Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
744
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Frauen, die Blinde in dem höchſten ſchwächſten Stadium des Greiſenalters, mit dem Schnee, der Kälte des Winters über ſich, und die Jungfrau ſo friſch und kräftig, in voller Jugend und Geſundheit, wie ein blühender, ſonniger Früh⸗ lingstag! Die Sonnenfluth, welche durch die geöffnete Thür fiel, beleuchtete Beide mit warmem Licht und blendete die Augen der Leſenden, daß ihre tiefe, klangvolle Stimme verſtummte und ſie ſich ſchnell umwendete.

Und ſo ſtanden ſie ſich gegenüber, ſeit Jahre langer Tren⸗ nung wieder bei einander. Wie feſt und ruhig ſie ihm gegen⸗ über trat, wohingegen ein Zittern durch alle ſeine Glieder lief, und die tiefe Gemüthsbewegung ihm alle Kräfte zu rauben ſchien, daß er nur mit Mühe zu athmen vermochte! Regine ſah Ehrhardt ſchwanken und ſprang ſchnell herbei; ſanft führte ſie ihn zu einem Schemel, ſchloß die Thür und öffnete das Fenſter, damit die friſche, erquickliche Luft zu ihm ſtrömte. Still und einfach war ihr ganzes Thun, daß er unwillkürlich an des Freundes Ausdruck gedachte, den dieſer ſtets auf Regine anwendete,ſo gerade recht und er durch ihre Ruhe und Unbefangenheit bald ſeine Faſſung wieder fand. Sie führte das Geſpräch und wußte die Greiſin ſo geſchickt mit hinein zu ziehen, daß die pein⸗ liche Stille, welche zuerſt gewaltet, bald verſchwunden war.

Tauſend und abertauſend Mal hatte Ehrhardt über⸗ dacht und überlegt, wie ihr erſtes Zuſammentreffen ſein könnte, was er ſagen, wie ſie blicken würde nun war es geſchehen und ſo ſtill und natürlich vorübergegangen, ganz anders, als er erwartet. Auf ihren Arm geſtützt, verließ er die Hütte, denn ſie hatte wohl bemerkt, daß die Kräfte des kaum Geneſenen dem noch nicht gewachſen waren, was er erlebt. Still ſchritt er dahin zur Seite der hohen, ſchlanken Geſtalt, die ihm noch höher erſchien als ſonſt.

Du biſt noch gewachſen, Regine, begann er endlich, nachdem er ſich vergebens bemüht etwas zu ſagen.

Ich glaub' es ſelbſt, wenigſtens meinen es Alle; nun, ſo ſchrecklich alt war ich damals noch nicht, noch nicht

ganz zwanzig Jahr, da wäre es immer noch möglich, ent⸗ gegnete ſie lächelnd. Damals!

Wie er's ſprach, das eine Wort, das trieb auch die dunkle Gluth in ihr Angeſicht, und er fühlte es an ihrem Arm, daß ſie zitterte. Jetzt ſtanden ſie an der Gartenthür vor ſeinem Hauſe; jetzt endlich mußte er etwas Vernünf⸗ tiges ſagen.

Regine, wie kann ich Dir danken für Alles, was Du gethan, an meiner lieben Gemeinde, an mir gethan?

Er glaubte, ſie würde ſich ſträuben anzuerkennen, was ſie geleiſtet, doch einfach und wahr wie immer erwiderte ſie:

Als ob es nicht der beſte Dank wäre, Dich wieder ſo vor mir zu ſehen! Wenn ſie mir nur Alle meine Sorge ſo vergolten, ſich ſo dankbar erwieſen hätten wie Du, aber der feuchte Blick, welcher die neuen Gräber drüben ſtreifte, auf denen das erſte, friſche Grün fröhlich empor keimte, vollendete den Satz.

Und warum haſt Du Dich mir ſo ſchnell entzogen, biſt mir ſo ſpurlos entſchwunden? Warum haben ſie Alle gethan, als ſei der Schutzgeiſt meines Krankenzimmers ein Gebilde meiner Phantaſie geweſen, weshalb hat Frau Martha ſich und mich in ein ſolches Lügengewebe gehüllt? Prachtvolle, goldene Locken, wo ſind ſie, ſchwarze Dame? fragte er neckend, indem er auf die ſchweren, dunklen Haar⸗ flechten blickte, die unter dem runden Strohhute hervor⸗ ſahen, und Regine, vermuthlich die Anſpielung verſtehend, lachte fröhlich mit.

