Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
739
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Dritte folge.

739

Novellen-Zeitung.

Ein beſiegtes Vorurtheil.

Novelle

von

Sophie Verena.

(Fortſetzung.)

Nach dem Segenswunſche, welcher Ehrhardt's Herzen entſtieg, folgte eine gewiſſe Bitterkeit. Doppelt fühlbar erſchien ihm jetzt das Unerquickliche ſeiner Lebensſtellung. Warum war es öde in ſeinem Hauſe, ſeinem Herzen? Die Gedanken, denen er entgehen wollte, führte der Brief ihm wieder in vollen Strömen zu. Er trat zum Fenſter; drüben vom anderen Ufer des See's ſchimmerte ihm Licht entgegen, ein freundliches Zeichen, daß das Schloß nun wieder bewohnt ſei. Einem troſtſpendenden Sterne gleich ſtrahlte das Leuchten durch die Nacht; von daher wird dem Jammer, der über dem Dorfe lag, Er⸗ leichterung und Abhülfe kommen. Immer ſehnſuchtsbanger hingen Ehrhardt's Augen an dem Lichtſtrahle, als müſſe auch für ihn Heil davon ausgehen.

Wie ſchwer und wüſt ſein Kopf war, wie fremd und ſeltſam und doch wie lieb und bekannt die Gedanken hindurchwogten! welche Erinnerungen aus ſeiner Jugend⸗ zeit ihn überkamen und ſich im luftigen Reigen um ihn ſchwangen! Und Regine, immer wieder Regine! Nur in ihrer Anmuth, ihrer Güte ſah er ſie heute vor ſich, als ſie noch ganz ſein war und voller Hingebung an ihm hing. Ob auch ſie ſich jemals einſam fühlte, ob ſie wußte, was Sehnſucht ſei? Ob Ozelski oder ein Anderer ſie für die verwelkten Hoffnungen entſchädigt, ſie das Glück kennen gelehrt?

Sein Kopf glühte, in den. Schläfen klopfte es, und doch rieſelte es kalt durch ſeine Glieder. Unendlich krank, un⸗ ſagbar elend fühlte er ſich, und aus der dumpfen Betäu⸗ bung noch einmal zum klaren Bewußtſein erwachend, ſtieg der ſchreckliche Gedanke in ihm auf, daß auch er von der Anſteckung ergriffen ſei, und die Vorboten der bösartigen Krankheit in ſeinem Inneren wühlten. Wer würde ihn pflegen? wer ihm zur Seite ſtehen? Miethlinge! Keine weiche, kühle Hand würde ſich auf ſeine brennende Stirn legen, kein milder, theilnahmsvoller Blick ihm Muth zu⸗ ſprechen; einſam würde er auf ſeinem Schmerzenslager ringen, einſam ſterben, und nicht der Liebe Hand würde ihm die Augen ſchließen.

Das Fieber kam wie es ihn griff mit heißem Arme, wie es roth glühend vor ſeinen Augen zuckte!

Und es war ſo! Endlich erlag auch er dem ſchrecklichen Uebel, und ob ſeine Jugendkraft ſich wehrte, Wochen lang ſchwebte er am Rande des Grabes, und der Arzt, der, wenn er nicht im Dorſe begehrt wurde, Stunden und Stunden an ſeinem Lager weilte, erklärte endlich, ſeine Kunſt ſei zu ſchwach, er ſtehe am Ende ſeines Wiſſens, und nur von der eigenen guten Natur, von Gottes Hülfe ſei noch Rettung zu hoffen.

Aber der Kranke war nicht einſam, nicht verlaſſen. Fühlte er die weichen Hände, die ſich kühlend auf ſeine fieberheiße Stirn legten? Immer waren ſie bereit, zur Tag⸗ und Nachtzeit den labenden Trank an die lechzenden Lippen zu führen, die Kiſſen zu glätten und all' die vielen kleinen Dienſte zu leiſten, welche, an ſich ſo unweſentlich, dem Lei⸗ denden eine ſolche Erquickung und Erleichterung gewähren. Leiſe, wie leiſe ſchwebte die hohe, königliche Geſtalt der Jungfrau durch das Zimmer; zuweilen blickte er auf ſie mit den ſtarren, glanzloſen Augen, in denen auch nicht eine Spur des Erkennens ſich zeigte, und je ſicherer ſie wurde, je ſeltener verließ ſie das Krankenbett und ſuchte die An⸗ dern fern zu halten, daß die Fieberphantaſien nur ihr Ohr träfen. Wie ihr Auge an ihm hing, mit welchem Aus⸗ druck hingebendſter Liebe! Welche Weichheit und Milde ſich in ihrem Thun bekundete!Stolz und hochmüthig! Wer würde ſich unterfangen haben, ſie jetzt noch ſo zu nennen?

Und die Tage verfloſſen, obſchon ſie nur zu ſchleichen ſchienen, und auch dieſe Krankheit nahte ſich ihrem Wende⸗ punkte. Wird die Kriſis Leben oder Tod bringen?

Gerettet! ſo flog es von den Lippen des Arztes und ertönte wie ein Freudenruf durch den Raum und klang nach in den Herzen der Hörer. Gott, Du ewig Gütiger, wem einmal dieſer Jubelklang in ſeine Seele gedrungen, wem Du einmal ſo ſichtlich Deine Gnadenhand hernieder⸗ gereicht und wem wäre es nicht geſchehen, daß ihn ein theures Weſen, ſei es Kind oder Mutter, Freund, Vater, Geliebte aus dem dunklen Schattenthale zum Leben wieder zurückgeführt? vermöchte der jemals wieder an Dir zu zweifeln, Dich zu verleugnen und zu behaupten, es ſei nur Menſchenwerk?

Hinter den Vorhängen des Lagers kniete ein Mädchen hingeriſſen im tiefſten, brünſtigen Gebete; wie zerbrochen in Rührung und Dank lag ſie dort.

Iumer klarer und geregelter wurden die Gedanken des Kranken, immermehr öffneten ſich ſeine Augen dem Lichte, dem Erkennen; ſuchend und ſpähend ſchweiften ſie im Zim⸗ mer umher, aber die hohe, ſchlanke Geſtalt, welche er nicht zu ſehen vermeint, die ihm ſo bekannt und doch ſo fremd⸗ artig erſchienen, er ſah ſie nicht wieder. Jede Anſpielung darauf, jede Frage danach wurde von dem Arzte und der