Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
776
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ſich dem ſüßeſten Liebeszauber hingeben, ſeufzen und wei⸗ nen, weiße Hände und braune Locken küſſen, und Menſch ſein, ohne Gefahr ein Thor genannt zu werden. Ach, wie oft iſt man im Traume, wenn ſonſt auch nicht, glücklich!

Drum ſchlafe, armer Verbannter; ſchlafe, junger Mann, und träume Dich glücklich. London iſt für Dich ein trau⸗ riges Erwachen.

Aber er träumte kurz und erwachte früh, und bei ſeinem Erwachen ſtand jene Dirne an ſeinem Lager, die man das Elend nennt. Das Elend war von nun an ſein beſtändiger Begleiter; es führte ſeine vertrauteſten Freunde, die Ver⸗ laſſenheit, die Entmuthigung, die Verzweiflung, bei ihm ein. Hohnlachend zeigten ſie ihm allen Prunk der Welt⸗ ſtadt, die vorüberrollenden Karoſſen, wie ſie ſeine Eltern gehalten, die heiteren, wohlgenährten Menſchen, die ſchönen, geputzten engliſchen Frauen, von denen er eine geliebt hatte, die glänzenden Laden, das Laſter in aller Blöße an den Straßenecken. Sie ſaßen am folgenden Abend ſchon mit ihm in der Vorſtadt Pimlico in einem Mitteldinge von Kneipe und Herberge zu Gaſte. Sie theilten ſein Brod mit ihm, welches er am Tage für ſeine um einige Thaler ver⸗ ſetzte, entbehrliche Wäſche gekauft hatte, und von dem er ſeuf⸗ zend auf einer einſamen Bank im Greenpark ſein Mittags⸗ mahl gehalten. Sie ſaßen ſpäter an ſeiner Seite, Tag und Nacht, unter Gottes freiem Himmel, als es für ihn keine Wohnung und keine Menſchen mehr gab.

Wie oft hatte ihm ſeine Mutter geſagt: Fürchte das Laſter! Wie oft hatte ſie ihn gewarnt: Meide böſe Geſell⸗ ſchaft, mein Sohn! Wo war das Laſter, wo ſind die böſen Geſellſchaften, wo die Verſchwendung und die Diebeshöh⸗ len in London? Wohl ging er Straße auf, Straße ab, wohl weilte er an den Straßenecken und ſtreifte Nachts an dunkelen Mauern vorüber er war eine Beute, die das Londoner Laſter verachtete, die Betrüger mochten ihn nicht betrügen.

Man achtete nicht einmal ſoviel auf ihn, um ihn zu be⸗

Novellen⸗Zeitung.

[V. Jahrg.

ſtehlen. Ja, eines Abends, als er ſich eben halb ver⸗ hungert oder von ſeinem Grame ſatt im Greenpark zu einem kurzen Schlummer auf eine Steinbank niedergelaſſen hatte, deckte ihm ein vorübergehender Taſchendieb das ent⸗ fallene ſeidene Tuch, nachdem er es lange betrachtet, zum Schutz gegen den Nachtthau über das Geſicht. Man kann nicht elender ſein, als es der Verbannte war!

Als ihm zuletzt nichts mehr übrig war zum Verkaufe, zum Verpfänden da hatte er ſchon Nächte hinter einan⸗ der in einer verlaſſenen Bude im Parke Obdach geſucht. Fieberfroſt ſchüttelte des Morgens die abmagernden Glie⸗ der wach. Es waren unter allen die ſchrecklichſten, dieſe Morgenſtunden, die er meiſt wachend auf ſeinem harten Lager verbrachte. Dort dachte er unter zuckenden Schmerzen, umſchwirrt, betäubt vom erwachenden Geräuſch der Hauptſtadt, mit Gefühlen, die ſpäter ſeine Feder zu ſchildern ſich weigerte, an die Gegenwart und die ſo nahe noch hinter ihm liegende glückliche Vergangenheit. Von einer Zukunft hatte er faſt jeden Begriff verloren, da es ihm an Erfahrung, die er erſt aus ſpäteren Prüfungen ge⸗ winnen ſollte, noch gänzlich gebrach.

Man hatte den Unglücklichen in einen bodenloſen Ab⸗ grund geſtoßen. Das Leben hatte er gerettet; aber keine rettende Hand ſtreckte ſich aus, ihm Hülfe und Schutz zu bringen. Sein ſelbſt durch die dringendſte Noth noch nicht ganz darnieder gebeugter Stolz hielt ihn ab, als ein Bett⸗ ler vor denen zu erſcheinen, von denen er Hülfe als ein Recht hätte erwarten können. Sein Vertrauen zu allen Menſchen war geſchwunden. Es kam ihm zu engherzig vor, in dieſer Hülfe gleichſam die Zinſen für die Geldopfer zu fordern, die er in den Zeiten ſeines Wohlſtandes auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen, als die heiligſte Pflicht des Deutſchen erkannt hatte. Er war ein D und hungerte jetzt im fremden Lande für ſein gedrangt deutſches Vaterland!

