Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
782
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1

Meines Lebens nie ein Stündlein Dein mein Herz vergeſſen mag, Hold gemahnt ſchon unſer Kindlein

Deiner Augen jeden Tag.

O lebwohl, lebwohl auf immer, Mit Dir ſinkt ein Paradies, Einer Traumwelt goldner Schimmer, Der mich, kaum beſtrahlt, verließ.

Doch wen je erfüllt mit Grauſen, Des Vulcanes Wuth zu ſchaun

Wird der ſeine ſtillen Klauſen Wieder an den Krater bau'n?

Verrathen! (Aus dem Engliſchen des Hood.)

Die Todten ruh'n im ſtillen Grab, Vom Thau bethränet kalt und klar, Und Menſchen ſeufzen ſtumm hinab Um Staub, der einſtmals Liebe war.

Einſt weint' ich um die Todten nur, Um Menſchen jetzt und Menſchentreu' Wie mocht'ſt den Thränen mich entzieh'n, Den Thränen mich zu weih'n aufs Neu'?!

Lieb Mütterchen der Raſen deckt, Wie wird ſie tief und ſelig ruh'n! Einſt wünſcht' ich, daß ſie uns geſeh'n Doch iſt's ihr beſſer unten nun!

Löſt' geſtern meiner Locken Nacht, Und fand ergraut ſie heute früh, Sie, einſt ſo ſchwarz und heißgeliebt;

Du wechſelteſt und ſo auch ſie!

Die Locke, die im Wahn ich einſt Dir ſandt', ein treu Eriun'rungspfand, Gab lächelnd ich doch dieſe, ſend' Gerauft ich von Verzweiflungshand!

Noſen. (Aus dem Engliſchen des Hood.)

»S war nicht in Winterstoſen, Da wir uns erſt geſeh'n, Es war die Zeit der Roſen

Wir pflückten ſie im Geh'n.

Der Minne ſich zu weihen, Hegt Winter träg' Gelüſt; Es war im Schmuck der Maien, Da wir uns erſt geküßt.

»S war Dämmrunglaß vom Koſen, Geh', bat ich..... eitles Flehn!

Es war die Zeit der Roſen Wir pflückten ſie im Geh'n!

Terrain berührt, ſo wird der geringſte Schweizerdichter geſund und genießbar, der unſere findet ſogar hin und wieder eine Art Gedanken, es zeigt ſich Kraft und mit ihr auch ein wenig Schwung, kurzum die miſerablen Anſprüche der meiſten Leſer werden zufrieden geſtellt.

Dieſe Beobachtung hat für uns etwas Beſchämendes, denn bei deutſchen Dichterchen findet faſt immer der umgekehrte Fall ſtatt. Ihr bischen Force beſteht in Schilderung ihrer Privat⸗ intereſſen mit rhythmiſcher Regiſtrirung ihrer Liebesſeufzer, denn ſie leben als Rentiers vom Capital ihrer Sentiments. Wo ſie auf patriotiſche Fragen ſtoßen, da kommt ihre Schwachheit erſt recht heraus, und ſie werden hölzern oder excentriſch. Es iſt natürlich, denn wenn man die Sache ſelbſt noch nicht gefunden, wie will man gar die Poeſie darin finden! O. B.

Aus den Papiereneiner Tochter Jung⸗Stillings. Barmen, Langerwieſche's Verlagshandlung. 1860.

Jung⸗Stilling iſt in der Literatur eine vollkommen gewür⸗ digte Erſcheinung, und wenn ſich auch in ſeinen Schriften ſtets eine beabſichtigte Tendenz und große Mattigkeit an poetiſcher Erfindungskraft in den Vorgrund drängt, ſo haben doch recht ſpecifiſch chriſtliche Gemüther an der Reinheit der Moral ihre Freude.

Die Anhänger dieſer fromm dogmatiſchen Literaturrichtung werden in dieſem Bändchen manche Ausſprüche und Briefe Jungs finden, die ihnen neu und lieb ſein inüſſen, denn alle bekräftigen auf eine rührende Weiſe die Kraft ſeines Glaubens und Innigkeit des Gemüths. Nicht minder iſt für dieſe Verehrer das mannig⸗

fache Erzählende intereſſant, welches über die edlen geläuterten!

Familienverhältniſſe und über das häusliche Leben des Verfaſſers Licht gibt. 3 Man blickt wie durch bunte gothiſche Glagfenſter, nicht

ſowohl in ein Bürgerhaus, ſondern in eine friedliche Hauskapelle,

und drinnen iſt bei aller Arbeit doch ewiger Sonntag. O. B.

Miscellen. Worte für Welt und Haus.

Will man irgend etwas gern hören, fragt man ſelbſt Leute um ein Ja, die gar nichts vom betreffenden Gegenſtande ver⸗ ſtehen.

Was du als eine überzeugende Wahrheit in dir fühlſt, ohne es doch zur Zeit genügend motiviren zu können, ſprich einfach aus. Ein ſchlechter Beweis ſchadet der guten Sache nur, wie ein

ſchiefes Poſtament eine ſchöne Statue beeinträchtigt. Es wird ein

Anderer kommen, der die Gründe klar darzulegen vermag⸗

Der Ungefällige, Egoiſtiſche iſt ſcheinbar um Eins zu benei⸗ den: er macht nie die Erfahrung der Undankbarkeit. Eine wirklich große Natur wird freilich dadurch nicht bedrückt, denn ſie rechnet nicht auf Dankbarkeit. Sich über dieſelbe zu freuen, iſt erlaubt und gut, wofern dies aus dem Antheil an etwas edel Menſchlichem entſpringt; jedoch auf Dankbarkeit zu warten, zeigt einen Krämerſinn, der ſeine Wohlthaten eigentlich verkaufen möchte. 6.