Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
755
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Novellen-Zeitung.

Ein beſiegtes Vorurtheil.

Novelle

von Sophie Verena.

(Fortſetzung.)

III. Abſchnitt.

Jetzt biſt Du mein, ich halte Dich umfangen;

Und all' mein Schmerz, mein Sehnen kam zur Ruh'. Nun iſt das Leben mir erſt aufgegangen,

Denn wahres Glück und Leben liegt im Du.

Es war ein ſchwüler Juliabend. Schwer und drückend lag die Luft auf allen lebenden Geſchöpfen, matt und welk hingen die Blumen auf ihren Stengeln, kein Zwitſchern er⸗ tönte aus den grünen Wipfeln, und im Abend zog ein Un⸗ gewitter herauf. Trotz Frau Martha's beſorgter Ein⸗ wendungen eilte Ehrhardt dem See zu und war bald bei Regine angelangt.

Die beengende Atmoſphäre ſchien auf Beide ihre Wir⸗ kung auszuüben, denn ſchwül und bang wie niemals früher war heute ihr Zuſammenſein. Die Unterhaltung mühte ſich langſam dahin; alle Verſuche von Regine's Seite, ſie wach zu erhalten, ſcheiterten an Ehrhardt's düſterem, hart⸗ näckigem Schweigen. Endlich gab ſie es auf. Still ſchaute ſie in den Abend hinein, wie am dunklen Horizonte die Blitze zuckten; ſie lauſchte, wie der Wind in den grünen

daß es ihr kaum gelang, das Lachen, welches hervorbrechen wollte, zurückzuhalten, und ſie einem etwas ſpöttiſchen, ſarkaſtiſchen Lächeln nicht gebieten konnte. Ehrhardt hatte es wohl bemerkt und fuhr von ſeinem Sitze auf. Hoch⸗ aufgerichtet ſtand er vor ihr, und die Worte fielen auf ſie nieder.

Ich ſage Dir, es kann, es darf ſo nicht bleiben, Regine!

Schon lange habe ich mich gewundert, daß es nicht anders geworden iſt, erwiderte ſie noch immer ruhig lächelnd.

Er ſah ſie an, drohend und gebietend, als wolle er ſagen: wag es nicht mich zu reizen, mit mir zu ſpielen, oder Hoffnungen in mir zn erwecken, welche Du nicht geſonnen biſt zu erfüllen. In ſeiner Stimme bebte eine mit aller Macht nicht mehr zu bekämpfende Leidenſchaft, als er von Neuem begann:

Du kannſt lächeln, während ich vor Schmerz und Qual vergehe. Du mußt es fühlen, jeder Blick, jeder Athemzug muß es Dir ſagen, daß ich Dich liebe, Du mußt wiſſen, daß, wer Dich einmal geliebt hat, Dich immer lieben muß daß ich nicht von Dir laſſen kann.

So habe ich gehofft all' die langen Jahre hindurch, Ehrhardt!

Das Lächeln war verſchwunden; aus ihren ſeelenvollen thränenfeuchten Augen leuchtete ihm ein Blick entgegen, vor dem ſich aller Sturm, alle Gluth in ſeiner Bruſt ſänf⸗ tigte. Kein Wort weiter, keine Berührung der Ver⸗ gangenheit, keine Anklage, keine Bitte um Vergebung;

Kronen der hohen Bäume zu flüſtern begann, bis er immer ſtärker rauſchte und einzelne ſchwere Regentropfen nieder⸗ fielen. Der Eintritt eines Dieners, welcher die Lampen brachte und die Thüren der Halle ſchloß, weil das Unwet⸗ ter mit Gewalt loszubrechen drohte, das war die einzige Unterbrechung, dann herrſchte wieder die tiefſte Stille in dem Raume, nur durch den immer ſtärker rollenden Don⸗ ner und das Sauſen des Windes geſtört.

Regine ſaß in einer Fenſterniſche. Das Licht der Lampen fiel voll auf ſie und zeigte ihre elegante Geſtalt, in dem weißen luftigen Kleide, gegen den dunkleren Grund der rothſeidenen Vorhänge auf das Vortheilhafteſte. Da ſte nach außen ſchaute, gewahrte ſie nicht, mit welchem Ausdruck Ehrhardt's Augen an ihr hingen, und wenn ſie einmal den Blick nach ihm wendete, da wußte er ſeine Züge zu beherrſchen, daß der eine Ausdruck daraus verſchwand,

wenn auch die Düſterheit zurückblieb. Wie er ſo grollend

und finſter daſaß, wie ſchon ſeit beinahe einer Stunde kein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt worden war, erſchien ihr die ganze Situation plötzlich ſo ſeltſam und hochkomiſch,

zwiſchen ihnen war Alles geſagt. Mit einer heiligen Rührung, mit einer wahreren, beſſeren Liebe, als er jemals für ſie empfunden, zog er ſie feſt an ſein Herz. Und ſo ſtanden ſie und ſchauten in den Aufruhr der Elemente hin⸗ V ein, draußen Sturm und Streit und innen Friede!

Nach einem langen Schweigen unterbrach Ehrhardt ſolches mit der Frage: Wie aber ſoll es werden, Regine, wie wirſt Du Dich in dem ſtillen, einfachen Pfarrhauſe befriedigt fühlen? und indem ſeine Blicke über die prachtvolle, großartige Einrichtung hinſchweiften, vollendete ſie, was die Worte nicht ausdrückten.

Das Schloß bleibt unſer; ich habe meinem alten Freunde verſprochen, es nicht in fremde Hände übergehen zu laſſen. Das wird mein Witwenſitz, rief ſie mit ihrer

alten Munterkeit.Und wenn Du es mir ſchon bei Ler

zeiten drüben zu arg treibſt, mich zu ſehr quälſt und Ale mit Blicken anſiehſt wie heut Abend, vor denen eine veniger Muthige ſich zu Tode geängſtigt hätte dann ſpeing ich in

das Boot und fahre hierher, die Zugbrücke wird aufgezogen