Das Geräuſch, welches jeden Morgen zu ſeiner Bude

dia libera) erduldete.Cum venissemus Romam, permissum est Paulo manere sibimet cum custodiente se milite. Als wir nach Rom gekommen waren, wurde dem Paulus geſtattet, unter Aufſicht des ihn bewachenden Soldaten eine Wohnung zu be⸗ ziehen. Hier ſchrieb der Völkerapoſtel ſeine Briefe an die Philipper, an die Epheſer; hier ſchrieb er dem Timotheus die ſeiner Seele ſo wichtigen Worte:Ich bin im Gefängniß, aber das Wort Gottes liegt nicht in Ketten. Hier verkündele er zwei volle Jahre lang den Gläubigen das Evangelium, und ſtarkte ſie durch ſein eigenes Beiſpiel im Glauben; hier predigte er den vornehmſten Juden den Gekreuzigten und zeigte ihnen die Keiten, welche er wegen der Hoffnung Iſraels trage. Ueber dieſem ehrwürdigen Gewölbe bauten die Chriſten ſpater eine, Kirche(Maria im Corſo); das Geſängniß des Volterapoſtels ſelbſt ſteht unverändert. Ferner finden wir auf dem Montorio die Sielle, wo der Apoſtel Petrus gekreuzigt, und alle tre fonte diejenige, wo der Apoſtel Paulus enthauplet wurde; beide Stellen ſind mit antiken, dem Andenken der beiden glorreichen Märtyrer gewidmeten Kirchen uberbaut. In St. Pietro de Vinculis endlich wurden die Ketten aufbewahrt, welche die beiden Apoſtelfürſten theils in dem Mamertiniſchen Kerker, theils in ihrer früheren Gefangenſchaft getragen, welche ſeit Jahrhunderten den Gegenſtand der Verehrung aller Pilger bilden.

Zeichnen ſich viele Kirchen als Leidensſtätten großer Heiligen aus, ſo iſt Santa Croce durch ein Denkmal des Leidens Chriſti berühmt.

Wie wir aus der Weltgeſchichte wiſſen, erſchien dem Kaiſer Conſtantin das Zeichen des heiligen Kreuzes mit der Inſchrift: In hoc signo vincesIn dieſem Zeichen wirſt Du ſiegen;

wirklich wählte ſich der heidniſche Kaiſer das heilige Kreuz zu ſeinem Feldzeichen, erfocht den herrlichen Sieg über Maxentius und zog als Herrſcher in Rom ein. Als Sieger wollte der neue Auguſtus dem Kreuze die ihm gebührende Cyre erweiſen. Seine Mutter, die heilige Helena, reiſte nach Jeruſalem, enideckte das wahre Kreuz und brachte einen beträchtlichen Theil dieſes heiligen Schatzes, ſo wie viele andre ausgezeichnete Reliquien nach Rom. Zur Aufnahme dieſer Heiligthumer ließ Conſtantin eine eigene Kirche bauen; es iſt dies die Daſilika des heiligen Kreuzes. Helena hatte Erde des Calvarienbergs mit ſich nach Rom gebracht; mit dieſer wurde das Oratorium vom Boden bis zum Gewolbe belegt und dann die koͤſtbaren Reliquien in demſelben aufgeſtellt. Papſt Sylveſter weihte die Baſilika ein; der heilige Gregor II. und Lucius II. ſorgten für ihre Ausbeſſerung; im Laufe des 15. Jahr⸗ hunderts wurde ſie unter Innocenz VIII. durch den Cardina

von Mendoza erneuert.

Bei Anlaß dieſer Ausbeſſerung machte man eine Entd

welche uns ein Augenzeuge mit ſolgenden Worten beſchreiet: Der erſte Tag des Februars im Jahre 1492 war für Rom ein Tag des Wunders. Während der Cardinal von Mendoza auf ſeine Koſten die Mauern des heil. Kreuzes in Jeruſalem bekleiden und weißen ließ, kamen die Arbeiter auf den Gipfel des mitten in der Kirche errichteten Bogens, der bis zum Dache reicht. Als ſie an die Stellen traten, wo zwei kleine Säulen ſind, fanden ſie einen leeren Raum. Nachdem ſie durch dieſen gedrungen, trafen ſie eine kleine Oeffnung, in welcher eine kleine Kiſte lag, zwer Palmen lang, vollkommen verſchloſſen. Eine viereckige Marmor⸗ gafel bedeckte die Kiſte; auf derſelben ſtanden die Worte:Hie est titulus verae erucis.Dies iſt die Aufſchrift des wahren

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