Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
777
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V. Jahig.

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Die Stadt iſt unermeßlich. Sie zählt zwei Mil⸗ lionen beſchäftigter Arme und hat an zwei Millionen Magen zu ernähren. Mit einem Schlage erwacht Alles und erhebt ſich mit und ohne Gebet und eilt zu den Ge⸗ ſchäften. Jeder will ſein Brod erringen. Er konnte nicht mehr beten; er hatte keine Arbeit als ſeinen Schmerz und ſeine Gedanken.

Er ſah dieſe ungeheuren Maſſen täglich ſich bewegen. Sein Ohr horchte dem wüſten Gewirr der Stadt. Sein verglaſtes Auge folgte dem gewaltigen Schritt jenes Lon⸗ doner Volkes, das einen Tragkorb auf dem Rücken und eine Krone auf dem Haupte trägt, das in der einen Hand den Scepter, und in der anderen ſein mannigfaltig Hand⸗ werkszeug trägt. Er allein war unnütz, arm, verachtet, für ihn gab es keinen Gewinn; der Arme hatte nicht ein⸗ mal ein Recht auf einen Platz im Gefangenhauſe oder im Hospital. Ihm wäre wohl geweſen, man hätte ihn nach Kingsbench geſchickt. Aber die Herren wußten, daß eben das ihre ſchlechteſte Speculation geweſen ſein würde.

Früher hatte er gehofft, für den eintretenden Nothfall, aus ſeinen Kenntniſſen Vortheil zu ziehen. Aber was er in London von den Wiſſenſchaften geſehen, hatte ihn ge⸗ blendet. Welch eine Maſſe von Wiſſen gibt es in London! Sie verſtehen Alles in dieſen Mauern. Sie haben den Dampfkeſſel und die Eiſenbahn erfunden; ſie ſind mit gleichem Geſchick und Stolz die beſten Akademiker und Schmiede. Sie überſetzen das Sanskrit wie das Chine⸗ ſiſche. Sie haben das Maſchinenbrod und die Kunſt lange zu leben erfunden. Die Londoner Bevölkerung iſt ein Ge⸗

hlecht von Erfindern. Und Du wollteſt gelehrt ſein, armer Berbannter! Schon ſind ſeine ſonſt ſo blühenden Wangen vom

Dritte folge.

Hunger gebleicht, ſchon glänzt ſein Haar unordentlich und

wild um die Schläfen; denn die Schönheit wird durch den Mangel eher als durch Ausſchweifungen entſtellt. Es glückte ihm kein einziger Gedanke mehr, nicht einmal Nachts in ſeinen Träumen. Seine ſchönſten Luftſchlöſſer waren eingebrochen und ſeine patriotiſchen hohen Wolkenmauern waren zuſammengeſtürzt. Sein Geiſt wurde irre und ſein Körper war der Auflöſung nahe.

Wenn ein junger Mann in fremden Landen bis zu dieſem Punkte der Verlaſſenheit und des Unglücks gebracht iſt, daß er auf Alles verzichtet, ſo muß er entweder ſterben, oder durch Tollkühnheit oder Zufall die Hinderniſſe be⸗ ſiegen!

Auf dieſem Punkte ſtand der Verbannte, als er den letzten Entſchluß faßte, einen Entſchluß, den nur die kalte Verzweiflung eingibt, die ſo viele Schlachten gewonnen, ſo viele unglückliche Ehen geſtiftet, ſo viele Selbſtmörder zum traurigen Ziele geführt hat.

Der Verbannte ging in ein Werbhaus.

Kennen Sie, geehrte Leſer, ein engliſches Werbhaus? Denken Sie ſich darunter nicht etwa eine Art geheimer Spelunken und Diebeshöhlen, wie man ſie noch zu Anfang unſeres Jahrhunderts in Deutſchland in vielen großen Städten entdecken konnte. Außer dem Abſchaum der Menſchheit, der ſich freiwillig einfand, lockte man auch ehr⸗ liche Menſchen mit Liſt und Gewalt hinein, um ſie wie ge⸗ ſtohlene Waare bei Nacht und Nebel, oft in Ketten und Banden, in verſchloſſenen Wagen an den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung zu führen.