Auf ſeine wiederholte Frage, weshalb ſie ſo plötzlich und ſpurlos wie in einem Zaubermärchen verſchwunden ſei, entgegnete ſie:

Ich ging von Dir, als Du mich nicht mehr brauch⸗ teſt, Ehrhardt, und ich wollte Dich nicht an mich und an irgend eine Verpflichtung gegen mich erinnern, ehe ich wußte, ob Du deſſen gedenken mochteſt. Du hätteſt ganz ebenſo gehandelt.

die Habſucht über die Opfer ihrer Schlachtfelder ſchreiten ließ ſo tauchen neben dieſen und neben glaubenstreuen, mitkämpfenden Fürſten nur wenig Geſtalten auf, welche, ungeblendet von äußerem

Glanze, von Gluͤcksgütern, Schmeicheleien und Verſprechungen,

Macht und Ehrgeiz, ein höheres, ſich ſelbſt vorgeſtecktes Ziel verfochten, wenn gleich ſie, gemäß der Schwäche der menſchlichen Natur und gefärbt von der Sittenrohheit ihres Zeitalters, mehr oder minder angeſteckt waren von der Befangenheit der damaligen Weltanſchauung.

Zu dieſen Wenigen iſt Johann Tſerclaes Graf von Tilly zu zählen, welcher mit ganzer Seele den Lehren derjenigen Kirche anhing, in deren Schooß er geboren und erzogen war, und ihrer Verherrlichung und geiſtlichen wie weltlichen Macht ſein ſtreng aſcetiſches Leben weihte. Geboren 1559 auf dem Schloſſe der Herrſchaft Tilly im Walloniſchen Brabant und Sohn eines kaiſerlichen Kriegsraths gleichen Vornamens, ward er zum geiſt⸗ lichen Stande beſtimmt, von den Jeſuiten ſtreng und hart erzogen, zog aber bald den Degen dem Brevier vor und bildete ſich in der Kriegsſchule der Niederlande unter den Fahnen der Spanier Alba, Requeſens, Don Juan de Auſtria und unter Alexander Farneſe, in welcher Schule ſich ihm der ſtumme Gehorſam und die mitleid⸗ loſe Strenge gegen die Feinde ſeiner Kirche einprägte.

In Tilly verlor das Heer des Kaiſers und der Ligue einen unerſetzlichen Führer, die katholiſche Kirche den eifrigſten ihrer Vertheidiger und Maximilian von Bayern den treueſten ſeiner Diener, der ſeine Treue durch den Tod beſiegelte und die Pflichten des Feldherrn auch noch ſterbend erfüllte. Ein Vater ſeiner Truppen, verwendete er einen großen Theil der ihm vom Kaiſer und Kurfürſten gemachten anſehnlichen Geſchenke auf das Heer,

das doch nicht ihm gehörte, und vermachte 60,000 Thaler den Reſten jener heldenmüthigen Wallonen, die bei Breitenfeld mit ſolcher Anſtrengung gefochten. Der Marſchall von Grammont ſagt von ihm, er habe nie einen klügeren Feldherrn, nie einen ſolchen geſehn, dem williger gehorcht worden wäre. Gefürchtet, aber auch geliebt von ſeiner Soldateska, verlangte er pünktlichen Gehorſam, ſah aber Vieles nach, wenn ſie ſich nur tapfer bewieſen. NRüchtern und enthaltſam behielt er ſeine Mönchsſitten bei, und Guſtav Adolph nannte ihn wegen ſeiner Strenge, Rohheit und Pünktlichkeit den alten Corporal. Den Fürſtenſtand, in welchen ihn Ferdinand II. erheben wollte, ſchlug er aus. Er blieb unver⸗ mählt, und Graf Werner Tilly, Sohn ſeines Bruders, bei ihm bis zu ſeinem Tode geblieben und von ihm ſehr geliebt, ward ſein Erbe..

Zur Länder⸗ und Völkerkunde. Aeber das Volk der Japaneſen.

Die Japaneſen ſtammen ab von der großen mongoliſchen Nace, welche einen ſo ausgebreiteten Theil der öſtlichen Welt be⸗ völkert hat und gegenwärtig die tatariſchen Länder, einen großen Theil Rußlands und Centralaſiens bewohnt. Dieſelbe Race eroberte China, doch lange Zeit nachdem die Japaneſen ſchon exiſtirten. Der große mongoliſche Eroberer Kublai⸗Khan hat von China aus den Verſuch gemacht, Japan zu erobern. Zuerſt ſandte er im Jahre 1274 eine bedeutende Macht von China nach Japan, die aber an den felſigen Küſten dieſes Landes ſcheiterte. Zwei andere Expeditionen, von denen die letzte aus 4000 Segeln

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