Jahrgang 
28-52 (1859)
Seite
726
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reiche Erbin war, ſollte er ſich ihr wieder nahen? Nimmer⸗ mehr! Der bloße Gedanke, man könne den leiſeſten Schritt als eine Annäherung deuten, ihm gewinnſüchtige Abſichten

unterlegen, ließ ſein Blut wallen. Es lag ſeiner ganzen Natur ſo fern, der Empfangende zu ſein; er befand ſich noch in dem Irrthum, in welchem die beſten, bravſten Männer oft befangen ſind, daß ſie nämlich das volle Herz, das ganze Sein und Leben eines Weibes ſelbſtverſtändlich und natürlich als ihr Eigenthum hinnehmen; die viel koſt⸗ bareren, geiſtigen Schätze, welche durch nichts zu erſetzen ſind, betrachten ſie als rechtmäßig ihnen zugehörend, wo⸗ hingegen ſie ſich ſträuben, die Glücksgüter, die ein Unge fähr dem geliebten Weibe zuertheilt, aus ihrer Hand zu empfangen, weil es ihrem Gefühle von Männlichkeit und Selbſtſtändigkeit zuwider ſein würde. Ehrhardt gehörte zu dieſen. Er mußte der Frau eine Heimath bieten können, durch ſein Sorgen und Schaffen begründet, aus ſeiner Hand mußte ſie Alles empfangen. Emſig hatte er geſtrebt und ſeine Zeit wohl benutzt, damit das Loos, welches er ihr bieten konnte, kein zu kärgliches ſei, das nicht aller Süßigkeit des Lebens entbehre. Die Pfarre, die er er⸗ halten, war eine der vorzüglichſten im ganzen Lande. Als

Zeitung.

in mancher ſtillen Stunde an Regine gedacht, und der Traum des Glückes, der ihm Jahre lang ſo lieblich ge⸗

winkt, wieder vor ihm erſtieg, wenn er es gefühlt, er könne doch nicht von ihr laſſen, und die Mahnung, daß er zu

ſchnell gehandelt, daß er den erſten Schritt zur Wiederver⸗ einigung thun müſſe, wie ein ſanfter Hauch durch ſeine Seele glitt jetzt war jeder Gedanke daran verweht.

Jetzt gab es kein Zurück. Zu der Selbſtſtändigkeit, die

ihm ſchon in ſo hohem Grade an Regine mißfiel, kam nun noch dieſer ungewöhnliche Reichthum, der ihrem ganzen Auftreten noch mehr Bedeutung geben mußte. Die Menſchen würden ihn beneiden, nicht nur um des Glückes willen ſie zu beſitzen, vielleicht weniger um ihr eigenes Selbſt, als um die Reichthümer, welche ſie ihm zubrachte; man würde ſie bedauern, daß ſie eine ſo beſcheidene Stel⸗ lung gewählt, ſich auf einer ſtillen Landpfarre vergraben, jetzt, wo ihr Talent, ihr Reichthum ſo wohl geeignet war, ihr einen hohen Platz in der Geſellſchaft zu ſichern. Nein, ihre Wege führten nicht einem Ziele zu; fern ab von ein⸗ ander lagen ſie. Hatte er ſich ihr nicht mit verſöhnenden Abſichten genaht, ſeinen Irrthum ihr bekaunt, ſie um Ver⸗ zeihung gebeten für ſein vorſchnelles Urtheil? Und wie

er dem erlauchten Grafen den Sohn, den er erzogen und mit dem er mehrere Jahre in fernen Landen gereiſt, als kräftigen, biederen Jüngling zugeführt, hatte jener ſie ihm als Zeichen der Dankbarkeit nach dem Tode des alten Predigers verheißen, und Ehrhardt hatte ſich die Gunſt der

Gemeinde ſchon theilweiſe erworben an dem Tage, da er

die Rede an dem Grabe des geſchiedenen Seelſorgers ge⸗ halten.

Jetzt hatte er eine Heimath; jetzt durfte er daran denken, ſich den eigenen Heerd zu bauen, und das edelſte Gefühl des Mannes, nun im Stande zu ſein, einen Haus⸗ ſtand, eine Familie zu gründen, wallte hoch auf in ſeiner Bruſt. Aber die ſo langgehegte Hoffnung war erblaßt, in der Knospe erſtorben vor dem Erblühen. Und wenn er

hochmüthig hatte ſie ihm geantwortet, wie ſtolz hatte ſie ihm gegenüber geſtanden! Nicht er war es, der die Trennung gewünſcht, den Bruch herbeigeführt. Immer nur in ihrem Trotz, ihrem Starrſinn ſchwebte ſie ihm vor, nimmer in der Innigkeit, die einen ſo ſchönen Gegenſatz zu ihrer kraft⸗ vollen, entſchiedenen Natur bildete. Auch jetzt gedachte er wieder des Momentes, als ſie ihren Stolz nicht ſo weit be⸗ zwingen, ſich nicht herablaſſen konnte, ihm freiwillig einen Gruß zu ſenden, nicht daran, wie ſie ſpäter ihm die herz⸗ lichen Worte. beſtellen ließ. Und als er dieſer gedachte, waren ſie weit entſernt ihn zu beſänftigen, denn wieder legte er ſie in einem anderen Sinne aus, ſah eine Art Protection daraus hervorleuchten.Seine treue Couſine!

