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ſchien ſich darob zu freuen, Keiner nach dem Gewinne zu fragen, der ſonſt mit ſolchem Fleiß in die Vorrathskammer geſammelt oder zu Markt gebracht wurde. Die Obſt⸗ gärten ſtanden verlaſſen und ſtreuten unbeachtet ihre Schätze auf die Erde nieder. Die Dorfſtraße war menſchenleer; die Felder lagen meiſt unbearbeitet da. In den Hütten waren die Menſchen zuſammen gedrängt; die Gattin den Gatten, der Vater die Kinder zu pflegen, weil die Mutter ſchon ein Opfer der ſchrecklichen Krankheit ge⸗ worden, bis auch ſie davon ergriffen auf das Siechbett ſanken und dem Mitleid, der Güte der noch geſunden Nach⸗ barn anheimfielen. Es war eine ſchwere Zeit, ein trauri⸗ ges Verhängniß, welches über das Dorf hereingebrochen. Die feuchte Abendluft, die ſo recht den Krankheitsſtoff zu enthalten ſchien, ſchwebte in weißen, dunſtigen Gebilden über Berg und Wieſen, als Ehrhardt die Dorfſtraße ent⸗ lang ſchritt. Er war in tiefes Sinnen verſunken, ſchmerz⸗ liche Zweifel und Gedanken quälten ſeine Seele. Wie nachtlos war er mit ſeinen geringen Mitteln gegenüber den Anforderungen, welche man an ihn ſtellte! mit ſeinem guten, treuen Willen, ſeinem redlichen Dienſteifer, wie machtlos war er dennoch, der Noth zu ſteuern, dem Elende Einhalt zu thun! Wie wenig Eingang fanden ſeine
Troſtesworte in die von Verzweiflung und Grimm um⸗ nachteten Gemüther! Wurde ihm doch ſogar geantwortet, er
habe gut reden von Demuth und Ergebung, ſeine Kraft ſei noch nicht geprüft, ihm ſei noch nichts geraubt— und die verdüſterten, gramerfüllten Eltern hatten auf die Kin⸗ der gezeigt, die in der Hitze des Fiebers ſich wanden und vor Schmerzen ächzten, und auf die friſch aufgeworfenen Gräber auf dem Kirchhofe drüben.—
Bis zum Tode betrübt war ſeine Seele. Ihm ſchien all' ſein Sorgen und Arbeiten, ſein redliches Streben alle die Jahre her ein nutzloſes. Menſchen, auf deren Brav⸗ heit und Glaubenstreue er feſt gebaut, ſah er jetzt von Kleinmuth und Zweifel niedergedrückt ſchwere Anklagen
Novyeilen⸗Zeitung.
zum Himmel emporrufen, in Zuſtände verſinken, welche ihn mit Jammer erfüllten. Nicht Troſtesworte, nein, Hülfe, Arznei, kräftigende Speiſen verlangten ſie von ihm, und er gab, ſo weit ſeine Mittel reichten; doch wie unzu⸗ länglich waren dieſe! Zum erſten Male dachte er, daß es wohl ſchön und herzerhebend ſein müſſe, über Reichthümer gebieten zu können, ſie zum Segen der leidenden Menſch⸗ heit zu benutzen. Und ſeine Gedanken wanderten einer Richtung zu, von der er ſie fern zu halten ſich all' die Jahre her mit kräftigem Willen bemüht hatte.
Ehrhardt hatte an die Regierung geſchrieben, um Unterſtützung und beſonders um ärztliche Hülfe gebeten; noch war ſeinem Geſuche keine Gewähr geworden, denn auch in den nächſten und ferneren Ortſchaften wüthete der Typhus mit Macht und nahm alle Kräfte in Anſpruch. O, wie das Herz ihm ſchwer war, wie es hülfeflehend zu Gott empor ſchrie! Seine eigenen Kräfte waren faſt auf⸗ gerieben, und mit den eingeſunkenen Wangen, den hohlen⸗ Augen, der geknickten Geſtalt ſah er dem einſt ſo kraftvol⸗ len Manne kaum mehr ähnlich. Kalt durchſchauerte ihn die feuchte Abendluft, aber er mochte es nicht beachten und wandte ſeine Schritte noch einigen fern liegenden Hütten
zu. Es waren die Aermſten des Dorfes, welche dort wohnten; er bebte ſchon zurück vor den Seenen des Jam⸗ mers, denen er dort begegnen würde.— Aber ſiehe, er fand es beſſer als er erwartet; ein freundliches Feuer flammte auf dem Heerde und verbreitete Helle und Wärme durch die trübſeligen, kahlen Räume, in den Töpfen kochte und bro⸗ delte es, daß ein kräftiger, labender Geruch ſich durch die Hütten verbreitete, Nahrungsmittel lagen auf dem Tiſche und am Boden ausgebreitet. Und wenn gleich die Kranken noch in derſelben Gefahr ſchwebten und wohl nur unbewußt die Behaglichkeit um ſich her empfanden, ſo ſchienen die Geneſenden durch den Anblick vor ihnen, durch die Hoff⸗ nung auf warme, kräftigende Speiſen neu belebt und die Geſunden, welche ſich der Pflege widmeten und geſtern noch
