Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
783
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a Koſen, n!

en des Verfaſſers zlasfenſter, nich liche Hauskapelle,

untag. 9, 3.

man ſelbſt Leut Gegenſtande ver⸗

igt Es wird en igt vermag.

von

Otto Banck.

Das literariſche wußtſein der Nation und ſein Erwachen bei Gelegenheit der Schillerfeier.

Jemand, der, wie ich, außerhalb der deutſchen Grenzen, da, wo ſich in den mächtigen Gebirgen unſere Stämme verlieren, Gelegenheit hatte, den erfreulichen Aufſchwung zu ſehn, welcher an Schiller's hundertjährigem Geburtstage ſeinen geiſtigen Wogenſchlag über halb Europa, ja ſogar bis nach transatlantiſchen Culturvölkern hin verbreitete, der muß um ſo lebhafter von dieſem großartigen Schau⸗ ſpiele bewegt werden, da er es gleichſam aus der Vogel⸗ perſpective in ſeinem ganzen Umfange überſieht.

Während ich dies ſchreibe, haben ſicherlich ſchon viele Autoren Betrachtungen darüber angeſtellt, wie verſchieden unſere Gegenwart von jeder früheren Zeit iſt, in welcher es nicht möglich geweſen ſein würde, Deutſchland zu einem ſo allgemeinen Feſt aufzurufen, durch deſſen Feier ſich nicht nur die gebildeten Mittelſtände, ſondern auch die vornehmſten Kreiſe und die Fürſten ſelbſt ehrten. Auch wollen wir, wie ſchon Andere gethan haben, den unbeſtreitbaren Segen nicht weiter erörtern, den es bereiten muß, unſer gemein⸗ ſames Vaterland bei einer erhabenen Veranlaſſung wenig⸗ ſtens einmal einig daſtehen zu ſehen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſes Erwachen eines literariſchen Bewußtſeins auch ein politiſches Bewußtſein anregen muß, eine wohl⸗ thätige, veredelnde, ſittliche Kraft im Geiſte der Ordnung und des Geſetzes, eine Schutzwehr ſowohl gegen über⸗ müthige Nachbarn als gegen willkürliche Ruheſtörer im Innern, eine feſte Gedankenburg der Aufklärung, von der e unſittliche Schwachköpfe oder gewaltthätige Specu⸗ lanten wünſchen können, daß ſie zu ihrem Vortheil unter⸗ drückt werde.

Laſſen Sie uns dies Alles als eine vollendete That⸗ ſache anerkennen. Wohl aber wird es an der Zeit ſein, daran noch einige andere Hoffnungen zu knüpfen.

Deutſchland hat beim Schillerfeſte nicht allein perſön lich ſeinem Liebling und einem ſeiner erſten Dichter gehul⸗ digt, ſondern es bat in dieſer Huldigung der Literatur überbaupt ſeine Achtung dargebracht. Es iſt ſich darüber klar geworden, daß die unermeßliche Macht der Literatur die Hauptbahnbrecherin aller höchſten Cultur und alles Bildungsruhmes iſt. Was wären die Juden und Griechen, ja, was wären wir, ihre Geiſteserben, wenn man jenen Völkern all' ihre Helden und Staatsmänner ließe und könnte ihnen aus der Geſchichte ihre größten Schriftſteller wegſtreichen? Es bliebe nur eine Glanzherrſchaft geordneter Barbarei übrig, und ſelbſt das Chriſtenthum hätte ſtatt des fruchtbaren Bodens humaner Intelligenz ein ſteiniges Ackerland geſunden.

Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß der Begriff Lite⸗ ratur im weiteſten Sinne zu faſſen iſt, denn ideal⸗trans⸗ ſcendente und real⸗naturforſchende Philoſophie, ſo wie Ge⸗ ſchichtſchreibung ſind in ihren erſten Anfängen nur Töchter der Poeſie, welche mit der Zeit majorenn geworden ſind und ihren eigenen Haushalt bewirthſchaften.

