Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
760
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760 Novellen⸗Zeitung.

aufgethan, und wenn auch die liebe, einzige Mutter von ihr mit Zärtlichkeit umfaßt wurde, ſo war das Beſte und Schönſte dieſer jungen Seele doch des Vaters Eigenthum. Wie das, weit entfernt, mich mit Eifer⸗ ſucht zu erfüllen, mich ſo ſtolz und glücklich machte, wie ich wohl begriff, daß Ehrhardt gerade durch den Tod dieſes Kindes ſo ſchmerzlich litt und die beiden Anderen ihm nicht zu erſetzen vermochten, was er verloren! Ich aber blickte auf ſie, und gerade daraus ſchöpfte ich die Kraft, mich mehr zu beherrſchen, meinem Gram weniger nachzuhangen. Die Wunde ging tief, ganz heilen wird ſie nie, denn es war mein Erſtgeborenes, das ich opfern mußte. Das erſte Kind! O, Roſe, Du weißt es, jede Mutter fühlt es, was das in ſich ſchließt! Das Kind, welches zum erſten Male den tiefen Schacht heiligſter, ſelbſtloſeſter Liebe erſchloſſen, das zuerſt unſer Herz ge⸗ lehrt, welche Quelle ungeahnter, kaum faßbarer Selig⸗ keit darin verborgen war, und den klaren Strahl zum Strömen brachte!

Ich wurde inne, daß wir die tiefe Trauer um ein liebes Geſtorbenes am beſten und würdigſten bekunden, indem wir die Ueberlebenden mit noch treuerer Liebe an uns nehmen, ihnen zu erſetzen ſuchen, was eine wei⸗ ſere Hand ihnen raubte. Auch mein ſchöner, kräftiger Knabe vermißte das Schweſterchen ſehr, denn die Kleine i*ſt noch zu jung, um ihm eine Gefährtin zu ſein. Für einige Zeit war ſein ganzer fröhlicher Knabenübermuth gebrochen und verſchüchtert ſchlich er umher, des Hauſes Liebling zu ſuchen und doch nimmer zu finden. Es ſchnitt in meine Seele, wenn ich den ſonſt ſo munteren Knaben ſo ſtill ſah, und ich verſuchte es, ihm die liebe Vermißte zu erſetzen, und indem ich mit meinem Sohne ſpielte und Ehrhardt nach beſten Kräften zu tröſten und zu erheitern verſuchte, ſchwand mehr und mehr die Bit⸗ terkeit meines Wehes, ich fand mich wieder in dem Leben zurecht und vermochte mich meines Glückes zu freuen.

O Roſe, niemals in meinen kühnſten Träumen habe ich geglaubt, ſo glücklich zu werden. Mein Haus iſt ein Aſyl des Friedens; eine Heimath in der edelſten und reichſten Bedeutung des Wortes. Meine beiden prächtigen Kinder, die ſich ſo geſund und friſch an Leib und Seele entfalten, und die Liebe meines theuren, braven Mannes, womit habe ich denn all' den Segen verdient, während ſo viele meiner armen Mitſchweſtern einſam und unverſtanden, ja was noch ſchlimmer iſt, ge⸗ täuſcht durch das Leben gehen? Vermöchte ich Dir nur klar zu machen, wie brav und vortrefflich Ehrhardt iſt, in wie hohem Anſehn er überall ſteht! Wenn ich nach ihm blicke, wie er mit ſo würdevollem und doch ſo lieb⸗ reichem Ausdruck auf der Kanzel ſteht, von der herab begeiſterte Worte ſeinem Herzen entſtrömen, die bei ihm Ueberzeugung, Wahrheit ſind, wie ich täglich bemerke, wie er die Lehren, welche er gibt, durch ſein Handeln bekräftigt dann fühle ich mich nicht nur beſeligt, dann ſchaue ich mit Stolz auf ihn, und es iſt doch ein herrliches Gefühl, zu dem Manne, den wir lieben, empor⸗ zublicken.

Da Du ſo herzlich wünſchſt, einen vollen Einblick in mein Leben zu haben, kleine Roſe, ſo will ich das Bild meiner Häuslichkeit vor Deinen Augen entrollen. In dem alten, lieben Hauſe iſt es ſchön und gut ſein; wir haben gleich im Anfange manche Veränderung darin vorgenommen, die es bequemer und wohnlicher machte. Das Hausveſen geht ſeinen ſtillen, geregelten Gang, und obgleich ich mir die Oberaufſicht, dieerſte Stimme nicht habe nehmen laſſen und manche Obliegen⸗ heiten keiner anderen Hand überlaſſen möchte, ſo drücken mich doch die häuslichen Pflichten nicht ſchwer. Ich habe gute Hülfe und Unterſtützung zur Seite Frau Martha, die alte, bewährte Haushälterin Ehrhardt's, iſt auch in den neuen Verhältniſſen uns treu gebneben und ſteht dem Ganzen mit umſichtiger Leitung vor.