danach fragte er nichts; nichts, gar nichts brauchte ſie ihm

jetzt ſchlaftrunken ein gähnender Rhythmus, zu dem ſich von ſelbſt gleich faule Worte finden.Ach, ich bin ſo müde, ach, ich bin ſo matt! Stehen Text und Melodie nicht ſchon mit einem Fuße im Bett und ſind nur zu bequem, den andern nachzuziehen?Möchte gerne ſchlafen geh'n, morgen wieder früh aufſtehen fügt ſich zur Entſchuldigung hinzu, und ſo könnte man dieſen Vers in ſeiner Totalität für den harmloſen Stoßſeufzer eines armen geplagten Arbeiters halten, der den ganzen Tag vom frühen Morgen an auf den Beinen war, und für den deshalb auch die Nacht zeitiger hereinbricht, als für andere weniger in Anſpruch genommene Menſchen. Aber in dem Ganzen drückt ſich nicht ſowohl eine zum Ausruhen berechtigte Abmüdung aus, als vielmehr eine un⸗ widerſtehliche und unberechtigte Faulheit, die ſich mit jenem ſchließlichen Vorſatz gegen äußere und innere Vorwürfe abzufinden und zu beſchönigen ſucht; iſt ja doch nicht nur der Weg zur Hölle, ſondern auch der in's Bett meiſt mit guten Vorſätzen gepflaſtert. Dergleichen arbeitsſcheue, ſchlafſüchtige Müßiggänger finden ſich überall, in wie Vielen ſetzt ſich nicht die Widerſpenſtigkeit gegen das lateiniſche Exercitium fort bis gegen die größere und ſchwe⸗

rere Aufgabe des Lebens, und darum iſt jener träge Vers mit

ſeiner ſchleppenden Weiſe zu jeder Tageszeit zeitgemäß, darum ſpricht er jeden Beſchäftigten und Unbeſchäftigten an, daher ſeine ſchnelle, ungeheure Popularität. Er iſt aber auch noch in einer höheren und weiteren Hinſicht zeitgemäß. Durch unſere ganze Zeit geht ein allgemeiner Zug der Ermüdung, man iſt vieler Zuſtände und Verhältniſſe müde bis zum Ueberdruß und Ekel ohne ausreichende Thatkraft, ſie über den Haufen zu werfen, oft auch ohne die Mittel dazu, und darum möchte man dem geſammten

Unweſen den Rücken wenden und ins Bett gehen, wo ſich am

ſchnellſten und leichteſten vergißt. Mehr als Ironie des Zufalls war es wohl, daß die Blüthezeit dieſes Straßen⸗Couplet's in jene unheimliche Periode fiel, wo der Vulcan, der unter unſeren Füßen grollt, mit einem gewaltigen Ausbruch drohte. Der Vorabend großer Ereigniſſe, an dem wir nun ſeit faſt zwanzig Jahren ſtehen geblieben ſind, ſchien endlich in wenig Minuten abgelaufen, der Augenblick der That rückte immer her, an einem Punkte ſchlug man ſich ſchon, an anderen wurde bereits gerüſtet, wo die Kanonen noch keine Bomben warfen, ließ die Preſſe Brandraketen ſteigen, Alles galt für bedroht, darum ward die Erhebung Aller gefor⸗ dert, undach, ich bin ſo müde, ach, ich bin ſo matt! ſang das Volk auf der Straße. War es die Feigheit einer erſchlafften und entnervten Zeit, die vor dem Aeußerſten zurückbebt und un⸗ thätig liegen bleiben will, bis die Sonne einer friedlicheren Zukunft ihr wieder in's Bett ſcheint, oder war es der Hohn nüch⸗ eehen konnten, daß dieſe kreißenden

terner Köpfe, die vorausſe zender Felſenmaſſen nur ein winziges Mäuslein gebären würden? Die Vermuthung ſpricht vielleicht für die erſte, der Erfolg jedenfalls für die zweite Alternative.. Der Tag der preußiſchen Mobilmachung verbannte mich auf längere Zeit nach Merſeburg, dem Sitz einer Regierung und mehrerer andern minder vornehmen Behörden, dem Winteraufent⸗ halt der langen Weile, dem Sommerlogis der Verzweiflung, einer Stadt, deren einzige Merkwürdigkeit darin beſteht, daß ſie noch einen Ort beſitzt, wo nicht geraucht werden darf, den Schloß⸗ garten. Eine intereſſante Begegnung aber war mir dort doch beſchieden. V In dieſer Steppe, doppelt ausgetrocknet durch die energiſche Sonne des vorigen Sommers, die einzige Großmacht, welche in

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