auf und bot dem„Hochverehrten Publicum“ als Garantie des verheißenen„genußreichen“ Abends drei Stücke, das erſte mit dem Titel:„Die lebendig⸗todten verzweifelt luſtigen Cheleute“ und einem mir leider entfallenen aber nicht minder abenteuerlichen „oder“ von Bäuerle, der damals noch nicht„vermißt“ wurde; unten am Schluß aber prangte die Krone aller Verſprechungen in majeſtätiſcher Fractur: Herr Beyer werde„auf allgemeines Verlangen“ ſeine Schlummer⸗Polka mit„neuen zeit⸗ gemäßen Einlagen“ vortragen. Ich kannte viele Polka's, bin ich doch Muſikenthuſiaſt und war ich doch Referendar, alſo dem Staate zu unermüdlichem Tanzen mit ſeinen bevorzugteren Töchtern verpflichtet geweſen, aber die„Schlummer⸗Polka“ ſuchte ich vergebens auf meinem Repertoir, und mit welchem Rechte nannte Beyer ſie die„ſeine?“ war er ihr Componiſt, ihr Dichter, oder war ſie nur ſeine beliebteſte Leiſtung, ſein Paradeſtück? Mit ſeit Jahren nicht empfundener Spannung ſetzte ich diesmal mich vor dieſem kleinen verblichenen Vorhange nieder; zum Glück löſte mir ſein Aufgehen ſogleich das Räthſel. Beyer, in dem voll⸗ ſtändig blauen Aeußeren eines armen, von Schulden gehetzten Wiener Schneiders, kehrt erſchöpft von der fruchtloſen Jagd nach Geld in ſein Dachſtübchen zurück und ſingt zu einer ziemlich leb⸗ haften Polkamelodie und mit nach ſolchen Anſtrengungen achtungs⸗ werthem Athem⸗Aufwand dem Mitleid der Zuhörer ſeine vergeblichen Bemühungen vor; plötzlich hält er an— er kann faſt nicht mehr weiter, auch die Muſik wird ſchläferiger, und—„ach, ich bin ſo müde, ach, ich bin ſo matt!“— haucht der unglück⸗ ſelige Bekleidungskünſtler auf ſeinem einzigen Seſſel aus. Alſo war ja die Schlummer⸗Polka eine alte gute Bekannte, die ſich nur hinter einem vornehmen Titel verſteckt gehalten, und dann
hatte ich das kleine Straßenmädchen noch niemals in ſeiner voll⸗ V ſtändigen Größe geſehen, mir war bis jetzt die unterſte Partie die ganze Figur geweſen. Aber auch noch immer intereſſirte mich nur der letzte Theil, der erſte Theil erſchien mir fremd und un⸗ weſentlich, trotz des vorhergehenden kräftigeren Aufſchwunges verlieb doch gerade dieſe ſchließliche Abſchwächung dem Ganzen den Namen und ſpecifiſchen Charakter. Und jetzt, wo die Zeit der Ermannung und der Thaten gekommen, wo Preußen mobil ge⸗ macht, ſollte ſich die Schlummer⸗Polka zu zeitgemäßen Einlagen verwenden laſſen? ſo will dieſer Spaßmacher die allgemeine Stimmung parodiren, officielle Maßregeln perſifliren?„Das iſt nicht gut gethan, Octavio!“ indeſſen ſingen Sie gefälligſt weiter, ich gehöre nicht zu denjenigen, die auf den Schein hin verdammen. Er hat ein wenig verſchnauft, er hebt wieder an und ſingt von Männern, welche müde und matt ſind, wenn ſie die Toiletten⸗Rechnungen ihrer Frauen berichtigen ſollen, das iſt noch immer nichts Neues; da, mit einem Sprunge— vielleicht nicht
allzukühn, denn eine ſolche Einkleidung koſtet auch viel Geld—
iſt der nächſte Vers bei dem mobilen preußiſchen Heere und ſchil⸗ dert nebſt ſeinen Nachfolgern die Leiden der armen Rekruten— des Infanteriſten und Cavalleriſten natürlich beſonders, denn beide Truppengattungen haben zahlreiche Vertreter im Publicum — die voll Muͤdigkeit und Mattigkeit ſich recken und dehnen, wenn ſie mit Tagesgrauen das Pferd putzen oder auf dem Exercirplatz Griffe machen ſollen. Das iſt zu natürlich und harmlos, um politiſch zu ſein, niemand wird deshalb für unſer Schickſal fürchten, ein Rekrut iſt noch kein Soldat und der Soldat der Schlachten ein anderes Weſen, als der dreſſirte Automat der Parade; das iſt auch nicht beſonders zeitgemäß, ſcheint doch der
V. Jahrg.
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