Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
764
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Herrin des Schloſſes, und ich ſehe Dich ſchon die Hon⸗ neurs deſſelben machen, trotz der erſten alten Ritter⸗ dame. Es iſt ſchön dort zu wohnen, das glaube mir, und einen ſo herrlichen Park mit ſo prachtvollen, ur⸗ alten Bäumen haſt Du gewiß noch nicht geſehn; ich freue mich ordentlich, daß ich dann wieder öfter dorthin kommen werde, denn jetzt geſchieht es ſelten genug. Von Deiner Bedienung bringe nur die Kinderwärterin mit, für alle anderen Diener iſt drüben geſorgt.

Georg, der zufällig ein Wort von dem gewünſchten, zerhofften Beſuche aufgefangen hat, hüpft ſchon vor Freude und Erwartung auf einem Beine im Zimmer umher und ſcheint die Benutzung beider Gliedmaßen ferner als vollkommen unnöthig zur Fortbewegung zu betrachten. Und die kleine Margarethe, welche aus Be⸗ wunderung und Reſpect vor dem Herrn Bruder gar zu gern alle ſeine Gebehrden und Kunſtſtücke nachmacht, in dem kleinen, kugelrunden Körper aber noch nicht das er⸗ forderliche Gleichgewicht herzuſtellen weiß, fiel bei den equilibriſtiſchen Künſten jämmerlich hin. Sie iſt jetzt nur durch das Verſprechen beruhigt worden, und hat ihren Schmerz darüber vergeſſen, daß nächſtens eine liebe Tante mit vier kleinen Geſpielinnen auf lange zum Beſuch kommt. Bedenke, welche Verantwortlichkeit jetzt auf Dir ruht, denn meine Verheißung darf nicht zu Schanden werden vor meinen Kindern, und bald er⸗ warte ich die gewünſchte Zuſage. Auf ein frohes Wie⸗ derſehen!

Immer Deine Regine.

(Schluß folgt.)

Novellen⸗Zeitung.[V. Jahrg.

Napoleon I. nach dem Feldzuge von 1813.

Von A. Thiers*).

VI.

Dieſe politiſchen, militäriſchen und finanziellen Maß⸗ regeln hatten Napoleon ſeit ſeiner Rückkehr nach Paris ununterbrochen beſchäftigt. Die Uebertragung der Cor⸗ reſpondenz mit den auswärtigen Höfen vom Herzog von Baſſano auf Herrn de Caulaincourt war ein erſtes Reſul⸗ tat, das man als glücklich hätte betrachten können, wäre es nicht ſo ſpät eingetreten. Nach Empfang der zugleich räthſelhaften und ironiſchen Antwort des Herzogs von Baſſano hatte Herr von Metternich nach vorgängiger Be⸗ ſprechung mit den verbündeten Höfen replicirt und ſeine Replik war ungefähr folgenden Juhalts. Man erfahre mit Vergnügen, ſagte er, daß der Kaiſer in der Art von Miſ⸗ ſion, welche Herr de Saint⸗Aignan erhalten, endlich einen aufrichtigen Friedenswunſch erkannt habe und daß er als Verſammlungsort eines Congreſſes Mannheim bezeichne, eine Wahl, der man gern beiſtimme; aber nicht mit dem nämlichen Vergnügen, fügte er hinzu, bemerke man, wie gefliſſentlich die franzöſiſche Regierung jede Erklärung über die zu Frankfurt vorgeſchlagenen ſummariſchen Grundlagen zu vermeiden ſuche, und man könne nicht umhin, vor aller und jeder Unterhandlung die förmliche Annahme oder die Verwerfung dieſer Grundlagen zu verlangen.

Man mußte ſich Glück wünſchen, die Verbündeten noch auf der Annahme der Frankfurter Grundlagen beſtehen zu ſehen, obwohl es ſchon zweifelhaft war, ob ſie es in dieſem Augenblicke aufrichtig thäten, und man mußte ſich beeilen,

*) Aus dem demnächſt auch in deutſcher Original⸗Ausgabe bei Meline, Cans& Comp. in Brüſſel(Leipzig, A. Dürr) erſcheinen⸗ den 17. Bande von Thiers' Histoire du Consulat et de l'Empire.