welche, unter Bosquets verſteckt, in einem Garten ſtehen. Dieſe Ungeheuer zeigen den Weg zu dem Palais von Cluny, an das ſich die Wohnung der römiſchen Kaiſer ſchließt, jetzt eine mächtige Ruine. Als Cäſar Gallien eroberte, hauſte er hier, und Julian der Apoſtat ſchlug darin noch ſeine Reſidenz auf. Jetzt ſind nur noch die Bäder übrig geblieben, dieſer Theil der römiſchen Bau⸗ werke, welcher der Zeit am längſten Trotz zu bieten ſcheint. Als ich in das Frigidarium trat, wo das kalte Waſſer eingelaſſen wird, und zu dem hoch ſich wölbenden Mauerwerke emporſchaute, da vergegenwärtigte ſich mir Rom, das alte Rom; ich glaubte mich eine Minute lang in den Bädern des Caracalla, ich glaubte noch einmal auf dem Boden der ewigen Stadt zu ſtehen. Eitele Täu⸗ ſchung! Auch in Paris gab es einſt ein Rom! Das Kaiſerreich bewahrt die Erinnerungen an den erſten europäiſchen Kaiſerſtaat in dieſer Ruine. Der galliſche Hahn hat ausgeſungen, der franzöſiſche Adler

hat ihn überflügelt. In dieſen Mauern fand er ſein Grab.

Des Himmels Wolken ſchaueten in das Frigidarium hinab, deſſen ewige Mauern ſeit zwei Jahrtauſenden ſeinem Zorne Trotz geboten. Der Aquäduct, welcher das Waſſer herführte, iſt einge⸗ ſunken, der Menſch hat ſich nicht bemüht, zu erhalten, was der Menſch gebaut, und jetzt erſt, wo eine verjährte Geſchichte ihm erzählt, was einſt hier geſtanden, kommt er ſchauluſtig herbei⸗ geeilt und ſtaunt die Mauern an, welche aufzuführen er längſt ver⸗ lernt. Das neue Paris, ein Kind des Augenblicks, wird nicht nach Jahrtauſenden noch reden; mit ſeiner Zeit wird es zu Grabe gehen.

Kihnder ſpielten in dem Garten; unter den alten Ruinen ſaßen Damen mit einer Handarbeit beſchäftigt. Wie überall in

Paris, ſo hatte auch hier das Gouvernement für Sitze geſorgt, damit das Volk ſich ausruhen könne. Kein Garten, kein Palaſt iſt ohne Bänke und Stühle, und jedes freie Plätzchen iſt benutzt, um dem Bewohner einer großen Stadt die Möglichkeit zu gönnen, nicht allzufern von ſeiner Wohnung unter Gottes freiem Himmel Luft zu ſchöpfen. An dieſe Bäder aus römiſcher Zeit lehnt ſich das Schloß von Cluny, ein altes, aber noch wohlerhaltenes Gebäude, im Jahre 1480 von Jean de Bourbon, dem Abt von Cluny, auf den Ruinen des alten Kaiſerpalaſtes erbaut. Es iſt an geſchichtlichen Erin⸗ nerungen reich; es diente der Königin Blanche zum Witwenſitze, Jacob V. feierte ſeine Hochzeit mit der Tochter Franz I. darin, es war der Zufluchtsort des Cardinal von Lorrami, der Herzöge von Guiſe und von Aumale; dann zogen fromme Schweſtern hier ein; nach ihnen benutzten es Komödianten, und 1793 hielt Marat ſeine Sitzungen darin. Dies bunte Wechſelſpiel des Lebens rollte ſich in den alten Mauern ab, welche aus alten Zeitperioden ihre Ueberbleibſel tragen. Thürme und Fenſterniſchen ſind go⸗ thiſchen Urſprungs; die Wände und Decken der Zimmer überzieht ein braun polirtes Holz; die Kamine gehören ihrer Zeit ang Doch das darin aufgeſtellte Muſeum von Antiquitäten übertvöfft in ſeiner Reichhaltigkeit den Werth des Gebäudes. Hier ſehen wir die ganze Culturgeſchichte Frankreichs uns vor das Auge geführft. Was die menſchliche Induſtrie aller Jahrhunderte nur irgend en funden, iſt hier beiſammen. Die prächtigen Kronen der galliſchen Könige, die Inſignien ihrer Würde waren von Künſtlern umge⸗ ben, welche ſie zeichneten. Gleich daneben fand ſch die Schlaf⸗ mütze Kaiſer Karl V., welche ich mit großem Jatereſſe betrachtete, wegen der feinen, ſchönen Arbeit, einer Zaſammenſetzung alter

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