aus, daß er das Bild nicht verkaufen könne.

Was hindert Sie daran? fragte Paul⸗

Ich habe mein Wort gegeben

Ach, das iſt es! Und wem haben Sie Ihr Wort gegeben?

Dem Begleiter der jungen Dame, deren Portrait all⸗ gemein bewundert wird.

Aber zu welchem Zwecke ſtellen Sie das Bild aus?

Es iſt das gelungenſte, das aus meinem Atelier bis jetzt hervorgegangen; Sie begreifen wohl, daß man das Beſte verwendet

Um ſeine Kunſt anzupreiſen.

Mein Herr, fragte Eduard,wer iſt denn jene Dame?.

Ich weiß es nicht. Sie kam mit einem alten en und verlangte ihr Bild. Ich führte die Beſtellung Auf mein dringendes Bitten ward mir die Erlaubnin, Portrait drei Tage auszuſtellen. Morgen iſt die Zeit um,

ſchwarze

bruchartig zur Erde fiel.

und man wird es abholen. Mehr kann ich Ihnen über die

Feuilleton.

Se.

Lord Henry Brougham.

Während es allgemein bekannt iſt, daß Lord Brougham,

der muthige Vertbeidiger der Königin Caroline in dem ſcanda-

löſen Proceß, den ibr Gemahl, Georg IV., gegen ſie einleitete, im engliſchen Oberhauſe in Hinſicht auf die tiefe Kenntniß der engliſchen Geſetze den erſten Rang einnimmt und daß er in Eng⸗ land nicht nur für Geſetzreformen, ſondern auch für die Aufklä⸗

rung des Volkes thätiger gearbeitet hat, als einer ſeiner Zeitge⸗

noſſen; während man in ihm den politiſchen Redner, den uneigennützigen Menſchen und den gebildeten Mann allgemein bewundert, wiſſen nur Wenige, daß der edle 2ord ein ausgezeich⸗ neter Matbemariker iſt, und noch jetzt als achtzigjähriger Mann er wurde 1779 in London oder nach einer andern Angabe in Edinburg geboren ſich mit ſehr glücklichem Erfolg mit den verſchiedenen Zweigen der höhern Mathematik beſchäftigt, Man verdankt ihm einen Commentar über das berühmte und ſchwierige Werk Newton's Philosophiae Naturalis principia mathematica, das nach des Verfaſſers eigenen Worten ſelbſt einem tüchtigen Mathematiker Schwierigkeiten, es ganz zu verſtehen, darbietet, und Lord Brougham hat ſich um das Verſtändniß jenes Werkes

dadurch ein großes Verdienſt erworben, daß er die darin aufge⸗ ſtellten Theorien durch die Formeln der neuern Analyſe klar zu machen wußte. Während der erwähnte Commentar nur für den eigentlichen Mathematiker vom Fach beſtimmt iſt, ſind in der neuern Zeit zwei Reden von dem edlen Lord veröffentlicht worden, die auch in's Franzöſiſche überſetzt worden ſind, die ein allgemei⸗ neres Intereſſe haben. In der erſten derſelben ſpricht

über die Volks⸗Literatur aus; die zweite hat er bei weihung der Statue Newton's, die ihm zu Chren Geburtsorte geſetzt worden iſt, gehalten.

In der Rede über Volks-Literatur bekämpft Lord Brougham die Behauptung, daß ein wenig Wiſſenſchaft etwas Gefährliches ſei, wobei er ganz richtig bemerkt, daß es etwas weit Gefähr⸗ licheres als ein wenig Wiſſenſchaft gebe, und zwar ſei das eine große Unwiſſenheit. Er citirte dabei das alte engliſche Sprüch⸗ wort: Beſſer ein halbes Brod als gar kein Brod. Auf den Einwurf, daß unſre Schritte in dem Halbduntel ſehr unſicher

ſeien, antwortet er:Wagt man weniger, wenn man in einer vollſtändigen Finſterniß einherſtolpert? Zugleich zählt er die nützlichen und wohlfeilen Flug⸗ und Zeitſchriften auf, die von ihm und ſeinen Freunden in's Leben gerufen worden ſind und die

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