ernſt, ſehr ernſt. Sehen Sie noch dieſen Abend den erſten Conſul und verſchaffen Sie ſich von ihm den Befehl, daß die Anklageacte nicht erſt abgefaßt wird; morgen wird es zu ſpät ſein. Das iſt Alles, was ich für ſie thun kann. Meine einzige Hoff⸗ nung beruhte auf Mad. Bacciocchi, und ich beſchloß, koſte es, was es wolle, ſie zu treffen, wo ſie mir geſagt hatte. Als ich das Theatre frangais erreichte, konnte ich mich kaum aufrechthalten. Der Lärm, das Gedränge, die Lichter verurſachten eine fremd⸗ artige und ſchmerzliche Empfindung in mir. Ich hüllte mich in meinen Shawl und wurde zur Loge von Mad. B. gebracht, welche man am Schluſſe des Actes öffnete. Sie befand ſich mit Madame Leclere da und vermochte bei meinem Anblick einen Ausdruck des äußerſten Verdruſſes nicht zu verbergen. Meine Empfindung war jedoch zu ſtark, um das zu beachten. Ich bin gekommen, Madame, Sie um die Erfüllung Ihres Verſprechens zu erſuchen. Ich muß noch dieſen Abend mit dem erſten Conſul ſprechen, oder mein Vater iſt verloren. Gut denn, antwortete Mad. Bakalt, laſſen Sie die Tragödie zu Ende ſpielen, dann bin ich zu Ihren Dienſten. Ich mußte mich drein finden, zu warten, und ließ mich in dem äußerſten Winkel der Loge nieder. Glücklicher Weiſe war es eine ſehr tiefe und dunkle Proſceniumsloge, in welcher ich mich ohne Zwang meinen troſtloſen Gedanken hingeben konnte. Da bemerkte ich zum erſten Male in der Ecke vis--vis von mir einen Mann, deſſen große ſchwarze Augen, auf mich geheftet, ein ſo glühendes und tiefes Intereſſe ausdrückten, daß ich mich dadurch gerührt fühlte. Nachdem ich auf ſo viel Kälte getroffen war, empfand ich einigen Troſt, etwas Freundlichkeit und Mitgefühl zu erleben. In dieſem Augenblicke wendete ſich Mad. Leclerc plötzlich zu mir und fragte mich, ob ich Lafont ſchon in der Rolle des Achilles

geſehen hätte, und fügte, ohne auf Antwort zu warten, hinzu: Er iſt ſehr ſchön, trägt aber heut Abend einen Helm, welcher ſeinen Kopf ſchrecklich entſtellt. Bei dieſer müßigen Frage, welche eine ſolche Gleichgültigkeit gegen meine Lage verrieth, bei dieſen zugleich ſo grauſamen und frivolen Worten machte der Unbekannte eine Gebehrde der Ungeduld, und ſich, ohne Zweifel entſchloſſen, meiner Qual ein Ende zu machen, zu Mad. Bacciocchi hinüber⸗ lehnend, ſagte er leiſe: Mad. Récamier ſcheint große Pein zu leiden; wenn ſie mir erlaubt, will ich ſie nach Hauſe bringen oder verſuchen, mit dem erſten Conſul zu ſprechen. Ja, ja, auf jeden Fall, erwiderte Mad. B. eifrig und entzückt, eine ſolche Bürde los zu werden, worauf ſie, zu mir gewendet, hinzufügte: Es kann ſich für Sie gar nicht glücklicher treffen. Vertrauen Sie ſich General Bernadotte an. Niemand iſt in einer beſſeren Lage, Ihnen zu dienen.

Dem bezauberten General gelang es natürlich, M. Rés. Vater zu retten, obgleich die Memoiren von St. Helena dieſen Vorfall ganz anders erzählen. Soll man ihr glauben, ſo kam ihr der Conſul obne Erfolg entgegen, und dies wäre ein Grund geweſen, weshalb ſie als die intime Freundin der Verfaſſerin der Corinne ſpäter von Paris verbannt wurde. Die beiden Frauen complottirten zuſammen, aber ſie conſpirirten ohne politiſche Ab⸗ ſichten; ſie beſuchten Maskenbälle; aber es traf ſich immer, daß Mad. R. erkannt wurde. Auch mit dem Fürſten Metternich machte ſie bei dieſen Maskeraden Bekanntſchaft, und der Erbprinz von Mecklenburg⸗Strelitz, welcher ihre großen Cirkel vicht fre⸗ quentirte, genoß das Vorrecht in Stunden, wo kein Empfang ſtattfand, vorgelaſſen zu elden. Es gab mit einem Worte kein Frauenzimmer, welch m mehr Ovationen dargebracht wurden,

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