Gewöhnlich waren es Feſtungen, aus denen ſie leben⸗ dig nicht wieder herauskamen, wenn ſie nicht deſertirten, und das war ein Wagſtück. Ein Kanonenſchuß zeigte ſofort der Umgegend an, daß ein ſolcher Selav, nach Frei⸗ heit ringend, ſeine ſchmählichen Ketten zerbrochen und das Weite geſucht hatte. Daun begaun die hölliſche Parforce⸗ Jagd. Bauern mit Spießen und Stangen wie zum Treib⸗

Kreuzes. In der That fand man in der Kiſte eine kleine Platte, eine Palme lang, deren eine Seite durch die Zeit beſchädigt war. Auf dieſe Platte waren folgende Worte gegraben und roth bemalt: Hiesvs Ivdaeorvm Nazarenvs Rex.

Das Wort Ivdaeorvm war nicht ganz, es fehlten die erſten Buchſtaben, da die Platte, wie geſagt, durch die Zeit abgenagt war. Auf die Nachricht von der Entdeckung eilte die ganze Stadt zum heiligen Kreuz. Papſt Innocenz kam ſelbſt und befahl, die Aufſchrift in der Kiſte zu laſſen, wo ſie war, und geſtattete nur, dieſelbe am Feſttage der Baſilika auf dem Hauptaltar auszuſetzen. Es blieb für Niemand zweifelhaft, daß dies die wahre Aufſchrift ſei, welche Pilatus auf das Kreuz unſeres Herrn Jeſu Chriſti ſetzte, und daß nach einem ſehr alten Brauche die heilige Helena dieſelbe an dieſem Orte hinterlegt hatte, zur Zeit, da die Kirche

rrichtet wurde.

Ein Theil des wahren Kreuzes, an welchem Chriſtus ge⸗ utet, und dieſe Inſchrift, welche der heidniſche Beamte darauf

heftet, ſind zwei Schätze, welche dieſe Baſilika zu einem der ehrwürdigſten Monumente des chriſtlichen Curopas machen

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G. Aus der Natur. Aurora Australis.

Das Jahr 1859 iſt nicht nur in politiſcher Beziehung, ſon⸗ dern eben ſowohl durch Naturerſcheinungen ſehr merkwürdig geworden. Selten haben ſich in einem Jahr ſo viele und ſo großartige Nordlichter wie dieſen Herbſt bei uns gezeigt, die ſogar in Paris und Rom bemerkt und bewundert wurden. Stürme,

wie ſie ſich Ende Oct. und Anfangs Nov. einfanden und die ſo ſchreckliche Verheerungen anrichteten, hatte man ſeit mehr als zwanzig Jahren nicht erlebt. Intereſſant iſt es zu erfahren, daß der Magnetismus auf der ſüdlichen Hemiſphäre unſrer Erdkugel ſich in der Aurora Australis oder dem Südlichte eben ſo bemerkbar machte, wie bei uns in der Aurora borealis oder dem Nordlichte. DerMelbourner Deutſchen Zeitung vom 9. Sept., die uns vor⸗ liegt, entnehmen wir folgende anziehende Beſchreibung der Aurora Australis. Dieſe herrliche, Auſtralien eigenthümliche Naturerſcheinung zeigte ſich in vergangener Woche zweimal in Melbourne, nämlich am Montag(29. Aug.) und Freitag(2. Sept.) Abends. Profeſſor Neumayer beobachteke vorher ſchon Störungen der magnetiſchen Nadel, die während des Phänomens oft ſo bedeutend waren, daß exacte Leſungen der Inſtrumente ſchwierig wurden. Am Montag Abend, kurz nach Eintreten der Dämmerung, erſchienen die Wol⸗ ken des Südhimmels roſig gefärbt, und gegen ſieben Uhr zeigte ſich eine glänzende Aurora mit rothen, breiten Streifen bis zur Höͤhe von 50 bis 60 Graden. Gegen halb acht Uhr war ein großer Bogen von weißem, mildleuchtendem Lichte bemerklich, der

ſich über der am Horizont lagernden Wolkenſchicht ausbreitete und von beiden Seiten mit amarant⸗rothen breiten Streifen der Aurora, die gleich dem Wiederſchein einer ſtarken Feuersbrunſt leuchtete, eingefaßt war. Die Aurora war deutlich von dem Zo⸗

diakallichte zu unterſcheiden; und was der Erſcheinung noch einen

beſondern optiſchen Reiz verlieh, war, daß die Sterne weit bril⸗

lanter zu leuchten und größer zu ſein ſchienen, als gewöhnlich. Die größte Lichthelle zeigte ſich kurz nach acht Uhr in Südweſten; gegen halb neun Uhr dehnte ſich ein roſiger Bogen von Oſten nach