Ebenſo iſt es überflüſſig zu erwähnen, wie alle bildende

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ihre Seele von der Poeſie empfangen, denn wir nennen in ihnen nicht vergebens allen lebendigen Mittelpunktpoe⸗ tiſch. Solche Erkenntniſſe ſind theoretiſch von Tauſenden gefühlt und begriffen worden, aber man hat ſie ſich ſo recht umfaſſend und lebendig erſt durch eine allgemeine feierliche Rückerinnerung an einen Genius realiſirt, in deſſen Wirken ein welthiſtoriſcher Einfluß des literariſchen Segens gleich⸗ ſam als Canon daſtand. Begreift unſer Volk inſofern die ernſte und weihevolle Stellung, welche die Literatur als die höchſte Beratherin der Civiliſation einnimmt, ſo wird es auch den Stand der Schriftſteller mit achtungsvolleren, aber zugleich auch mit ſchärferen Blicken anſehn.

Und zwar mit ſchärferen, unterſcheidenden Augen zu⸗ nächſt, indem es aus der großen Maſſe der Autoren die⸗ jenigen abzuſondern ſucht, welche mit ſittlicher Würde und reiner Begeiſterung für ihre Ideen in die Schranken treten. Man antworte uns nicht, daß dies ſchwer zu erforſchen ſei. Das redliche Streben wird ſich gar bald durch die über⸗ zeugende Sprache der Wahrhaftigkeit, durch heiligen Eifer für das Edle und Schöne und durch den Fleiß der Cor⸗ rectheit kenntlich machen. Wer von dieſem Standpunkte aus als Schriftſteller ſeine Lebensthätigkeit daran ſetzt, in irgend einer Sphäre, groß oder klein, der Sittencultur zu dienen, der verdient es, von der dankbaren Nation als ein Miſſionär der Bildung gewürdigt zu werden.

Die Nation kann aber auch von einem ſolchen Schrift⸗ ſteller getroſt verlangen, daß er in Schiller's Beiſpiel ſein Muſter ſehn ſoll, denn er wird unwillkürlich dieſem groß⸗ artigen Vorbilde nach Verhältniß ſeines Talentes und Faches ähnlich zu werden ſuchen.

Er wird ſich frei erhalten von der modernen Anmaßung der Vielſeitigkeit, die ſich in Alles miſchen will, um ſich ein größeres Publicum zu gewinnen, die aber in Wirklichkeit nichts weiter als oberflächliche Halbheit erobert. Er wird ferner die Vielſchreiberei fliehen und den materiellen Glauben von ſich ſtoßen, daß es nöthig ſei, womöglich jedes Jahr mit einem oder gar zwei neuen Bänden hervor⸗ zutreten. Es laſſen ſich keine Geſetze über die individuell ſo ſehr verſchiedene Productionskraft der Geiſter aufſtellen; aber ein ſolches Beginnen häufiger Edition iſt nicht nur zum Allermindeſten höchſt verdächtig, ſondern das Volk kann darin in den meiſten Fällen getroſt nichts weiter als eine durch Eitelkeit aufgeſtachelte, künſtlich übertriebene Fruchtbarkeit erkennen, die mehr oder weniger in Bücher⸗ macherei ausartet.

Wer dies leugnen und dem Publicum weiß machen will, es ſei ſein wirklicher, natürlicher Drang, welcher ihn zwänge, ſo viel zu produciren, der fühlte nie, was es heißt, ſeine Werke ſo weit zu vollenden, als es die perſönliche Kraft geſtattet. Er will die Qualität durch die Quanti⸗ tät erſetzen, als ob eine Heerde Ochſen nützen könnte, wo ein Stück Tafelbouillon fehlt!

Schiller kannte, wie kaum ein Anderer, den Begriff Vollendung mit all' ſeinen Conſequenzen ernſter An⸗ ſtrengung. Es iſt wahr, ſein leidender Körper hinderte ihn beſonders in der letzten Periode weſentlich in ſeiner Thätigkeit, und er würde vielleicht binnen den fünfund⸗

zwanzig Jahren ſeiner eigentlichen Arbeitszeit mehr als

zwölf Bände geſchrieben haben, wenn er ſtets geſund ge⸗

Künſte, unmittelbar ſogar die Muſik, ihren Ideenkreis und

weſen wäre.