Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
784
Einzelbild herunterladen

Aber welcher Schriftſteller, ja überhaupt welcher Menſch, der ſich fortwährend aufreibenden geiſtigen Stra⸗ pazen hingibt, iſt überhaupt ſtets geſund? Waren es ſeine Vorfahren, ſeine Zeitgenoſſen? Sind es die Neueren? Nur wenige Ausnahmen ließen ſich aufzählen, und alle Uebrigen haben mehr oder weniger mit einer erſchütterten phyſiſchen Natur zu kämpfen. Würde ſich außerdem Jemand zu be⸗ haupten getrauen, Schiller habe eine ſpärlicher fließende Schöpfungskraft beſeſſen, als ſo manche moderne Dichter? Ohne Frage nahm er es mit allen auf, und es würde ſeinem Geiſt leicht geworden ſein, über doppelt ſo viel Themen intereſſante Werke zu liefern, als er uns gegeben hat. Es müſſen alſo ganz andere Gründe geweſen ſein, welche das Volumen der Schillerſchen Schriften beſchränkten.

Sie ſind achtbarſter Natur und zeigen ſich eben in jenem vorerwähnten Triebe nach möglichſter Vollkommen⸗ heit in der Arbeit. Außerdem aber erklären ſie ſich durch das Geſammtſtreben jenes Mannes ſelbſt. Wer nämlich ſtets etwas Bedeutendes, Gewaltiges, Bahnbrechendes auf

Novellen⸗ Zeitung.

[V. Jahrg.

um den ſeinigen unbekümmert durfte er überzeugt ſein, daß dereinſt kein aufrichtig kämpfender Genius vergeſſen wer⸗ den wird, gleich iel, ob der Welt über ihn auch erſt lange nach ſeinem Tode die Augen aufgehn. Die Literaturgeſchichte wird zwar im figürlichen Sinne vom kurz athmigen Ge⸗ ſchlecht des Tages geſchrieben, aber das Urtheil der Jahrhun⸗ derte revidirt und ergänzt ſie und vertheilt die Palmen ohne Rückſicht, ob eine Leiſtung geftel oder unbemerkt blieb. Freilich gehört Selbſtverleugnung dazu, um ſich über die Möglichkeit eines ſolchen Geſchicks zu tröſten und zu erheben. Aber wer Größe und Aufrichtigkeit in ſich trägt, wird in der Begeiſterung für ſeine Miſſion dieſe Selbſt⸗ verleugnung zu finden wiſſen. Wer es nicht vermag, dem geht ſicher an wahrhafter Bedeutung des Geiſtes und Charak⸗ ters ab, was er an Eitelkeit und zeitlichem Ehrgeiz beſitzt. Laſſen Sie uns mit dieſen Bekenntniſſen und Hoff⸗ nungen an ein Feſt zurückdenken, das erſt wenige Wochen hinter uns liegt und von welchem ich vorher ſagen möchte, daß es ſich in hundert Jahren mit demſelben Glanz wie⸗

der Seele hat, das er darthun möchte, der wird auch eine mächtige Kraftanſtrengung und einen großen Zeitaufwand gebrauchen, um den inhaltſchweren Stoff zu bewältigen und durch ſchöne Form zur Verklärung und zum wirk⸗ ſamen Ausdruck zu bringen. Es geht raſcher, eine ganze Stadt von leichten Häuſern und Häuschen, als eine einzige Akropolis zu bauen, welche jenes Schachtelwerk um Jahr⸗ tauſende überdauert.

Schiller wählte faſt nur Stoffe von ewiger Jugend, indem die meiſten den fortwährenden Kampf des Lichtes gegen die Finſterniß verwirklichen. Um dieſe der allge⸗

meinen Menſchheit zugehörigen Fragen zu löſen, mußte er

ſeine Gedankenwahrheiten vom Speciellen auf's Allgemeine zurückführen und ſich in die Tiefen der Philoſophie ver⸗ ſenken. Es freute ihn, wie es jeden Schaffenden freuen wird, ſchon bei Lebzeiten von der Mitwelt anerkannt zu werden, aber er brachte der Oberflächlichkeit der Maſſen oder dem herrſchenden Zeitgeſchmack keinerlei Opfer, um dieſes Ziel zu erreichen. Sache zu dienen, nur um ihren Ruhm war er beſorgt und

Es kam ihm nur darauf an, der

derholen wird, ſobald Deutſchland mit ewig verjüngender Kraft in ſich zu Fleiſch und Blut werden läßt, was Schil⸗ ler ihm mit ſeiner Stimme der Liebe und Männlichkeit in all' ſeinen Werken zugerufen. Es iſt die Mahnung zu ffeſter Einheit und ſittlicher Freiheit und das treue Aus⸗ harren in allem Streben nach veredelnder Aufklärung. Hierin leuchtend voranzuſchreiten ziemt beſonders den Erwählten, welchen Geiſt und Talent gegeben ſind, um den Fortſchritt der Bildung zu leiten und das Wohl der Nation durch die ſiegende Macht des öffentlichen Wortes zu fördern. Dem Volke ſelbſt aber möge es Pllicht wer⸗ den, ſeine rechten Lehrer von den falſchen abzuſondern und

alle jene unbeachtet zu laſſen, die pikanten Seichtigkeiten

und müßigen literariſchen Geſchwätzen hingegeben Würde des Schriftſtellerthums durch ſelbſtiſche 3 weihen. Wenn die Nation, und zwar wieder, wie dees immer nöthig iſt, geleitet von aufrichtigen öffentlichen Stimmen der Einſicht, jenen unſoliden Geiſtern ihre Be⸗ achtung entzieht, ſo werden die edelen Kräfte der Literatur

V auch des irdiſchen Segens nicht entbehren.

Allgemeiner Anzeiger.

Bei Fr. Bartholomäus in Erfurt erſchien ſo eben die: 29. Auflage A der beliebten p 8 8 S 8 Schlummerpolka

ach, ich bin ſo müde, ach, ich bin ſo matt!

für Geſang mit Begleitung des Pianoforte oder der Guitarre

pon Ernſt Zeyer.

Preis 5 Ngr. oder 18 Xr. rhn.

Dieſe originelle Compoſition, die binnen Jahresfriſt 29 Auflagen erlebte, empfehlen wir allen Klavierſpielern. Der Ge⸗ ſang iſt nur obligat, es kann alſo die Polka auch ohne dieſem(alſo

für Pianoforte allein) executirt werden.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr ir

In Paris erschien und wird durch Alphons Dürr in Leipzig debitirt:

Les Grotesques de la Musique

par Hector Berlioz-

1 beau vol. in-12⁰°. 1 Thlr.

Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen:

Lamartine, Histoire des Girondins. 2 Vols.

Elegant gebunden. Preis 3 Thlr. 5 Ngr.

Longfellow, Complete Works. 2 Vols. Mit Portrait. Elegant gebunden. Preis 3 Thlr.

Verlagsbuchhandlung von Alphons Dürr in Leipzig.

n Leipzig. Druck von Gieſecke& Deprient in Leipzig.

Nebſt einer literariſchen Beilage der C. F. Winter'ſchen Verlagshandlung in Leipzig.